Das Künstlerinnenduo FORT überführt Gegenstände des alltäglichen Lebens in den Kontext der zeitgenössischen Kunst. Dabei nehmen Jenny Kropp und Alberta Niemann mit ihren raumgreifenden Installationen vor allem Elemente der Architektur und der Raumausstattung auf, aus denen sie geheimnisvolle Settings entwickeln. Mittels subtiler Eingriffe verfremden sie vermeintlich Vertrautes und lassen es ins Unvertraute kippen. In der AusstellungUndercover verhandeln FORT das Verhältnis von An- und Abwesenheit, wobei dem Titel gemäß dem Verborgenen und Unheimlichen eine zentrale Rolle zukommt.

Viele der von FORT geschaffenen Szenerien erinnern an verlassene Filmsets, von denen nur noch Versatzstücke übriggeblieben sind. Dabei gehen die Künstlerinnen auch mit den Gegebenheiten der Ausstellungsfläche um, reagieren auf diese und schaffen ihre eigene Rauminszenierung. In ihren Installationen spielen sie mit der Wahrnehmung des nur scheinbar Bekannten, schaffen Momente der Irritation und lassen so Brüche in unserer Alltagswelt sichtbar werden. Sie spüren Sehnsüchten und Ängsten nach, die sich über verschiedene Objekte, ihre Zusammenstellung sowie Inszenierung vermitteln und erzeugen so eine zwischen unheimlich und humorvoll changierende Atmosphäre.

Mit der Ausstellung widmet sich die Kunsthalle dezidiert Stipendiatinnen der Hessischen Kulturstiftung. Eigens für die Schau entwickeln Jenny Kropp und Alberta Niemann Arbeiten, die Objekte nicht nur im Raum, sondern auch fotografisch in Szene setzen. So bringen sie das Verborgene auch mit Fotografien aufwendig verpackter Geschenke zur Geltung. Die schöne Hülle weckt Begehrlichkeiten und Hoffnung auf eine positive Überraschung oder die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches. Jedoch stellt das Annehmen eines Geschenks in unserer von Tauschhandel geprägten Gesellschaft immer ein Risiko dar, enthält der Akt des Schenkens doch implizit die Erwartung einer entsprechenden Gegenleistung. Die opulente Dekoration der Präsente gibt ein Versprechen, wobei offen bleibt, ob der Inhalt dieses tatsächlich einlösen kann. Auch die Soundarbeit Secrets, die sich als Klangteppich auratisch über den Raum legt und die rätselhafte Stimmung in der Ausstellung verstärkt, ist für die Ausstellung in Gießen entstanden.

Ihrer ursprünglichen Umgebung entnommen und scheinbar aus der Zeit gefallen, tragen die eigentlich unbelebten Alltagsgegenstände, die FORT in ihren weiteren Installationen verwenden, oft noch Spuren menschlicher Präsenz. Jacken, die sich an einer Garderobenleiste hängend leicht bewegen, als ob jemand sie gerade erst dort platziert hätte, und Schuhspitzen, die hinter Vorhängen hervorlugen, erzeugen einen spannungsvollen Schwebezustand, weisen sie doch auf die Gegenwart von Menschen hin, die jedoch nicht in Erscheinung treten. Altmodische Telefone, die nicht benutzt werden können, weil sie ausschließlich miteinander verbunden sind, und Wohnungstüren, die nirgendwohin führen aber die Betrachter*innen mit ihren Türspionen zu beobachten scheinen, suggerieren hingegen ein seltsames Eigenleben der Dinge, das sich der menschlichen Kontrolle entzieht. Ihrer Funktion beraubt und imaginativ aufgeladen, entwickeln die Alltagsobjekte eine unterschwellige Aura des Unheimlichen. Die verschiedenen Gegenstände bleiben zwar als solche erkennbar, die leichten Verschiebungen und ihre Dysfunktionalität erwecken aber einen Moment der Verstörung.

„Bei den Künstlerinnen der Gruppe FORT ist keine Gewissheit alternativlos. Als Betrachter undProtagonist gleichermaßen verspürt man in den vermeintlichen Alltagskulissen des Künstlerduos ein Unbehagen, eine Verstimmung, die sich an der Realität reibt. Mit Überraschung stellt die Besucherin, der Besucher fest, dass er durch den Türspion nur sich selbst erblickt. Mit dieser surrealen, unheimlichen Ahnung lassen uns FORTs Erzählungen von Abwesenheit, Ängsten und Erwartungen in einer an Konsum und Leistung orientiertenGesellschaft teilhaben und schulen Einfühlungsvermögen und Humor“, freut sich Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung.

Jenny Kropp (*1978, Frankfurt am Main) und Alberta Niemann (*1982, Bremen) leben und arbeiten in Berlin. Jenny Kropp ist Absolventin der Hochschule für Künste Bremen. Alberta Niemann schloss ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg ab.
2008 gründeten sie gemeinsam mit Anna Jandt (*1980, Bremen) das Künstlerinnenkollektiv FORT. Seit 2014 sind sie unter diesem Namen als Duo tätig und erhielten 2015/2016 das Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung in New York City.

Stipendienprogramm der Hessischen Kulturstiftung
Seit 1992 unterhält die Hessische Kulturstiftung ein Stipendienprogramm für bildende Künstler*innen, die einen biographischen Bezug zu Hessen haben. Die Stipendien werden als Reise- oder Atelierstipendien im zweijährigen Turnus für Auslandsaufenthalte von zwölfmonatiger Dauer vergeben. Die Stiftung unterhält eigene Ateliers in London, New York City und Paris. Bis heute hat sie rund 180 Künstler*innen mit Stipendienmitteln gefördert und ihnen damit die Umsetzung künstlerischer Projekte, den Aufbau eines professionellen Netzwerkes und eine Reflexion der eigenen künstlerischen Position ermöglicht.

Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung: „Es ist für die Hessische Kulturstiftung eine besondere Freude, wenn wir Künstler und Künstlerinnen der Stiftung über das Stipendium hinaus begleiten können. Wir wollen mit unseren Stipendien mehr künstlerische Freiheit, Inspiration und internationalen Austausch ermöglichen und Künstler bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützen. FORT haben ihr Schaffen während eines einjährigen New York-Aufenthaltes weiterentwickelt. Diese Arbeit gemeinsam mit der Kunsthalle Gießen erfahrbar zu machen, ist ein großer Gewinn für unser Programm.“

Die Ausstellung wird unterstützt von der Hessischen Kulturstiftung und dem Verein Ehrenamt Gießen.