Der 1952 in Erlangen geborene Maler Michael Engelhardt schaut bereits auf ein Œuvre von über 500 Werken zurück, die sich in der Tradition des Magischen Realismus ? wissen. Eine Auswahl von 86 Werken aus 37 öffentlichen wie privaten Sammlungen ist in Aschaffenburg zu sehen.

Seit nunmehr rund 50 Jahren lotet derehemalige Meisterschüler von Rudolf Hausner (Protagonist der Wiener Schule des Phantastischen Realismus) Reales und Irreales aus, oszilliert seine Malerei zwischen sinnlich Gegenständlichem und visuell Imaginiertem. Dabei fasziniert die technische Perfektion, mit der diese sehr persönliche Bildwelt mit hoher Suggestionskraft entsteht und den Betrachter in seinen Bann zieht.

In diesem Sinne formulierte es bereits 1988 sein Mentor Rudolf Hausner:
„Dem Maler Michael Engelhardt ist eine ganz ungewöhnliche Begabung zuteilgeworden, die ihn befähigt, jede vor seinem geistigen Horizont auftauchende Vision vollendet darzustellen.

Ich habe in den 20 Jahren meiner Lehrtätigkeit an zwei Hochschulen mehrere hundert Künstler unterschiedlichster geistiger und manueller Begabung kennen gelernt. Unter all den vielen Namen geht von der Person des Michael Engelhardt ein besonderer Glanz aus: von der handfesten Materialbeschreibung einer Gruppe von Objekten, die sich zu einem „Stillleben“ malerisch zusammenfinden biszur frei erfundenen, mythologisch-symbolischen Szenerie ist sein im wahrsten Sinne des Wortes „magischer Realismus“ von bestechender Überzeugungskraft. Die geöffnete, hölzerne Lade mit ihrenvom Zufall arrangierten Utensilien ist genauso wirklich wie die erfundenen Landschaften von einem anderen Stern, so als wären ihm zwischen Nachahmungund Erfindung keine Grenzen gesetzt.“ (1)

Michael Engelhardt ist in den zurückliegenden Jahrzehnten unbeirrt seinem Weg gefolgt, hat die Vielzahl der seit den 60er Jahren aufgekommenen Strömungen künstlerischen Ausdrucks (wieInstallationen, Performances, Land Art,Happenings, Foto-, Video- und Konzeptkunst) verfolgt und ist sich dennoch immer treu geblieben. Entgegen der allgemeinen Tendenz der Nachkriegszeit, zu immer größeren Bildformaten zu greifen, ist er dem kleinen und mittelgroßen Format treu geblieben. Seine Werke fordern ein näheres Herantreten des Betrachtersgeradezu ein und widersetzen sich eineroberflächlichen Konsumierung des Zu- Sehenden – in der Vertrautheit des vermeintlich Bekannten gewinnen die Brüche der ineinandergreifenden Wirklichkeitsebenen noch an Intensität.

Das Wunder „Leben“ nimmt in seiner Bildwelt Gestalt an und zwar so, dass das Magische, oder wie er es nennen würde, das „Poetische“ – bei aller Verankerung in der realistischen Malweise – erlebbar wird. Treffender als es Joachim Stark in seinem Essay zum künstlerischen Werk Michael Engelhardts ausgedrückt hat, lässt sich die Ortung Engelhardts in der Kunstgeschichtsschreibung und sein spezifisches „Wollen“ nicht ausdrücken: „Aber was heißt in der Kunst schon „magisch“ und was heißt schon „Realismus“? Der Begriff entstand [...] in enger Beziehung zur Neuen Sachlichkeit und wurde Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhundertsgeprägt mit Bezug auf die Stillleben und Landschaften eines Georg Schrimpf und Franz Radziwill. Die klaren Formen, die harten Licht-Schatten-Kontraste und die forcierte Perspektive der pittura meta sica [eines Giorgio de Chririco; C. L.] mögen hier ebenfalls Pate gestanden haben. Gewiss, Engelhardts Realismus kann den Betrachter magisch anziehen. Seine Gegenstände und Landschaften haben eine materielle und haptische Präsenz, die den Betrachter in Bann schlägt. Doch Naturnachahmung in Perfektion, Naturalismus, ist nicht Engelhardts Hauptziel. Ebensowenig der soziale Realismus in der Tradition eines Gustave Courbet. Auf den zweiten und dritten Blick wird der Betrachter von Engelhardts Bildern in den dargestellten Dingen und Oberflächen Erscheinungen gewahr, die die Solidität der dargestellten Objekte als Illusion offenbaren. Die Objekte, Landschaften und Figuren scheinen ein Geheimnis zu bergen, das dem aufmerksamen Betrachter angedeutet wird. Engelhardts Credo könnte vielmehr in der Nachfolge Leonardo daVincis herrühren: das Unsichtbare sichtbar zu machen als vornehmste Aufgabe der Malerei.“

