Kraftvolle Farben, abstrakte Formen und konstruktivistische Muster auf Tassen, Tellern und Tortenplatten: die Spritzdekore auf der Alltagskeramik der 1920er und 1930er verkörpern eine andere Moderne als die sachliche, monochrome Keramik im Sinne von Werkbund und Bauhaus. Aufgetragen mit rationalisierter Spritz- und Schablonentechnik bringen sie die Bildmotive der avantgardistischen Malerei von der Leinwand auf den Küchentisch.

Keramik mit Spritzdekor bleibt selbst zur Zeit der Weltwirtschaftskrise ein günstiger Modeartikel, der in hunderten Dekorvarianten herge­stellt und vertrieben wird und auf ökonomischer, gesellschaftlicher, technischer und künstleri­scher Ebene die Diskurse der Zeit repräsentiert: das Verständnis von künstlerisch gestaltender Arbeit, das Verhältnis von individuell geprägtem Einzelstück und anonymer Massenware, von Form und Ornament.

Warum verschwindet das populäre Spritzdekor Mitte der 1930er Jahre aus dem Warenangebot? In welchem Verhältnis steht es zum Kanon der klas­sischen Moderne? In welchem Zusammenhang stehen die Dekore zu den Bildmotiven der künstlerischen Avantgarde und deren Verfemung als »entartet« durch die Nationalsozialisten? Diesen Fragen geht die Ausstellung mit hunderten Beispielen aus privaten Sammlungen nach.


Zur Ausstellungsreihe:
Das Werkbundarchiv — Museum der Dinge zeigt im Kontext des Bauhausjahres seit November 2018 bis Frühjahr 2020 eine Ausstellungsserie unter dem Titel»111/99 – Fragen zur Gestaltungssprache der Moderne«.

Zwölf Jahre liegen zwischen der Gründung der Reformbewegung Deutscher Werkbund 1907 und der stilbildenden Kunstschule Bauhaus 1919 – im Jahr 2018 wurde der Deutsche Werkbund 111 und das Bauhaus 99 Jahre alt. Die Jubiläumsdaten als Zahlenspiel aufgreifend, hinterfragt das Werkbundarchiv – Museum der Dinge die programmatischen Schnittmengen beider Institutionen in der Entwicklung einer Gestaltungssprache der Moderne.

Warum haben sich bestimmte Merkmale als Kennzeichen für Modernität entwickelt und gelten trotz aller kritischen Reflexion bis heute als gesetzt: Materialien wie Glas, Stahl, Beton; Begriffe wie Sachlichkeit, Dekorlosigkeit, Funktionalität oder die Reduktion der Farbigkeit auf die Grundfarben und das Spektrum zwischen Weiß und Schwarz. Warum hat sich das von sozialen, politischen und ökonomischen Debatten geprägte Lebensreformkonzept von Werkbund und Bauhaus auf die starre Eindeutigkeit eines rein ästhetisch verstandenen Gestaltungsrezepts oder Musterbuchs reduziert? Diese Aspekte werden in drei aufeinander folgenden Ausstellungen thematisiert.»Dekor als Übergriff?« ist dabei der letzte Teil der Reihe.