Die Ausstellung „Eine Enterbung“ im Haus am Lützowplatz (HaL) ist das Ergebnis einer seit 1994 andauernden künstlerischen Auseinandersetzung der britischen Malerin und Filmemacherin Barbara Loftus (*1946) mit dem früheren Leben ihrer Mutter Hildegard, geborene Basch (1915–2007). Diese überlebte das NS-Regime im britischen Exil, während ihre Eltern und ihr Bruder am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.
Über die Kindheit der Mutter im Berlin-Schöneberg der 1920er Jahre, über ihr Aufwachsen in der anfangs noch großbürgerlichen Wohnung in der Lutherstraße 51 (1939 umbenannt in Keithstraße 14), über die finanziellen Schwierigkeiten der Großeltern Sigismund und Herta während der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise sowie schließlich über die ab 1933 einsetzende massive gesellschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung bis hin zu Verfolgung, Deportation und Vernichtung – über all dies wusste die Tochter jahrzehntelang nichts Genaues.
Erst im Alter von 79 Jahren begann Barbaras Mutter aus einer zufälligen Situation heraus, über diesen Teil ihrer Vergangenheit zu sprechen. Seitdem widmet sich ihre Tochter der zuvor verborgenen Familiengeschichte mit bemerkenswerter Hingabe und Stringenz. Barbara Loftus studierte von 1962 bis 1964 an der Harrow School of Art und anschließend von 1964 bis 1968 am Brighton College of Art. Nach mehreren Ausstellungen und Lehrtätigkeiten wurden die ab 1994 zugänglich gewordenen Erinnerungen ihrer Mutter zum Katalysator neuer künstlerischer Verfahren – etwa der archivbasierten Forschung oder des Dokumentarfilms – und zugleich zum Zentrum einer bis heute fortgeführten Werkserie.
Ein Teil ihrer (re)konstruierten „Erinnerungsbilder“ wurde 2013/14 im Ephraim-Palais aus Anlass des Themenjahres „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933–1938–1945“ gezeigt, das an die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die Novemberpogrome erinnerte. Die dort ausgestellten Arbeiten wurden anschließend vom Land Berlin für die Sammlung des Stadtmuseums Berlin erworben. Eine Auswahl daraus bildet nun den Grundstock der Ausstellung im Haus am Lützowplatz, ergänzt um zahlreiche neue Arbeiten, einen 2018 entstandenen Film sowie eine neuen Publikation.
Die Idee zur Ausstellung wurde von Paul Spies noch während seiner Amtszeit als Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin im Austausch mit Marc Wellmann und Barbara Loftus entwickelt. Die örtliche Nähe zur Keithstraße sowie der Umstand, dass die Ausstellungsräume am Lützowplatz zu einem Wohnhaus gehören, das sich bis 1938 in jüdischem Besitz befand, bildeten dabei die tragenden, bedeutungsstiftenden Motive.
Lützowplatz 9
10785 Berlin