Drei große Werkzyklen der japanischen Künstlerin Asana Fujikawa (*1981) treffen im großen Bildhaueratelier des Georg Kolbe Museums auf David Hockneys Bildserie „Six Fairy Tales from the Brothers Grimm“ von 1969, in denen der britische Künstler abgründige Momente der überlieferten Märchenstoffe illustriert. Rumpelstilzchen, Rapunzel und andere aus der europäischen Erzähltradition wohlbekannte Figuren zeigen sich in Hockneys feinfühligen Grafiken in einem die menschliche Existenz herausfordernden Spiel um Maskerade und Enthüllung.

Asana Fujikawa erzählt fantastische Geschichten in druckgrafischen Bilderfolgen, die in der Tradition von japanischen Holzschnitten, Ukiyo-e (Bilder der fließenden Welt), stehen. Aus diesen Geschichten animiert sie einzelne Figuren, modelliert sie in Keramik und setzt sie räumlich in Szene. Sie entwirft Bilderwelten, die, von Alltagserfahrungen ausgehend, magische Dimensionen eröffnen und kein Ende haben. Die Ausgangssituation ist oft simpel: Es geht um Waldarbeiter, die auf einer Insel eingesetzt werden, oder Mädchen, die im Wald spazieren gehen. Asana Fujikawas Akteur*innen geraten in sonderbare Situationen, in einen magischen Wald, der Besitz von ihnen nimmt, in eine Apotheke, in der Substanzen gehandelt werden, deren Gewinnung die Ausbeutung oder den Tod anderer Wesen bedeutet, oder verlieren auf Gewässern den festen Boden. Sie sind Einflüssen ausgesetzt, die sie nicht unbedingt verursacht haben, deren Konsequenzen sie aber spüren. Es sind Geschichten, die einfach und grausam sind, in denen es um die verstreichende Zeit, um die Beziehung des Menschen zur Natur und um Sexualität geht.

Asana Fujikawa und David Hockney teilen das Interesse an einer einfachen Erzählstruktur und einem ma­gischen Einfluss, der den Alltag einem stetigen Wandlungsprozess unterwirft, der allerdings nicht immer zu einem glück­lichen Ende führt. Beide nutzen traditionelle Gattungen und Techniken um im kleinen Format übertragbare Sinnbilder zu entwerfen, die aktuell und unvermittelt wirken. Wie in alten Geschichten erzählen sie von Begierde, der Sehnsucht nach Geld, Macht und Erfolg oder von unserem zweifelhaften Umgang mit der Natur.