Timm Ulrichs (*31. März 1940 in Berlin) erklärte sich 1961 zum „Ersten lebenden Kunstwerk“, eröffnete die „Werbezentrale für Totalkunst“ und adelte damit alle seine Lebensäußerungen en passant als Kunst. 1965 reichte er sich als Kunstwerk bei der „Juryfreien Kunstausstellung Berlin“ ein, wurde jedoch abgewiesen, weil er nicht vollständig von Hand hergestellt worden sei, wie Eberhard Roters, seinerzeit Mitglied der „Hängekommission“ im Auftrag der Ausstellungsleitung in einem Schreiben an den Künstler ausführte. Anlässlich seiner zweiten Selbstausstellung 1966 gab er konsequenterweise den folgenden Satz von sich: „Ich mache Theater, ich halte große Stücke auf mich, ich setze mich in Szene, ich produziere: mich.“

Seit 1960 entwickelt Ulrichs Ideen und materialisiert diese zu Werken. Im Laufe der Zeit hat er einen beachtlichen Fundus geschaffen, aus dem er immer wieder schöpft. Er macht sich zum Maß aller Dinge, erforscht und vermisst sich, setzt sich Pars pro Toto für die Menschheit ins Verhältnis zu Gesellschaft, Natur und Universum. Der Titel der Ausstellung, „Ich, Gott und die Welt“, ist von dem bekennenden Atheisten und Agnostiker aber gar nicht blasphemisch gemeint, sondern als Beschreibung seines Radius des Erkenntnisinteresses, das schier keine Grenzen kennt. Von Wiedererkennbarkeit findet sich in seinem Werk keine Spur. Ulrichs’ Kunstsprache ist polyglott; er bedient sich aller Gattungen und Genres. Seine Marke ist die Stil- und Markenlosigkeit bzw. das innewohnende intellektuelle Interesse an Erkundung der Wirklichkeit mittels künstlerischer Demonstrationen, Versuchsanordnungen sowie aus der Sprache entwickelten und zu Bildern geronnenen Gedanken.

Anlässlich seines 80. Geburtstags hält Timm Ulrichs inne und lässt sein bisheriges Werk beispielhaft anhand von 100 ausgewählten und von 100 Autorinnen und Autoren kommentierten Exponaten im Haus am Lützowplatz Berlin Revue passieren.

Das streng formalisierte Ausstellungskonzept sieht bei der Eröffnung am 6. März 2020 einen leeren Raum vor, der sich ab dem folgenden Tag um jeweils ein Werk füllen wird. Die sich so über einen Zeitraum von exakt 100 Tagen akkumulierende Ausstellung bricht mit den üblichen Konventionen des Kunstbetriebs und verdreht sie auf der Zeitachse um 180 Grad. Zur Realisierung von Timm Ulrichs‘ Konzept setzt das Haus am Lützowplatz (HaL) vorübergehend seinen Schließtag aus. Für die Dauer der Ausstellung ist es auch am Montag von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Komplett ist die Ausstellung für nur einen Tag – zur Finissage am 14. Juni 2020. Am Ende jedoch liegt das 100-fache und in täglichen Tranchen gelüftete Geheimnis in Gestalt eines Buches zum Erwerb bereit.  

Die Ausstellung wird organisiert von dem Kulturjournalisten Matthias Reichelt. Er verfolgt das Werk Timm Ulrichs seit langem und hat 1997 im Rahmen einer Arbeitsgruppe die Ausstellung "Der detektorische Blick" von Timm Ulrichs in der NGBK verantwortet.