„Große Realistik und große Abstraktion“ –zwischen diesen beiden Polen bewegt sich der etwa 1.800 Blätter umfassende Bestand an deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung des Städel Museums. Eine Auswahl von rund 100 Zeichnungen wird vom 13. November 2019 bis zum 16. Februar 2020 in einer konzentrierten Ausstellung präsentiert, die eindrucksvoll die Qualität der Sammlung und ihre historisch gewachsenen Schwerpunkte widerspiegelt.
Den Auftakt bilden meisterhafte Zeichnungen von Max Beckmann (1884–1950) und Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), die auch einen umfassenden Einblick in die Zeichenkunst der beiden Künstler gewähren. Darauf folgen Arbeiten von Mitgliedern derKünstlervereinigung „Brücke“, darunter Erich Heckel (1883–1970), Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) und Emil Nolde (1867–1956). Anknüpfend an den Expressionismus und dessen abstrahierende Tendenzen werden Zeichnungen von Rolf Nesch (1893–1975), Werner Gilles (1894–1961) und Ernst Wilhelm Nay (1902–1968) gezeigt, ebenso Aquarelle von Paul Klee (1879–1940), dessen Arbeiten sich zwischen Gegenstandsnähe und Abstraktion bewegen. Auch im geteilten Deutschland der Nachkriegszeit ist diese Auseinandersetzung mit dem Gegenständlichen und Ungegenständlichen für die Künstler prägend. Dies zeigt sich in Werken des Informel genauso wie in neoexpressionistischen Strömungen oder der Pop-Art, etwa bei Karl Otto Götz (1914–2017), Joseph Beuys (1921–1986), Gerhard Richter (*1932), Georg Baselitz (*1938), A. R. Penck (1939–2017), Sigmar Polke (1941–2010) und Anselm Kiefer (*1945). Insgesamt sind in der Ausstellung Werke von rund 40 Künstlern versammelt.

„Die Erforschung des Bestandes der Graphischen Sammlung im Städel hat eine lange Tradition und wird nun mit einer pointierten Auswahl von deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts fortgesetzt. Neben der umfangreichen und international bedeutenden Sammlung von Zeichnungen Max Beckmanns und der „Brücke“-Künstler verwahrt das Städel herausragende Werke von Paul Klee, Willi Baumeister, Ernst Wilhelm Nay, Wols, Joseph Beuys, Georg Baselitz, Gerhard Richter und vielen anderen Künstlern. An diesen ausdrucksstarken, bis 1989/90, der Zeit der deutschen Wiedervereinigung, entstandenen Arbeiten lassen sich die Brüche, aber auch die Kontinuitäten des 20. Jahrhunderts, die sich verändernde Rolle und Aufgabe des Mediums der Zeichnung eindrucksvoll nachvollziehen,“ erklärt Städel Direktor Philipp Demandt.

Der Zeichnung kommt im 20. Jahrhundert eine besondere Rolle zu. Sie ist seit jeher Medium des Suchens, Erfindens und Experimentierens. In der Moderne gewinnt sie zudem an Eigenständigkeit und Autonomie und wird – vor allem in Zeiten staatlicher Überwachung und Unterdrückung – zu einem Medium des freien Denkens. In ihrer Vielfalt spiegelt sie nicht zuletzt auch die Komplexität der rasantem Wandel unterworfenen Kultur und Gesellschaft des 20. Jahrhunderts.

„Das 20. Jahrhundert ist vielstimmig, widersprüchlich und extrem, auch in der Kunst: Es war ein Jahrhundert der Avantgarden, der Künstlergemeinschaften und unnachgiebigen Einzelpositionen, der Realismen und Abstraktionen. Das weite Spektrum, in dem sich die Kunst des 20. Jahrhunderts bewegt, lässt sich durch die beiden ,Pole‘charakterisieren, die Wassily Kandinsky 1911 als für die Moderne grundlegend beschrieb: die ,große Realistik‘ und die ,große Abstraktion‘, das Gegenständliche und das Ungegenständliche. Dieses komplementäre Paar bildet einen Leitfaden, der die nahezu 1.800 Werke deutscher Zeichenkunst des 20. Jahrhunderts, die in der Graphischen Sammlung des Städel Museums bewahrt werden, auch über Generationen hinweg miteinander verknüpft. Diesem Pluralismus spüren die in der Ausstellung präsentierten und im Katalog bearbeiteten Zeichnungen nach“, erläutertJenny Graser, Kuratorin der Ausstellung und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Graphischen Sammlung des Städel Museums.

Zu verdanken ist die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts der Stiftung Gabriele Busch-Hauck, Frankfurt am Main. Diese Stiftung hat dankenswerterweise in den vergangenen Jahrzehnten in einem kontinuierlichen Engagement die kunsthistorische Erschließung ausgewählter Zeichnungsbestände desStädel Museums ermöglicht. Auch zu dieser Ausstellung erscheint ein Katalog, der den Bestand der deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts im Städel Museum erstmals exemplarisch erschließt.

Die Ausstellung:
Die rund 100 ausgestellten Blätter des 20. Jahrhunderts, ergänzt durch zwei Gemälde, werden unter unterschiedlichen Aspekten betrachtet, etwa wie sich die Künstler mit der Wirklichkeit auseinandersetzten, wie sie traditionelle, an den Akademien vermittelte Bildvorstellungen hinterfragten, weiterentwickelten oder unterliefen und nicht zuletzt auch welchen Stellenwert die Zeichnung in ihrem Schaffen grundsätzlich einnahm. An den ausgestellten Bleistiftskizzen, den farbig leuchtenden Pastellen und Aquarellen oder den monumentalen Collagen zeigt sich zudem die technische Vielfalt des Mediums Zeichnung, deren spezifische Besonderheiten die Künstler individuell ausschöpften. Die Zeichnungen sind dabei lose chronologisch einzelnen Gruppen zugeordnet, die auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von Gegenstandsnähe und abstrahierender Ablösung vom Naturvorbild beleuchten.

Schon die Expressionisten bedienten sich der Zeichnung als autonomer Kunstgattung, zugleich blieb sie aber Medium des Experimentierens. Beides spiegelt sich in den ersten Kapiteln der Ausstellung wider, die Ernst Ludwig Kirchner und Max Beckmann gewidmet sind. Von den Geschehnissen des Ersten Weltkriegs erschüttert, kam Beckmann 1915 nach Frankfurt am Main und zog sich dort zunächst in sein privates Umfeld zurück. Es entstanden Studien der näheren Umgebung und zahlreiche Porträts, darunter eine intensive und persönliche Bleistiftzeichnung der engen Freundin Fridel Battenberg (1880–1965) aus dem Jahr 1916 und ein malerisches Pastellbildnis von Marie Swarzenski (1889–1967) aus der Zeit um 1927. Marie Swarzenski war die Ehefrau von Georg Swarzenski (1876–1957), dem damaligen Direktor des Städelschen Kunstinstituts und der Städtischen Galerie, den Beckmann kurz vor seinem Tod in einem eindrücklichen Porträt festhielt, einer Kohlezeichnung auf blauem Papier, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Diese und weitere Werke zeigen Beckmanns feines Gespür für sein Gegenüber sowie den individuellen Einsatz der Zeichenmittel und dokumentieren darüber hinaus Beckmanns sich wandelnde Formensprache. Die vor dem Krieg entstandenen Kompositionen sind von abgerundeten Linien und weichen Konturen geprägt. Danach wird der Bildaufbau strenger, die Motive werden scharf umrissen und zeigen kantige Formen.

Für Ernst Ludwig Kirchner war die Zeichnung „Schlüssel seiner Kunst“. Mit über 120Zeichnungen Kirchners besitzt das Städel Museum einen der bedeutendsten Zeichnungsbestände des Künstlers in Deutschland, was wesentlich der 1948 erfolgtenSchenkung der Arbeiten auf Papier aus dem Nachlass des Frankfurter Mäzens CarlHagemann (1867–1940) zu verdanken ist. Eines der Meisterwerke ist die Pastellzeichnung Berliner Straßenszene von 1914. Die hastigen Blicke der beiden dargestellten Prostituierten, ihre schnellen Schritte und die der Passanten bestimmen das Bild: Kirchner war fasziniert von Menschen in Bewegung, von der hektischen Stimmung der aufstrebenden Metropole Berlin, die er in markante Linien übersetzte. Das reale Leben des Menschen bildete die Quelle seiner Kunst. Er abstrahierte das Gesehene, indem er die Naturformen auf das Wesentliche reduzierte.

