Es sei gerade „eine Zeit für Fragmente“, bemerkte der Künstler Marcel Duchamp gegenüber der Schriftstellerin Anaïs Nin, als diese ihn im Jahr 1934 in seinem Pariser Atelier besuchte. Konkret meinte er die Dokumentation seines Werks Großes Glas, für die er Schriftstücke und Grafiken lose in einer grünen Schachtel sammelte. In einer Welt, deren Einheit und Ganzheit von der Physik ebenso in Zweifel gezogen wurde wie durch das Auseinanderfallen der Gesellschaft, erschien Duchamp das Fragment als einzig mögliche Form des künstlerischen Handelns.

Die Ausstellung Zeit für Fragmente geht den unterschiedlichen Bedeutungen des Fragmentarischen anhand von Werken aus der Sammlung Marx und der Sammlung der Nationalgalerie nach. Im Erdgeschoss des Westflügels werden Installationen von Joseph Beuys mit Werken von Mariana Castillo Deball, Anish Kapoor, Franz West, Mariana Abramovi? und Ulay zusammengebracht. Im Obergeschoss des Westflügels sind nach einem Auftakt mit einer Skulptur von Hans Josephson Werke von Cy Twombly, Robert Rauschenberg und John Cage zu sehen. Arbeiten von Andy Warhol und Hans-Peter Feldmann öffnen den Blick auf populäre Bildwelten und Werke von Sam Taylor-Johnson, Thomas Florschuetz und William Kentridge thematisieren die Fragmentierung des Selbst.

In der Renaissance und der Romantik brachte das Fragment als Rest eines ehemals Ganzen oder als Unvollendetes die Sehnsucht nach Einheit und Vollständigkeit zum Ausdruck. Im 20. Jahrhundert wich diese Sehnsucht der Erkenntnis, dass die Welt stets eine unfertige ist. Es gibt immer einen Blickwinkel zu ergänzen oder einen weiteren Aspekt zu berücksichtigen. Teile, Überreste, Leerstellen und Ausschnitte verweisen in den Kunstwerken nicht mehr auf ein mögliches Ganzes, sondern auf die zugleich zerstörerische und schöpferische Kraft von Brüchen. Die gezeigten Werke machen dies auf unterschiedliche Weise anschaulich

Neben einem umfangreichen Vermittlungsprogramm (Themenführungen, Perspektivwechsel, Workshops und mehr) gibt es in der Ausstellung zwei Bereiche, in denen Kunstpräsentation und Kunstvermittlung eng zusammenspielen. Diese Räume für ... sind ein Projekt des Hamburger Bahnhof– Museum für Gegenwart – Berlin mit Blick auf den Neubau der Nationalgalerie. Im Museum des 20. Jahrhunderts, das in den kommenden Jahren am Kulturforum entsteht, werden den Besucher*innen Räume zur Verfügung stehen, in denen sie sich auf unterschiedlichen Wegen mit Kunstwerken und künstlerischen Fragestellungen beschäftigen können.


Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr 
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr 
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum