Der Karlsruher Bildhauer André Wischnewski erforscht in seinen abstrakt-narrativen Arbeiten die Wechselbeziehung von Sprache und Architektur. Den Ausgangspunkt für sein Vorhaben bildet dabei der Comic bzw. das Comicheft. In der Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart werden Plastiken, Messerschnitte, Fotoprints manipulierter Landkarten, Skulpturen sowie begehbare Raumzeichnungen gezeigt, die sich sowohl räumlich überlagern als auch inhaltlich verschränken.

André Wischnewskis filigrane Arbeiten lassen eine Faszination für das Medium Comic erkennen. Comics sind bei ihm Untersuchungsmaterial und untersuchtes Material zugleich. Für die Werkgruppen der Soundbooks und Soundpieces (beide 2016) schneidet er im Messerschnitt-Verfahren aus Comicheften die fortlaufende Handlung heraus und legt so das Gerüst von Rahmungen und genretypischen Lautmalereien frei (vgl. auch silence, 2016, und Explosion, 2016). Durchdiese Reduktion zeigt er den Comic als ›reines Medium‹, verdeutlicht dessen grundlegendeCharakteristika und macht Wesensmerkmale transparent, die bei der Lektüre häufig nicht wahrgenommen werden.

Jene Elemente, wie sie im Zuge der Arbeit an den Messerschnitten entstehen und durch diese Methode betont werden, werden von Wischnewski in der raumfüllenden Raumzeichnung 126315 mm with open end (2019) ins Plastische überführt und gewinnen dadurch noch mehr an Prägnanz. Über die zentrale Wand des Präsentationsorts im Kunstmuseum erstrecken sich aus Schwarzstahl gefertigte Umrisse von Sprech-, Denk- und Geräuschblasen sowie Panels (Rahmungen von Bildsequenzen). Der Werktitel verweist auf die Länge des in dieser Installation verarbeiteten Materials, gleichzeitig auf eine räumliche Variabilität, die der Künstler je nach Ausstellungssituation mit dem Werk erzeugen kann. Im Gegensatz zu ihrem Referenzmedium ist die Raumzeichnung nicht einem festgelegten Seitenmaß verpflichtet, sie ignoriert die Grenzen der Wand und breitet sich auf dem Boden aus. In Wischnewskis Comicinstallation verkehrt sich das Beobachtungsverhältnis diametral: Besucher_innen werden in dieser Arbeit dazu angehalten, die Raumzeichnung zu begehen. Sie befinden sich nicht mehr nur vor dem Kunstwerk, sondern in ihm; sie sind Akteur_innen einer Geschichte, die in den Comicarchitekturen virtuell angelegt sind.

In die Raumzeichnung wurden weitere Werke des Künstlers integriert. So schlängelt sich ein Zug, dessen Waggons aus rot lackierten Metallelementen bestehen, das typische Fahrgeräusch ›DokDok‹ ausbuchstabierend, auf unsichtbaren Gleisen das Parkett entlang (DOKDOK_DOK- DOK, 2016). Folgt man dem Zug mit dem Blick, passiert man eine Stadtlandschaft aus Plexiglas und Kalkstein (merged, 2018) sowie diverse Orte, an denen imaginäre Passagiere aussteigen und sich anhand von Landkarten orientieren können. Auf einer dieser Landkarten, von Künstler-hand manipuliert, sind ›akustische Orte‹ wie »Kaufrauschen« oder »Sturzbachmurmeln« eingezeichnet (Map 1, 2017). Aus den Überresten der Messerschnitte hat sich eine weitere abstrakte Karte ergeben, die wie eine utopische Landschaft anmutet (Map 3, 2017).

Die installative Arbeit 101967 mm and Five Characters (2019) schließt vom Titel sowie durch den wiederholten Einsatz von Schwarzstahl-Rundstäben an die Raumzeichnung 126315 mm with open end an. Hier erscheinen die Comicpanels noch weiter abstrahiert, zugleich verbinden sie sich mit narrativen Elementen wie einem skurrilen Pfeifenbaum oder einem Diabas (Ergussgestein), der Tretpedal und Keil zugleich sein könnte. Die Installation nimmt zusätzlich semantisch aufgeladene Gegenstände – ›objets trouvés‹ – des Künstlers sowie den Gartenzwerg (1972) von Dieter Roth, der sich dauerhaft an diesem Ort im Museum befindet, in ihren surrealen Raum auf.

André Wischnewski (*1983 in Crivitz, DE) studierte nach einer Ausbildung zum Bauzeichner sowie einem Studium an der Freien Kunstakademie Mannheim an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Harald Klingelhöller. Sein Studium der Bildhauerei schloss er im Frühjahr 2019 als Meisterschüler ab. Die »Frischzelle_26« ist seine erste museale Einzelausstellung. Zur Ausstellung erscheint ein Katalogheft, das in Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden ist.

André Wischnewski, DOK DOK_DOK DOK, 2016
19.10.2019 - 06.09.2020

Frischzelle_26: André Wischnewski

Kunstmuseum Stuttgart

Kleiner Schloßplatz 1
70173 Stuttgart