Die enge Verknüpfung von Mensch und Natur verband Kirchner und Emil Nolde miteinander, auch noch über die gemeinsame Zeit in der Künstlervereinigung „Brücke“(1905–1913) hinaus. Die Naturverbundenheit wird insbesondere in Noldes Aquarellen, wie dem Vierwaldst tter See aus der Zeit um 1930 sichtbar. Hier überführte Nolde die erlebte Natur in eine flächenhafte Komposition mit kontrastierenden, leuchtenden Farben. Kontrolle und Zufall spielten gleichermaßen eine entscheidende Rolle im Gestaltungsprozess – gerade diese Verbindung ließ die Zeichnung zu einem Spiegel der zwischen Mensch und Natur wirkenden Kräfte werden.

Auch August Macke (1887–1914) suchte zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach adäquaten Ausdrucksformen für das auf ihn einströmende „ungeheure Leben“. In der 1913 entstandenen Studie Zwei Mädchen, die in enger Verbindung mit dem gleichnamigen Gemälde steht, sind zwei junge Mädchen in städtischer Umgebung dargestellt. Die Linien übersetzen dabei Bewegungsimpulse, Lichteffekte und die Geräuschkulisse der Großstadt in ein abstraktes Formgerüst und verleihen der Zeichnung eine dynamische Wirkung.
Vielfach an den Expressionismus anknüpfend entwickelte eine Reihe von Künstlern inden 1920er- und 1930er-Jahren eine stark abstrahierende Formensprache. Auch sie wandten sich von traditionellen, an den Akademien gelehrten Kompositionsprinzipien ab und erprobten zunächst auf dem Papier neue Darstellungsweisen. Sie gaben die naturalistische Wiedergabe auf und setzten das Gesehene und Erlebte in grundlegenden bildnerischen Elementen wie Linie und Fläche, Farbe und Form um. Rolf Nesch, Werner Gilles und Ernst Wilhelm Nay arbeiteten mit flächigen Farbformen, markanten Linien und geometrischen Figurendarstellungen und verzichteten auf eine illusionistische Darstellung von Tiefenräumlichkeit. Diese formalen Tendenzen lassen sich auch bei Willi Baumeisters (1889–1955) Sportler in Ruhe von 1929 beobachten. Baumeister grenzte sich allerdings von expressionistischen Vorbildern ab und pflegte einen eher sachlichen Ausdruck. Dennoch bildete das unmittelbare Seherlebnis unabhängig von den unterschiedlichen Darstellungsweisen der Künstler den Ausgangspunkt aller ihrer Werke. Ihr künstlerisches Ziel war die Darstellung der Urkräfte der Natur, die sie als Ausdruck des Lebens wahrnahmen und in ihre Bildkompositionen übersetzten – etwa Nay in rauschende Farbverläufe, Gilles in scheinbar vom Sonnenlicht durchflutete, klare Farben, oder Baumeister in reliefartige, an Gesteinsformationen erinnernde Oberflächenstrukturen.

Zwei Zeichnungen von Paul Klee, der noch mit August Macke nach Tunesien gereist war und von seinen Eindrücken auf dieser Reise zu zunehmend abstrakteren Kompositionen angeregt worden war, spiegeln dessen Virtuosität und Experimentierfreude im Zeichnen wider. In Fruchtbares geregelt von 1933 verwendete der Künstler neben einem Pinsel zudem einen Stempel, mit dem er die Farbe auf das Papier drückte. Für die späte Zeichnung alea jacta von 1940 trug Klee Kleisterfarbe auf ein raues, von den Zeichen der Zeit deutlich geprägtes Papier auf. Er kombinierte abstrakte Zeichen und expressive Farbfelder – rätselhafte Chiffren, die an die„Hieroglyphen“ Ernst Ludwig Kirchners erinnern – mit einem gestischen Farbauftrag, der bereits auf den intuitiven Mal- und Zeichenduktus des Informel vorausweist.

