Zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls und der friedlichen Revolution zeigt das Bröhan-Museum die Ausstellung „Stefan Moses – Abschied und Anfang“. In der Umbruchsphase von 1989/90 nutzte der Münchner Fotograf Stefan Moses die Chance, mit seiner Serie „Abschied und Anfang“ die DDR-Bevölkerung zu porträtieren und setzte damit einer Gesellschaft im Wandel ein fotografisches Denkmal.

Der ursprünglich aus Liegnitz stammende Stefan Moses (1928-2018) konnte damals endlich ungehindert vom DDR-Regime den Osten Deutschlands bereisen und fotografieren. Dies war ihm lange ein wichtiges Anliegen, jedoch wurden seine Anträge immer wieder abgelehnt. Bereits Anfang der 1960er Jahre begann Moses eine Serie zu den Deutschen, die ihn zu einem der bekanntesten Porträtfotografen Deutschlands machte. Sie besteht aus Schwarz-Weiß-Aufnahmen von anonymen Angehörigen verschiedener Berufsgruppen, die im Freien vor einem grauen Tuch posieren. Im Kontrast zu dieser unpersönlichen Inszenierung offenbaren sich die Individuen und deren offener Dialog mit dem Fotografen besonders deutlich. Zur Vervollständigung der Serie bereiste Moses 1989/90 die untergehende DDR. Als typische Vertreter ihrer Berufe fotografierte Moses erneut namenlose Deutsche und in dieser Serie erstmals auch Prominente aus Kultur und Politik. Das große graue Tuch stellt dabei einen Bezug zu den Fotografien aus den 60ern her. Diesmal wird es gelegentlich auch spielerisch drapiert, zum Verhüllen genutzt oder gänzlich weggelassen. Außerdem werden nun auch wiedererkennbare Landschaften und Straßenabschnitte als auch Institutionen und Privatwohnungen fotografiert, sodass die Zeitlichkeit der Bilder betont wird und dokumentarische Aufnahmen entstehen. Stefan Moses kommentierte die Porträts 1999 wie folgt: „Nie wieder werden diese Gesichter so erwartungsvoll und offen sein. Die Zusammenfassung eines Lebens in der Heimat in einer Hundertstelsekunde, das kann wirklich nur die Photographie. Der Augenblick der Sekundenwahrheit aus dem optischen Stundenbuch zur Jahrhundertwende, Momentaufnahme eines Umbruchs – nach so wenigen Jahren ist sie historisches Protokoll geworden.“

Dass es bei der Wiedervereinigung bei weitem nicht nur um Politik ging, vermitteln Moses‘ Fotografien noch heute. Denn trotz sichtbarer Narben der Vergangenheit und dem Wissen um eine konfliktreiche Zukunft stellen sie Sympathie, Identifikation und Menschlichkeit in den Mittelpunkt. Als Moses „Ostdeutsche Porträts“ 1991 im Deutschen Historischen Museum zum ersten Mal in Berlin gezeigt wurden, waren sie künstlerische Berichterstattung, 1999 bereits kulturelle Reflexionsgrundlage. Und heute, in einer Zeit, in der erneut über Mauern diskutiert wird, offenbart sich ihre zeit- und grenzenlose Bedeutung.

Stefan Moses Junge Pioniere, Cottbus Fotografie 1991 © Else Bechteler-Moses
08.11.2019 - 19.04.2020

Stefan Moses – Abschied und Anfang. Ostdeutsche Porträts 1989-1990. Blackbox #8

Bröhan-Museum

Schloßstraße 1a
14059 Berlin