Aktuell ist mehr als jeder fünfte Bundesbürger tätowiert. In einer jüngst in der Apotheken Umschau veröffentlichten Studie gaben 21 Prozent der Befragten an, mindestens eine Tätowierung auf dem Körper zu tragen. Mit diesem Trend geht auch eine rasante Zunahme professioneller Tattoo-Studios einher: Konnten vor 30 Jahren bundesweit gerade ein paar Dutzend gezählt werden, sind es heute fast 8.000. Diese Tattoo-Mode ist aber keineswegs eine besondere Begleiterscheinung unseres visuell geprägten digitalen Zeitalters. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Praxis der Tätowierung in der westlichen Welt eine regelrechte Blüte. In Metropolen wie London, New York und anderen großen Hafenstädten hatten renommierte Tätowierer Mühe, die große Nachfrage aus allen Gesellschaftsschichten zu bedienen.

Einer der interessantesten und vielseitigsten Tattoo-Künstler des 20. Jahrhunderts ist der Hamburger Christian Warlich, der in der internationalen Szene bis heute als „König der Tätowierer“ erinnert wird. Ein halbes Jahrhundert, von der frühen Weimarer Republik bis zu seinem Tod im Jahr 1964, war Warlich als Tattoo-Pionier und als Gastronom in einer Kneipe auf St. Pauli tätig, die er als eines der ersten „Ateliers für moderne Tätowierungen“ betrieb. Inspiriert von der Formensprache asiatischer Tätowierungen, von Motiven der amerikanischen Populärkultur, aber auch von Sujets der europäischen Kunstgeschichte, entwickelte Warlich einen eigenen signifikanten Stil, dessen Popularität bis heute ungebrochen ist. Neben seinem künstlerischen Gewerbe korrespondierte Warlich mit Wissenschaftlern und Hautärzten in aller Welt, entwickelte eigene innovative Vermarktungsstrategien, vertrieb Tätowiermaterialien und wurde zu einem Vorreiter auf dem Gebiet der Tattoo-Entfernung.

In der Sammlung des Museums für Hamburgische Geschichte befindet sich ein weltweit einzigartiges Konvolut aus dem Nachlass von Christian Warlich, das vom Kunsthistoriker und Kurator Ole Wittmann seit vier Jahren wissenschaftlich aufgearbeitet wird und die Basis für die Sonderausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ bildet.

 

Im Mittelpunkt der vom Büro Holzer Kobler Architekturen Zürich/Berlin gestalteten Ausstellung stehen neben historischen Fotos aus Warlichs Atelier und von seinen Werbematerialien die handgemalten Vorlagezeichnungen mit ihrer ungeheuren Vielfalt an Motiven. Warlichs Vorlagealbum, das als bekannteste und weltweit am stärksten rezipierte Motivsammlung für Tätowierungen gilt, wurde anlässlich der Ausstellung im Prestel Verlag neu aufgelegt. Ergänzend werden zahlreiche Objekte gezeigt, anhand derer die rege Warlich-Rezeption von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart dokumentiert wird. Um den Besuchern einen Eindruck vom kulturhistorischen Kontext zu geben, in dem sich Christian Warlich auf St. Pauli bewegte, sind zudem Exponate zu den Tätowierern Karl Finke, Willi Spiegel, Martin Ahlers, Paul Holzhaus und anderen Tattoo-Künstlern des 20. Jahrhunderts zu sehen, die einen besonderen Einblick in die damalige Hamburger Szene ermöglichen.


Öffnungszeiten:
Montag: 10:00 - 17:00 Uhr
Dienstag: geschlossen
Mittwoch - Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: shmh.de

Christian Warlich im Tätowierbereich seiner Gaststättte auf St Pauli ca 1960 © Foto SHMH
27.11.2019 - 25.05.2020

Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli

Museum für Hamburgische Geschichte

Holstenwall 24
20355 Hamburg