Wie können wir heute auf die gewaltsamen Praktiken der Kolonialzeit blicken? Wie lassen sich Wunden sichtbar machen – und ein Prozess der Heilung anstoßen? Die ägyptische Künstlerin Sara Sallam widmet sich diesen Fragen in neuen, eigens für das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) entwickelten Arbeiten. In der Ausstellung „Sara Sallam – Fürsorge. Fotografie neu ordnen“ setzt sie sich in den drei Kapiteln – „Über Trauer“, „Über Vertreibung“ und „Über Widerstand“ – mit der archäologischen und fotografischen Sammlung des MK&G sowie deren kolonialem Erbe auseinander. Im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ präsentiert das MK&G die Werke der jungen, in den Niederlanden lebenden Künstlerin erstmals in Deutschland.
Sallams forschungsbasierte Praxis umfasst Fotografie, Video, Text, Archivinterventionen und Künstler*innenbücher. In poetischen Neuinterpretationen als multimediale Installationen, performative Erzählung und selbst gestalteten Publikationen entwickelt sie oftmals Gegenerzählungen zu historischen Narrativen aus kolonialen Kontexten, die dazu einladen, die Vergangenheit neu zu betrachten. In „Suturing Wounds“ (2024–heute) beispielsweise komponiert die Künstlerin Faksimiles fragmentierter koptischer Textilien aus der Antikensammlung des MK&G zu einer handgenähten Tunika und inszeniert diese in fotografischen Selbstportraits. Dem Akt des Ausgrabens und Fragmentierens setzt die Künstlerin das Zusammenfügen und Nähen entgegen – eine Geste des Widerstands und zugleich ein heilendes Ritual, mit dem sie ihren unbekannten Vorfahr*innen gedenkt.
Sara Sallam: „Meine Arbeit beginnt oft mit der Erforschung von Museumsarchiven auf der Suche nach zum Schweigen gebrachten marginalisierten Stimmen. Ich suche nach Möglichkeiten, die durch koloniale Praktiken verursachten Wunden zu nähen und zu heilen. Durch ein empathisches Erzählen hinterfrage ich die dominanten Narrative, die unser kollektives Gedächtnis seit Langem prägen, und biete stattdessen Perspektiven an, die auf Fürsorge und Erinnerung gründen. Mit diesen Gesten hoffe ich, die Verwandtschaft mit meinen altägyptischen Vorfahren neu zu imaginieren.“
SARA SALLAM
Sara Sallam (* 1991) ist eine multidisziplinäre Künstlerin. Sie wuchs in Ägypten auf und lebt heute in den Niederlanden. Sie studierte Mediendesign in Kairo, Dokumentarfotografie in London und Film- und Fotowissenschaften in Leiden. Sallams Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, darunter im Medelhavsmuseet in Stockholm (2025), im Museo Egizio in Turin (2024 und 2022), im Art & History Museum in Brüssel (2023), in der Magnum Foundation in New York (2022) sowie in der Sharjah Art Foundation (2021).
FOTOGRAFIE NEU ORDNEN
In der Ausstellungsreihe „Fotografie neu ordnen“ werden Themen, Positionen, aber auch Leerstellen der Sammlung Fotografie und neue Medien am MK&G durch zeitgenössische künstlerische Interventionen kritisch hinterfragt. Langfristig verfolgt das Museum das Ziel, die Sammlung mit Arbeiten von Fotograf*innen migrantischer Herkunft zu erweitern und zu diversifizieren.
9. TRIENNALE DER PHOTOGRAPHIE HAMBURG 2026
Die Ausstellung findet im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 mit dem Titel „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ (5. Juni bis 22. September 2026) statt
Steintorplatz
20099 Hamburg