Nach einer vielbeachteten Ausstellung mit verschiedenen künstlerischen Positionen aus Ost und West im Jahr der Eröffnung 2009 zeigt die Kunsthalle Schweinfurt nun zu ihrem 10-jährigen Bestehen unter dem Motto „Schwerkraft – Fliehkraft“ einenDialog von zwei herausragenden Künstlern aus der ehemaligen DDR: Hartwig Ebersbach und Dietrich Klinge.

Hartwig Ebersbach (geboren 1940 in Zwickau) war bereits zu DDR-Zeiten ein bedeutender und unbequemer Maler. Seine kritische Weltsicht hat er in die Person des „Kaspar“ transferiert, „Schutzpatron und heimlicher Gegenspieler“ (Klaus Gallwitz) in einem. Heute bringt er dem Betrachter als Haruspex – antiker Wahrsager, der insbesondere aus den Eingeweiden von Opfertieren weissagte – in eindringlicher Weise die Grundlagen menschlicher Existenz nahe. Ebersbachs expressive Seelenschau lässt sich freilich nicht einfach auf der Leinwand ablesen. Vielmehr kann der Betrachter die gestenreich aufgetragenen Farbpasten und - werte erspüren.

Im Zentrum der bildhauerischen Arbeit von Dietrich Klinge (geboren 1954 in Heiligenstadt/Thüringen) steht ebenfalls der Mensch. Dabei hat er zu einer höchst ästhetischen und unverwechselbaren Formensprache gefunden, die im Sinne einer visuellen Metamorphose zwischen zwei Materialien changiert, dem Holz und der Bronze. Dem Bildhauer ist gelungen, einen völlig neuen Akzent zur Körperhaftigkeit im 21. Jahrhundert zu setzen. Seine sakralen wie profanen Themen strahlen eine außerordentliche Präsenz aus. Die haptische Qualität der Bronze und die auf den ersten Blick spröde anmutende Oberfläche steigern die Ausstrahlung seiner kraftvollen Plastiken.

Der Dialog zwischen Bildhauer und Maler, zwischen Schwerkraft und Fliehkraft könnte nirgends besser verortet sein als im beinahe sakral anmutenden Raum der sogenannten großen Halle, einst der Bereich des Schwimmbeckens. Hier treffen zwei kraftvolle Ausdrucksformen aufeinander, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten und sich dennoch dem gleichen Thema verschrieben haben: der Auseinandersetzung mit dem Menschenbild.

Zu sehen sind acht überlebensgroße Plastiken von Dietrich Klinge, die geschickt im Ausstellungsraum inszeniert sind und dort ihre unvergleichliche Präsenz im Raum entfalten können. Sie korrespondieren mit Hartwig Ebersbachs elf großformatigen Gemälden, die an den umlaufenden Wänden hängen und wie ein überdimensionaler Fries seiner Lebensgeschichte wirken. Die vermeintlichen Unterschiede entwickeln im Ausstellungsraum so eine reizvolle Dramaturgie der großen Gesten und Formen: hier die Auflösung der Oberfläche in der Malerei, dort die geschlossene Struktur der Bronze, hier wahre Farberuptionen, dort die matte Tonigkeit des Metalls. Ergänzt wird die Schau durch fünf Plastiken auf dem Vorplatz der Kunsthalle.

Die Ausstellung steht auch im Zeichen der kürzlich eröffneten neuen Dauerausstellung. Im Untergeschoss wird der Fokus fortan auf das Thema„Individuum und Gesellschaft“ gerichtet. Die dort ausgestellten Werke thematisierengesellschaftliche Fragestellungen, die Deutschland seit der Teilung in zwei deutsche Staaten prägten. Folgerichtig spielt auch der Ost-West-Dialog um den Mauerfall bzw. das Wendejahr 1989/90 eine entscheidende Rolle.

Dass sich die evangelisch-lutherische Kirche St. Johannis und die Sparkassengalerie in Schweinfurt sowie die Nürnberger Galerie Bode an dem Ausstellungsprojekt beteiligt haben, spiegelt die tiefe Wertschätzung für die beiden Künstler Hartwig Ebersbach und Dietrich Klinge und unterstreicht die deutlich überregional ausgerichtete politische Strahlkraft der Ausstellung.