Vor dem Hintergrund der Gräueltaten des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs schien es vielen jungen Künstlern um 1945/50 unmöglich, an die Kunst der 1920er- und 1930er-Jahre anzuknüpfen. Sie suchten, wie die Generationen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Sie entwickelten eine abstrakte Bildsprache, ausschließlich aus Farbe und Form, die die expressive Geste in das Zentrum der Kunst stellte: Ausgehend von frühen tachistischen Tendenzen in Frankreich und beeinflusst durch den Surrealismus entwickelte sich in Deutschland das Informel. Zu Beginn der 1950er-Jahre avancierte Frankfurt am Main zum deutschen Zentrum dieser neuen Strömung. Karl Otto Götz besuchte die Stadt erstmals 1950 undlernte die dort ansässigen, gleichgesinnten Künstler Otto Greis (1913–2001), Bernard Schultze (1915–2005) und Heinz Kreutz (1923–2016) kennen. Im Dezember 1952 schlossen sie sich zu der losen Künstlergruppe „Quadriga“ zusammen.
Götz zeichnete und malte schnell aus der Bewegung heraus. Er überzog seine Bildermit dynamischen Farbwirbeln und -bahnen, wie in der Gouache Ohne Titel von 1957. Dabei wandte er eine neue, im Sommer 1952 eher zufällig entdeckte Technik an, bei der er Farbe auf das Papier auftrug und mit einem Messer oder einer Rakel aufriss. Auf diese Weise gelang es ihm, Formelemente aufzulösen. Die vielfältigen Spielarten des Informel sind in der Ausstellung zu sehen: zarte Linienbündel in Grafit ebenso wie farbintensive Farbspritzer und -tupfen, feine Liniennetze oder pastose, sich in die dritte Dimension ausbreitende Farbmaterie.

Von den Vertretern des Informel grenzten sich auch viele Künstler der Nachkriegsgeneration deutlich ab. Als Kinder hatten sie die Schrecken und Folgen des Zweiten Weltkriegs erlebt und machten nun die jüngste deutsche Geschichte zu ihrem Thema. Dafür griffen sie explizit auf eine gegenständliche Bildsprache zurück. Eugen Schönebeck (*1936) und Georg Baselitz (*1938) stellten in ihren Farbstift- und Tuschezeichnungen deformierte, von Narben, Wunden und Geschwüren bedeckteKörper dar, Markus Lüpertz (*1941) zeichnete „Deutsche Motive“, Jörg Immendorff (1945–2007) bereitete in farbenprächtigen Gouachen dem „Café Deutschland“ eineBühne und Anselm Kiefer (*1945) reflektierte in monumentalen Arbeiten eine als deutsch wahrgenommene Ästhetik. Neben diesen widerständigen Arbeiten von Künstlern, die in der BRD lebten, sind Zeichnungen von Hermann Glöckner (1889–1987), Gerhard Altenbourg (1926–1989), Werner Tübke (1929–2004) und A. R. Penck zu sehen, die die Vielfalt der Zeichenkunst in der DDR exemplarisch auffächern. Die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland brachte um 1989/90 eine ganz eigene Stimmung hervor, die Gerhard Richter in zarten und feinfühligen Grafitzeichnungen einfing. Sie vermitteln in ihrer dynamischen Sprache noch heute etwas vom damaligen Zusammen- und Aufbruch.

In den 1960er-Jahren begannen die deutschen Künstler allerdings nicht nur vermehrt die eigene jüngste Vergangenheit zu thematisieren, sie setzten sich auch mit der bürgerlichen, konsumorientierten Wohlstandsgesellschaft auseinander. Thomas Bayrle (*1937) bekleidete in Zeichnungen einen weiblichen Akt mit einem Mantel, dessen Muster aus Kaffeetassen zusammengesetzt ist. Zudem wurden alltägliche, bisher kunstunwürdige oder neu entwickelte Zeichenmittel wie Kugelschreiber, Neonstifte, Fineliner und Sprühfarben verwendet. Sigmar Polke nutzte sie sowohl für einfache Zeichnungen als auch für vielschichtige und komplexe Collagen. Viele Künstler überschritten die bisher üblichen Formate der Zeichenkunst und schufen monumentale Arbeiten: Antonius Höckelmann (1937–2000) spannte ein Gefüge aus sich windenden Schlingen über weite Papierbahnen und Johannes Grützke (1937–2017) setzte sich in großformatigen Selbstporträts in Szene. Peter Sorge (1937–2000) reflektierte in seinen aus verschiedenen Bildzitaten zusammengesetzten Farbstiftzeichnungen die sich wandelnde Medienlandschaft und die zunehmende Allgegenwart der Bilder, die heute aktueller denn je ist.