„Ich glaube, dass die einzige Möglichkeit, die Dinge zwischen Menschen in der Gesellschaft zu verändern darin besteht, mit möglichst vielen unterschiedlichen Personen zu interagieren und Stereotypen und Vorurteile zu hinterfragen. Dies wurde zum Modus Operandi meiner künstlerischen Arbeit."

Mit Julika Rudelius (lebt in Amster-dam) zeigt die Weserburg eine Künstlerin, die über ihre Tätigkeit als Professorin an der HfK Hochschule für Künste Bremen hinaus eng mit der regionalen Kunstszene verbunden und gleichzeitig national wie international bekannt ist. Ihre Werke verankern sich ineiner Tradition des theoretischen Denkens über Gegenwart.

Gleichzeitig beinhalten ihre Arbeiten eine starke intuitive Ebene, die den Zugang für die Besucher*innen einfach macht. Die Themen der Arbeiten spiegeln unseren Alltag mit all seinen kleinen und großen Absurditäten, Verwerfungen und Strukturen wider und stehen für eine Haltung, die sich unbekannten Dingen im ersten Schritt unvoreingenommen annähert, um Stereotype und Vorurteile zu hinterfragen.

Damit sind Julika Rudelius' Werke ganz nah an ihrem Gegenüber, den Besucher*innen, sowie am Puls einer Zeit, in der Vorurteile die Wahrnehmung auf das Tatsächliche allzu oft verstellen.

The Emperor's New Mall in der Weserburg
Die Ausstellung The Emperor's New Mallin der Weserburg präsentiert zwei neue filmische Arbeiten von Julika Rudelius. Der Titel der Ausstellung isteinem Neologismus aus dem bekannten Roman Generation X(1991) des kanadischen Schriftstellers und Künstlers Douglas Coupland entlehnt. Der Ausdruck beschreibt die visuellen Illusionen und Glaubenssysteme von Räumen, die sich Menschenim Kapitalismus geschaffen und angeeignet haben. Daran anknüpfend konzentrieren sich die in der Ausstellung gezeigten Videoarbeiten auf das Wesen perfektionierter Oberflächen Auf unsere äußere Erscheinung, unser Auftreten, unsere Statussymbole und die Verführung, die von ihnen ausgeht, sowohl für die Protagonist*innen im Film, also auch für die Betrachtenden davor.

Premiere von Double Surface
Die zur Ausstellung entstandene Videoarbeit Double Surface (2025) fokussiert sich in besonderem Maße auf hyperästhetische Oberflächen und lebt von der Faszination für die Schönheit von Objekten und Körpern in unserer spätkapitalistischen Welt. Hierbei verfolgt die Künstlerin eine Verbindung von begehrten, leistungsstarken und muskulös designten Autos und die Optimierung des menschlichen Körpers als paradoxes Phänomen in einer hochtechnologisierten Ge-sellschaft, die im Alltagnicht mehr auf Muskelkraft angewiesen ist. Julika Rudelius Interesse liegt darin, diese Entwicklung nachzuempfinden und erfahrbar zu machen.

Ein Teil des Filmes konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Statussymbol und Besitz, ein anderer zeigt die Autofahrer*innen im Gespräch über Ästhetik, Körper-und Lebensgefühl.

Double Surfaceist in mehreren Kapiteln angelegt, die sich über den Ausstellungszeitraum immer weiter er gänzen. Ein erstes Kapitel wird zur Eröffnung zu sehen sein, weitere folgen im Dezember 2025 und im März 2026.

„Seit einiger Zeit beschäftigt mich die hochentwickelte Ästhetik, mit der sich Körper an zeitgenössische Objekte wie z. B. Autos angleichen. Ich beobachte den stetigen Einsatz von 3D-Modellierungsprogram-men und Kl, die eine zunehmende Wichtigkeit der Repräsentation durch Selbstportraits von Mensch und Maschine einzunehmen und beinah ineinander überzugehen scheinen: Perfekt modellierte Oberflächen aus Haut und Metall erscheinen so vollendet, als wären sie unserer alltäglichen Realität entrückt. Für diese verblüffende Verschmelzung von Oberflächen möchte ich eine neue Ästhetik finden und klassische Stereotypen von Menschen vor Autos bzw. auf der Motorhaube überwinden. Es ist eine Art des Filmens, des Abtastens von Muskeln und metallenen Wölbungen, die sich nahtlos und fließend verbinden. Wie in all meinen Videos besteht ein Teil der Arbeit auchaus Monologen der Gefilmten, die aus den Vorgesprächen herauskristallisiert werden und die völlig unterschiedlichen Beweggründe, Wünsche und Vorstellungen derjenigen zeigen, die ikonische, hochentwickelte Autos lieben."

Layers of Sentiment
Anlässlich der Ausstellung in der Weserburg ist zudem eine Neufassung der Videoarbeit Layers of Sentiment(2023) entstanden. Die Neuinterpretationvon 2025 vereint drei unterschiedliche Facetten zeitge-nössischer, weiblicher Lebensentwürfe. Dabei verschränken sich die jeweiligen Bewältigungsstrategien einer jungen Mutter, einer jungen Künstlerinund einer Influencerin. Auf der Leinwand entwickeln sich nach und nach Gefühle, die durch die Versprechen eines glücklicheren Lebens oder einer persönlichen Handlungsfähigkeit entstehen, wie sie durch Design, Politik oder soziale Medien vermittelt werden. Unterstrichen wird dies durch eine schwebende Kameraführung auf der Materialität von Oberflächen.

Zwischen Kritik und Empathie
Die Arbeiten von Julika Rudelius schwanken zwischen Inszenierung und Improvisation. In ihren Filmen sind z.B. die Anweisungen und Fragen der Künstlerinan die Protagonist*innen für die Betrachtenden nicht nachzuvollziehen, so dass die aufgenommenen Handlungen wie eigene Entscheidungen der Dar-steller*innen, die reagierenden Antworten wie Monologe wirken. Die daraus resultierende Unmittelbarkeit versetzt das zuschauende Gegenüber in die Rolle von Angesprochenen und damit in eine Nähe zu den Figuren. Atmosphärisch öffnet sich so ein Ansatz, in dem sich eine empathische Neugier der Betrach-ter*innen entwickeln und sich letztlich selbst in diesen Porträts entdecken und anschauen kann.

Seit über zwanzig Jahren liegt der künstlerische Fokus von Julika Rudelius auf der Art und Weise, wie wir unsere Welt gestalten, als Individuum wie als Gemeinschaft. Wo immer die Künstlerin sich bewegt, beobachtet und dokumentiert sie ihr Umfeld. In ihren Filmen und Fotografien inszeniert sie Auffälliges, Irritierendes oder Verstörendes. Dabei treibt sie die Neugier auf den Menschenund die Inszenierung von Portraits des Menschen im 21. Jahrhundert. Die Lust, hier einzutauchen und ihren Widersprüchen, Ästhetiken und Funktionsweisen nachzuspüren, prägt ihr Schaffen sowohl auf inhaltlicher wie formaler Ebene. Ihr Ausgangspunkt ist die Faszination für und das Erstaunen über das, was wir Menschen uns ausdenken, umuns ingesellschaftlich, politisch oder kulturell geformten Rollen und Klischees einzufügen.