Die Ausstellung Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland widmet sich der maßgeblichen Rolle jüdischer Bürger:innen in Deutschland bei der Etablierung, Förderung und Verteidigung moderner Kunst seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Fünfzehn bedeutende Kunstsammlungen deutscher Jüd:innen werden dafür exemplarisch rekonstruiert und zahlreiche ihrer heute weltweit verstreuten herausragenden Werke wieder zusammengeführt. Die Geschichte dieser Menschen – ihr Verfolgungsschicksal im Nationalsozialismus und der Umgang mit ihnen danach – sowie die damit einhergehende Zerschlagung ihrer Sammlungen finden ebenso Thematisierung. Die Schau zeichnet die Wege der Kunstwerke bis heute nach. Präsentiert werden rund 100 Werke vom Realismus und Impressionismus bis zu Expressionismus und Neuer Sachlichkeit von Künstler:innen wie Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker und Max Pechstein. Stefan Koldehoff und Dr. Kathrin Baumstark haben die Ausstellung konzipiert und kuratiert.
Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich in den deutschen Großstädten ein zunehmend lebendiges bürgerliches Kunstleben, getragen von Galerien, Kunstvereinen, Kunsthändler:innen, Kritiker:innen sowie einem kunstaffinen und sammelnden Bürger:innentum, das sich in Opposition zum tradierten Akademiekanon offen für neue künstlerische Formate und Positionen zeigte. Die Sammelpraxis jüdischer Privatpersonen scheint in diesem Prozess eine zentrale Rolle gespielt zu haben: Anders als die offizielle Kunstpolitik des Kaiserreichs, die bis in die frühen 1910er-Jahre hinein konservativ orientiert blieb, begegneten jüdische Sammler:innen neuen Stilrichtungen mit einer bemerkenswerten Bereitschaft, die eigenen ästhetischen Sensibilitäten zu modernisieren.
Die Ausstellung überprüft diese Annahme und fragt nach Gründen für das herausstechende Engagement. Den heute ganz selbstverständlich verwendeten, tatsächlich aber ab 1933 und auch nach 1945 häufig missbrauchten und damit kontaminierten Moderne-Begriff stellt sie zugleich kritisch zur Diskussion. Im Mittelpunkt der Schau stehen beispielhaft fünfzehn Familien, Paare und Einzelpersonen aus allen Teilen des damaligen Deutschen Reiches, die durch ihre Sammeltätigkeit moderne Kunst in besonderer Form förderten und sich damit sowie auf andere Weise, etwa an ihren Wohnorten, für die Gesellschaft engagierten. Zu ihnen zählen u.a. die Familie Hirschland, Paul und Clothilde Schüler, Max Meirowsky, Rosa Schapire und Margarete Mauthner. Einige dieser Namen haben bis heute keinen Eingang ins kulturelle Gedächtnis gefunden. Aus ihren ehemaligen Sammlungen sind Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Künstler:innenpostkarten und Skulpturen von George Braque, Paul Cézanne, Lovis Corinth, Ferdinand Hodler, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Max Pechstein, Camille Pissarro, Karl Schmidt-Rottluff, Milly Steeger und vielen weiteren zu sehen.
Die Ausstellung erinnert an diese Sammler:innen, die häufig selbst oder in ihren Familien Ermordung oder Vertreibung ins Exil erfuhren. Außerdem rekonstruiert die Schau beispielhaft ihre kulturhistorische Leistung, indem sie die von den Sammler:innen zusammengetragenen Werke in ihrem historischen Kontext präsentiert. Dafür ist jeder Sammlung ein Raum gewidmet, in dem die Begegnung mit den Kunstwerken, den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihrer Geschichte sowie dem Weg der Kunstwerke bis heute möglich ist. Diese physischen und intellektuellen Räume zeigen auf, aus welchen Motivationen, auf welche Weise und mit welcher Unterstützung die einzelnen Sammlungen entstanden sind – und aus welchen Gründen die Sammler:innen sich vor allem progressiver Kunst zuwandten. Zudem wird erläutert, wie sie durch ihre individuellen Tätigkeiten gesellschaftlich zur Etablierung moderner Kunst beitrugen: Neben der intellektuellen Aneignung, Auswahl und Präsentation der Werke spielte die öffentliche Unterstützung moderner Kunst in Museen, Kunstvereinen und Publikationen, die Kooperation mit Galerist:innen und die direkte Förderung von Künstler:innen eine große Rolle. Ergänzend dazu werden die Persönlichkeiten und individuellen Lebenswege der Sammler:innen anhand von Zeitdokumenten und Fotografien dargestellt. Spätestens in der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre Lebensgeschichten von Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt. Als ein Aspekt dieser Unrechtsgeschichte wird fokussiert, wie politischer Druck, Zwangssteuern, Ausreiseverbote, Vermögenssperren und Devisenauflagen jüdische Sammler:innen zur Aufgabe ihrer Sammlungen zwangen. Die Ausstellung verdeutlicht, wie Netzwerke aus Kunsthändler:innen, Museen, staatlichen Akteur:innen und internationalen Käufer:innen an den Verwertungsprozessen beteiligt waren. Nach 1945 verstreuten sich die Kunstwerke über Kontinente und gelangten in private oder institutionelle Bestände, wobei die Vorgeschichte manchmal nicht mehr bekannt war, häufig aber auch bewusst verschleiert wurde.
In der Gesamtkonzeption verbindet die Schau kunsthistorische und kunstsoziologische Forschung und Analyse, kulturpolitische Kontextualisierung und erinnerungskulturelle Reflexion. Die langjährige und aufwändige Recherche zur Ausstellung hat gezeigt, dass viele jüdische Bürger:innen, deren Sammlungspraxis integraler Bestandteil der deutschen Moderne war, höchstens in Fachkreisen noch namentlich bekannt sind. Diese Sammler:innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist ein zentrales Anliegen der Ausstellung.
Kunstsammler:innen der Ausstellung: Adolf Jakob Bensinger (Mannheim), Martha und Walter Blank (Köln), Max Emden (Hamburg), Familie Hirschland (Essen), Wilhelm Landmann (Mannheim), Antonie („Toni“) Lessing (Berlin), Margarete Mauthner (Berlin), Max Meirowsky (Köln), Familie von Mendelssohn (Berlin), Martha und Hugo Nathan (Frankfurt am Main), Margarete Oppenheim (Berlin), Rosa Schapire (Hamburg), Clothilde und Paul Schüler (Bochum), Max Silberberg (Breslau), Alfred Wolf (Stuttgart).
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident FrankWalter Steinmeier.
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Gefördert von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
ie Ausstellung wird zudem gefördert von der Alfred Landecker Foundation, Hapag-Lloyd Stiftung, dem Bucerius Kunst Club, der Berthold Leibinger Stiftung, Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG und Lampe Asset Management GmbH und M.M.Warburg & CO.
Alter Wall 12
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