Die raumgreifenden Skulpturen von Karla Black sind von einer mehrdeutigen, fragilen Schönheit. Zarte Pastelltöne und Folien, Licht und Reflexionen verleihen ihnen trotz ihrer oft großen Formate etwas Schwereloses. Ihre Werke bewegen sich zwischen Installation, Malerei und Performance und haben letztlich den Anspruch, eigenständige Skulpturen zu sein. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert vom 25. Oktober 2019 bis zum 19. Januar 2020 neue Arbeiten der schottischen Künstlerin, die sie eigens für die Schirn Rotunde entwickelt.

Das Zentrum des Rundbaus nimmt die raumfüllende, transparente Skulptur Conditions (2019) ein und belegt somit den direkten Durchgang durch den öffentlich zugänglichen Raum. Black installiert dort eine Vaseline-Landschaft. Farbige Glasscherben versehren die weiche Oberfläche der Masse, in der Farbpartikel und Spuren ihrer Fertigung sichtbar sind. Gehalten wird das Material von Zellophanfolie, die mit durchsichtigem Klebeband in sanfter Rundung wie eine Art Beutel angehoben wird und auf Höhe des Rotundenumgangs im ersten Obergeschoss befestigt ist. Die filigrane und leichte Wirkung der Skulptur ist von den spezifischen Gegebenheiten des Ortes sowie der Einwirkung des Lichtes geprägt und steht geradezu im diametralen Widerspruch zur materiellen Präsenz der Vaseline. Mit dem Titel der Arbeit spielt Black auf klimatische wie auch konservatorische Bedingungen an, die den Zustand und das Material eines Kunstwerks unmittelbar beeinflussen.

Die Materialität von Skulptur ist ein zentrales Thema der Künstlerin. Black arbeitet mit klassischen skulpturalen Materialien ebenso wie mit Substanzen des täglichen Gebrauchs und der Kosmetik – mit Farbe, Gipspulver und transparentem Klebeband, mit Vaseline, Lippenstift und Nagellack. Die Textur, „das Anfühlen“, ist für ihre Auswahl ausschlaggebend. Ihre Skulpturen konzipiert die Künstlerin im Studio, installiert sie selbst und reagiert dabei auf die ortsspezifischen Gegebenheiten. Sie arbeitet mit den Händen, verreibt, schmiert, mischt. Bei genauerer Betrachtung sind Spuren des kreativen Prozesses auf ihren Werken zu erkennen. Besonders deutlich werden diese künstlerischen Markierungen in der Schirn im ersten Rotundenumgang, auf dessen Glasscheiben Black mit Lippenstift, Lidschatten und anderen Farbmitteln Fingerabdrücke, Schlieren, Verwischungen anbringt. Diese Arbeiten kombiniert die Künstlerin mit weiteren Werken, in denen sie bemalten, farbigen Gazestoff, Glas und Spiegelflächen sowie Gold verwendet. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material versteht Black als Möglichkeit der Kommunikation und als Mittel für das Verständnis der sie umgebenden Welt.
 
Die Ausstellung „Karla Black“ wird gefördert durch die SCHIRN ZEITGENOSSEN.
 
Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt: „Karla Black setzt mit sinnlicher Materialität einen Kontrapunkt zur geometrischen Architektur der Schirn Rotunde. Sie markiert den öffentlich zugänglichen Raum, schreibt ihm filigran und zugleich direkt ihren Fingerabdruck, ihre künstlerische Signatur ein. Die unmittelbare Beziehung zwischen Material, Form, Komposition und Farbe ist für die Künstlerin von großer Bedeutung. Damit schärft sie auch die Sinne für die Beschaffenheit des Ortes.“
 
Katharina Dohm, Kuratorin der Ausstellung, über die Künstlerin: „Karla Back befragt die physischen Eigenschaften und Möglichkeiten von Skulptur. Dabei spielt das Verwischen der Grenzen zum Raum und die Befreiung des Materials von Konnotationen eine zentrale Rolle. Über die Materialität ihrer Arbeiten stellt Black eine unmittelbare Beziehung zum Betrachter her – sie verführen und können doch nicht berührt werden. Mit haptischem Blick beginnt eine Annäherung, ein Abtasten und Nachdenken über die Präsenz der Werke.“
 
Karla Black (*1972 in Alexandria, Schottland) lebt und arbeitet in Glasgow. 2011 vertrat sie Schottland auf der 54. Biennale von Venedig und wurde im selben Jahr für den Turner-Preis nominiert. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, u. a. in The Power Plant, Toronto (2018), der Scottish National Gallery of Modern Art, den National Galleries of Scotland, Edinburgh (2016), dem Irish Museum of Modern Art, Dublin (2015) und der Kestnergesellschaft, Hannover (2013). Darüber hinaus partizipierte Black mit Arbeiten an Gruppenausstellungen, u. a. in der Whitechapel Gallery, London und der 57. Biennale von Venedig (2017), im Modern Art Oxford und im Centre Pompidou, Paris (2016), bei der Manifesta 10, Hermitage, St. Petersburg (2014), in der Tate Britain, London (2012) und dem Museum Ludwig, Köln (2001).
 
Die Ausstellung wird unterstützt durch die SCHIRN ZEITGENOSSEN, einem Kreis privater Förderer junger Kunst an der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Die Schirn dankt Jan Bauer und Lena Wallenhorst, Oliver und Nicole Behrens, Olaf Gerber und Nicole Emmerling de Oliveira, Markus Hammer und Birgit Heller, Hartmuth und Lilia Jung, Andreas Lukic und Sunhild Theuerkauf-Lukic, Shahpar Oschmann, Jörg Rockenhäuser und Vasiliki Basia, Reiner Sachs und Brigitta Bailly sowie Julia Schönbohm und Ralf Böckle für ihr Engagement.