Doch Engelhardt ist kein Träumer, er weiß sich verankert im Hier und Jetzt: In seinem Œuvre nden sich Referenzen zur Umweltproblematik („Versunkene Welt“, 1997), ebenso wie zur Politik „Deutsches Requiem“ (1984), oder der Globalisierung, in der die Finanzmärkte unser Wertesystem definieren („Euro bei Wasser und Brot“, 2001).

Sein Werk durchziehen Stillleben, Interieurs, Landschaften und Porträts und nicht selten verknüpft er alle Bildgattungen als Ausdruck seiner persönlichen Welt (z. B. in „Der Wachtraum“, 1980).

In dieser Welt spielt auch die Musik keine unerhebliche Rolle und so tauchen in seinen Bildern häufig auch Musikinstrumente auf wie in „Die Zypresse im Kloster Hagios Athanasios auf Samothrake“ aus dem Jahre 2005, oder auch in „Bouzouki im Gegenlicht“ von 1993 – die Schalenhalslaute, die hauptsächlich in der griechischen Musik Verwendung ndet, spielt er selbst...

In Werken wie der „Zypresse“, der „Quelle“ von 1985 oder der „Wüste Temet“ von 2002 finden Engelhardts ausgedehnte Reisen ihren Niederschlag. In seinemAtelier im mittelfränkischen Erlangen, der Heimatstadt des Künstlers, werden anhand von Reiseskizzen und Fotografien die Eindrücke aus Nepal und Indien, aus Afrika, und vor allem dem Mittelmeerraum, insbesondere Griechenlandzusammengeführt und in den typischen Engelhardtschen Bildkosmos überführt.

Dazu gehören als immer wiederkehrende Motive – vor allem in Stillleben und Landschaften Engelhardts – Flaschen undKannen, deren vertikale Gestalt ihm zugleich auch Metapher für die menschliche Figur sind, während ihre Anordnungen auf der Bildfläche die sozialen Beziehungen andeuten. Am deutlichsten wird dasin dem Werk „Familie“ von 2008.

Doch egal welcher Thematik er sich im Bild widmet, immer spricht aus ihnen seine Vorliebe für anspruchsvolle Lichtstimmungen, für die Darstellung unterschiedlicher Materialien und Oberflächen, für vertrackte Perspektiven und mehrfach gebrochener Wirklichkeitsebenen. Besonders „sprechend“ scheint in dieser Hinsicht das Werk „Im Atelier II“ von 2003 zu sein, das mit der Vielzahl der Formen an Malutensilien spielt. Ein zudem irritierendes Detail stellt die weinende Maske dar, Sinnbild für die tragische Komponente des Künstlerdaseins...


(1) Rudolf Hausner (1914-1995) in: Michael Engelhardt, Ölbilder und Zeichnungen, Ausst.-Kat. Galerie Rutzmoser München, Nürnberg 1988; Rudolf Hausner war Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Bei ihm studierte Michael Engelhardt von 1978 bis 1980 an der Wiener Akademie; 1989 wurde er dessen Assistent.

(2) Stark, Joachim, Das Unsichtbare sichtbar machen – der Maler Michael Engelhardt, 2009, Text publiziert auf der Homepage des Künstlers


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 16:00 Uhr
Montag: geschlossen

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