Grell erleuchtete Tankstellen und Einkaufszentren, überfüllte Nachtclubs und Schichtarbeit: Die groß angelegte Kooperationsausstellung „Im Licht der Nacht“ mit KAI 10 | ARTHENA FOUNDATIONwidmet sich den Phänomenen der entgrenzten Nacht. Während man in Düsseldorf mit „Die Stadt schläft nie“ den nächtlichen Akteur*innen auf ihren Streifzügen begegnen kann, erlebt man im Marta Herford mit „Vom Leben im Halbdunkel“ (26.10.19 – 09.02.20) anhand von rund 100 Gemälden, Skulpturen, Fotografien, Videos und Installationen von der frühen Moderne bis zur Gegenwart, wie das Ordnungsprinzip von Hell und Dunkel einem vielgestaltigen nächtlichen Leben weicht. Der historische Kern im Marta basiert zudem auf einer Teilübernahme der Ausstellung „Peindre la nuit“ (Die Nacht malen) aus dem Centre Pompidou-Metz. 

„Es ist immer Nacht, sonst bräuchten wir kein Licht“ (Theolonius Monk)

Die vollkommene Nacht in modernen Großstädten wurde spätestens durch die Erfindung der Glühlampe im 19. Jahrhundert und die damit verbundene Elektrifizierung fast vollständig aufgelöst. Straßenbeleuchtungen, Neontafeln und Lichtinstallationen prägen heute die nächtliche Kulisse unserer Lebensräume. Mit der Etablierung der Schichtarbeit und dem Einsatz von multimedialen Kommunikationsmitteln gilt die heutige Generation als 24-Stunden-Gesellschaft mit veränderten Wahrnehmungen und Lebensgewohnheiten. Die Ausstellung beleuchtet innerhalb von drei Schwerpunkten diese Phänomene und lässt die Besucher*innen durch den Einsatz besonderer Lichtstimmungen zu nächtlichen Flaneur*innen innerhalb der Gehry-Galerien werden. 

In der Dämmerung scheinen sich die Farben zu verändern und die Konturen der sichtbaren Welt aufzulösen. In einem ersten Teil werden diese Wahrnehmungen thematisiert. Die Lichtinstallation „Moenkopi“(2007, aus der Tall Glass Serie)von James Turrell simuliert den Zustand eines ewig andauernden Sonnenauf- bzw. -untergangs, dessen Farbspiel die Sinne betört. Jan Sluijtershingegen interpretiert in „Moon night II, Laren“ (1911)die ländlichen Lichterschei-nungen mit intensiver Farbkraft. Mit seinen Skulpturen, die wie bizarre geflügelte Geschöpfe erscheinen, fördert David Altmejdeine Seite der Nacht zutage, die an Erzählungen von Dämonen, Geistern oder Werwölfen erinnert. 

Des Weiteren widmet sich die Ausstellung den weitreichenden Auswirkungen des künstlichen Lichts: Zwar suggerieren die vielen Beleuchtungen in den Straßen eine vermeintliche Sicherheit, zugleich aber vermitteln die grellen Leuchtreklamen und 24-Stunden-Öffnungen auch eine große Unruhe. Lichtverschmutzung und Schichtarbeit führen zudem zu Schlafstörungen, denen man mit Energydrinks und Powernapping entgegenzuwirken versucht: Dies spiegelt sich beispielsweise in Michael WolfsFotografien „Tokyo-compression“ (seit 2009) von schlafenden Menschen in den U-Bahnen von Tokio. An eine Geisterstadt erinnert die mehrteilige Rauminstallation des KünstlerinnenkollektivsFORT: Eine beleuchtete Tankstelle wird von blinkenden Pylonen umkreist. Der nebenstehende Süßigkeiten-Automat verfügt über einen letzten Schokoriegel und verweist so auf das menschliche Konsumverhalten, das ganz selbstverständlich rund um die Uhr befriedigt werden kann. 

Im letzten Teil wird sichtbar, dass mit Kinos und Theatern ein Gegenpol zur künstlichen Straßenhelligkeit geschaffen wurde und so Räume für neue Erzählungen entstanden. Im Schein der Beleuchtung von Clubs und Bars tritt die Maskerade der Nachtschwärmer*innen besonders hervor. So auch bei den Gemälden von Auguste Chabaud, der nicht nur das burleske Treiben in den Pariser Bars thematisiert, sondern mit eindringlichen Porträts auch die Nachtarbeiter*innen am Rande der Gesellschaft. Das Bad in der Menge, aber auch die einsamen Stunden und die Katerstimmung nach der Party spielen in diesem letzten Teil eine zentrale Rolle. Das Porträt Martin Kippenbergers, das Andrea Stappert1983 fotografierte, zeigt den Künstler inmitten seiner berühmten nächtlichen Ausschweifungen. 

Am Ende des Rundgangs schließlich thematisiert die interaktive Installation „Blinky Street Arcade“ (2019)der israelischen Künstlerin Alona Rodehauf humorvolle Weise die Nachtbeleuchtung als Mittel zur Kontrolle und Überwachung. An einer Art Spielkonsole kann eine eigene Lichtchoreografie entwickelt werden, die das Publikum zu Akteur*innen auf einer Bühne werden lässt. 

Ausstellung und Katalog entstehen als Kooperation zwischen KAI 10 | ARTHENA FOUNDATION, Düsseldorf, und dem Museum Marta Herford. Der historische Kern im Marta Herford basiert zudem auf einer Teilübernahme der Ausstellung „Peindre la nuit“ (Die Nacht malen) aus dem Centre Pompidou-Metz.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag (Feiertage): 11:00 - 18:00 Uhr 
Jeden 1. Mittwoch im Monat: 11:00 - 21:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: marta-herford.de