Das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen zeigt mit Fruit from Saturn eine Einzelausstellung der in Berlin lebenden Künstlerin Heba Y. Amin (*1980 in Kairo, Ägypten)

Der Ausstellungstitel Fruit from Saturn bezieht sich auf den 1946 erschienenen gleichnamigen Gedichtband des deutsch-französischen Lyrikers Yvan Goll. Atom Elegy, das Eröffnungsgedicht des Buches, entstand als Folge der Verheissungen eines „Zeitalters der atomaren Kraft“, das Utopien von Fortschritt und Moderne mit sich zu bringen schien. Nach dem Abwurf der ersten Atombombe und der zerstörerischen Gewalt, die sie entfaltete, überarbeitete Goll das Gedicht.

Techno-utopische Ideen, wie sie sich in charakteristischen Mechanismen von hegemonialer Macht manifestieren, bilden das Herzstück von Heba Amins Arbeiten. In ihren medienübergreifenden Werken nutzt die Künstlerin Golls Poesie, um Herrschaft und Autorität sichtbar zu machen, die mittels Technologie ausgeübt wird. Fruit from Saturn beleuchtet die Schwachstellen eines nationalstaatlichen Paradigmas und die technologische Gewalt, die durch Nationalgefühle heraufbeschworen werden. Die Künstlerin zeigt uns, wie – gekennzeichnet durch koloniale Kriegsführung und gescheiterte politische Bewegungen in Nordafrika – Technologien zur Festigung hegemonialer Macht benutzt werden.

Fruit from Saturn führt uns vor Augen, wie Landschaft als Ausdruck vorherrschender politischer Macht dient. Amins neue Arbeiten widmen sich Narrationen um das deutsche Afrika-Korps und dessen lang anhaltender Präsenz im nördlichen Ägypten. In der Ausstellung im Zentrum für verfolgte Künste fokussieren sich ihre Forschungen auf die Geschichte einer in El Alamein gelegenen Nazi-Pyramide, ein Memento Mori eines im Zweiten Weltkrieg gefallen deutschen Kampfpiloten, der „Stern von

Afrika“ genannt wurde. Im Kontrast dazu zeigt sich Heba Amin in eine Serie neuer Fotografien als Landvermesserin aus Afrika, die bei Nacht mit einem optischen Gerät deutsche Landschaften taxiert und kartiert – technischer Fortschritt als eine Geschichte von Imperien und kolonialer Ausbeutung.

Teil der Ausstellung Fruit from Saturn ist Amins fortlaufende Multichannel-VideoinstallationSpeak2Tweet. Eine Sammlung während des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 versandter Sprachnachrichten nach der landesweiten Abschaltung des Internetzugangs. Das Project Speak2Tweet zeigt das Paradoxon der Kommunikationstechnologien, getarnt als utopische Versprechungen demokratischer Ausdrucksform, und die verwaisten urbanen Strukturen als Abbild der dauerhaften Auswirkungen einer korrupten Diktatur.

Während Yvan Goll im Prozess der Kernspaltung die Alchemie eines Erkenntniserwerbs sieht, betont Heba Amin die repressiven Auswirkungen technologischer Eingriffe im Nordafrika des vergangenen Jahrhunderts. Künstlerin und Poet beleuchten aber denselben Kern von Macht, gespeist aus Technik und Hegemonie. Die Sammlung des Zentrums für verfolgte Künste von Yvan Golls Werk umfasst das originale, unveröffentlichte Manuskript der Atom Elegy, das als Teil der Ausstellung erstmalig öffentlich gezeigt wird.

Heba Y. Amin nahm an zahlreichen internationalen Ausstellungen teil. Zu sehen waren ihre Werke unter anderem auf der 10. Berlin Biennale, der 15. Istanbul Biennale, in der Kunsthalle Bremen (Kunstpreis der Böttcherstrasse 2018), im MAXXI Rom, im FACT Liverpool, in der Kunsthalle Wien, dem Museum of Modern Art in Warschau, dem MOCAK Krakau, im Kunstverein Hamburg, auf der 9. Forum Expanded Exhibition der Berlin Berlinale oder der IV Moscow International Biennale for Young Art. In mehreren Sammlungen, etwa der des Britischen Museums London, sind ihre Arbeiten vertreten. Amin wuchs in Kairo auf und schloss ihr Master-Studium der Bildenden Künste (MFA) an der University of Minnesota ab. Derzeit unterrichtet sie am Bard College Berlin, ist Promotions-Stipendiatin im Bereich Kunstgeschichte der Freien Universität Berlin und im Jahr 2019 Field of Vision-Stipendiatin in New York. Sie ist außerdem Mitbegründerin des Black Athena Collective, Kuratorin für Visuelle Kunst für das US-amerikanische Mizna-Journal und Co-Kuratorin des Residency-Programmes DEFAULT der Random Association (IT).


Öffnungszeiten:
Dienstag – Sonntag (Feiertage): 10:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: verfolgte-kuenste.com

Portrait of Woman with Theodolite I, 2019, Archival pigment print , © Heba Y. Amin
15.11.2019 - 02.02.2020

Heba Y. Amin: Fruit from Saturn

Zentrum für verfolgte Künste

Wuppertaler Str. 160
42653 Solingen