"My work is black, it is feminine, and it is marginal. I'm a rebel."
Sonia Gomes

Mit I Rise – I’m a Black Ocean, Leaping and Wide erhält die Brasilianerin Sonia Gomes ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Europa. Der erste Teil der Ausstellung ist seit 7. September im Salon Berlin des Museum Frieder Burda zu sehen. Vom 12. Oktober 2019 bis 8. März 2020 erfährt die Ausstellung nun ihre Ergänzung im Mezzanin des Museum Frieder Burda, Baden-Baden.

Kopfüberhängende, ineinander verdrehte Leiber, die an Gelynchte oder verwelkende Vegetationen denken lassen. Nervenbahnen, innere Landkarten, Traumfänger: Sonia Gomes‘biomorphe Skulpturen sind von beunruhigender, geradezu magischer Präsenz. 1948 als uneheliche Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters in Caetanópolis, einem Zentrum der brasilianischen Textilindustrie, geboren, wuchs Gomes nach dem frühen Tod der Mutter in der weißen, katholischen Familie ihres Vaters, einem Textilunternehmer, auf. Die afrikanische Kultur und Spiritualität ihrer Mutter und Großmutter, das Interesse an Ritualen, Prozessionen und Mythen sollten jedoch ihr Leben und ihr späteres Werk nachhaltig prägen. Schon als Jugendliche hatte Gomes damit begonnen, Textilien und Kleidung zu dekonstruieren, um ihren eigenen Stil zu kreieren und daraus Gebrauchsgegenstände und kunsthandwerkliche Objekte zu schaffen. Doch erst 40-jährig, als sie die Guignard-Kunstschule in Belo Horizonte besucht, entsteht durch die Unterstützung eines Lehrers der Entschluss, eine Laufbahn in der Gegenwartskunst einzuschlagen. Heute gehört sie nach ihrer Beteiligung an der 56. Biennale in Venedig 2015 zu den einflussreichsten Künstlerinnen Brasiliens.

In ihrem Werk verarbeitet Gomes gefundene oder geschenkte Materialien, wie etwa alte Textilien, Treibholz, Möbel oder Wolle, zu Skulpturen und raumfüllenden Installationen. Damit verbindet sie in ihren Werken traditionell weiblich konnotierte Handarbeitstechniken, wie Sticken, Wickeln, Nähen und Binden, mit den unterschiedlichsten Bezügen. Gomes schöpft dabei aus der Volkskunst und den spirituellen afrikanischen Traditionen, der Formensprache des Surrealismus, der brasilianischen Moderne und der aktuellen Gegenwartskunst. Zugleich finden sich immer wieder Verbindungen zur Kultur des Black Atlantic, einer hybriden und polyphonen afro-diasporischen „Gegenkultur der Moderne“, die der Kulturwissenschaftler Paul Gilroy 1993 als „nicht spezifisch afrikanisch,amerikanisch, karibisch oder europäisch, sondern all dieses zusammen“ beschrieb.

„Sonia Gomes’ Stoffarbeiten entwickeln eine Eigenwilligkeit, formale Virtuosität undMaterialität, die mit den Werken von Louise Bourgeois vergleichbar sind. Sie haben eine unglaubliche Kraft und zugleich einen poetischen Zauber, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Sonia Gomes ist nicht direkt politisch in der afro-brasilianischen Bewegung engagiert, jedoch machen ihre Arbeiten den weiblichen schwarzen Körper und somit (persönliche) Geschichte sichtbar. Gomes lässt uns nachempfinden, wie äußerst wichtig es ist, das große Narrativ, die Privilegien und Hierarchien hin zu mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu hinterfragen – und sich für dieseeinzusetzen“, so Patricia Kamp, künstlerische Leiterin des Salon Berlin und Kuratorin der Ausstellung.

Die Ausstellung I Rise – I’m a Black Ocean, Leaping and Wide vereint Arbeiten aus den frühen 2000er-Jahren bis hin zu Gomes’ aktuellen Mixed-Media-Skulpturen. Der poetische Titel der Ausstellung ist inspiriert von Passagen aus dem gleichnamigen Gedicht der afro-amerikanischen Poetin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou (1928-2014). Still I Rise ist ein hymnischer Protest gegen Rassismus, sexuelle Gewalt, die Marginalisierung von schwarzen Frauen und die Geschichte der Sklaverei. Die Ausstellung dokumentiert, wie Gomes traditionelle Handarbeitstechniken einsetzt, um Objekte zu schaffen, die extreme Körperlichkeit mit dem Sakralen und Transzendenten verbinden. Besonders in ihren jüngeren Werken bezieht sie sich vielschichtig auf Unterdrückung und Gewalt, aber auch auf den existenziellen Kreislauf von Werden und Vergehen.

So mutet die verschlungene, von der Decke hängende Kette von o o o n p o (2016)wie eine Symbiose aus Nabelschnur, Schlingpflanze und Gedankenkette an, wobei der Titel „Das Band der Schwachsinnigen/Narren“ zugleich auf Sklavenhandel und koloniale Karnevalsbräucheverweist. Auch die in einem Netz baumelnden, organartigen Formen von Hiato (2019) sind ambivalent. Sie könnten eine Brut- oder Grabstätte, einen Mutterleib oder verdorrende Samen und Eingeweide andeuten. Skulpturen wie Aninhado (2019) oder (2018) scheinen sich auf den ersten Blick dem gefangenen, gequälten weiblichen Körper zu widmen.

Bis an die Grenzen der Belastbarkeit gedehnt oder verdreht, widersetzen sich Gomes’ surrealeFiguren der physischen Gewalt und ihrer Opferrolle mit ganzer Kraft, signalisieren Ausbruch, Aufbruch und eine spirituelle Unbeugsamkeit, die auch Maya Angelou in den Anfangszeilen ihres Gedichts Still I Rise beschwört: „You may write me down in history / With your bitter, twisted lies, / You may trod me in the very dirt / But still, like dust, I'll rise“. Dieses Gedicht – auf Portugiesisch „Eu Me Levanto“ – gibt nicht nur der Ausstellung ihren Titel, es bezeichnet auch ein zentrales Werk von Gomes, das nun in Baden-Baden zu sehen ist: Aus einem sich an den Boden schmiegenden Wurzelholz wächst wie ein organischer farbenfroher Pilzbewuchs einer von Gomes‘ typischen Textil-Gebilden mit seinen Verknotungen und Verdichtungen heraus. Speziell für die Ausstellung in Baden-Baden und als Auseinandersetzung mit einer Ikone des Museum Frieder Burda, dem Gemälde Untitled XV von Willem de Kooning aus dem Jahr 1982, kreierte die Künstlerin zudem die Wandskulptur To De Kooning, 2019. Sonia Gomes’ Wahl der Farben und die ineinander verschlungenen Windungenlassen beide Werke in einen faszinierenden Dialog miteinander treten.

Zu den Ausstellungen erscheint eine Publikation in der Edition Cantz, die neben Installations- ansichten einen einführenden Text über die Künstlerin, ihr Leben und ihr Werk enthält.


Museum Frieder Burda I Salon Berlin (Teil 1)
7. September 2019 – 22. Februar 2020

Museum Frieder Burda, Baden-Baden (Teil 2)
12. Oktober 2019 – 8. März 2020

Sonia Gomes, To de Kooning, 2019 © Sonia Gomez
12.10.2019 - 08.03.2020

Sonia Gomes: I Rise - I’m a Black Ocean, Leaping and Wide

Museum Frieder Burda

Lichtentaler Allee 8 b
76530 Baden-Baden