Photographien hölzerner Fördertürme, die das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher (1931–2007; 1934–2015) in den 1970er-Jahren in den pennsylvanischen Appalachen, USA, photographiert hat, sind ab Samstag, 28. September, in der Werkschau „Bernd & Hilla Becher: Coal Mine Tipples – Pensylvanische Kleinbergwerke“ im Kunstarchiv Kaiserswerth zu sehen. Die Ausstellung wird von Max Becher in Kooperation mit der Landeshauptstadt Düsseldorf und der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln realisiert und läuft bis zum 16. Februar 2020. 

Die Aufnahmen zeigen hölzerne Fördertürme, die von den Betreibern der Kleinbergwerke in Eigenarbeit erstellt wurden. Es sind erstaunliche Konstruktionen, die – wüsste man nicht um ihre Zweckmäßigkeit und Funktionalität – an übergroße Skulpturen und vielleicht auch an Phantasiegestalten erinnern, die auf einem alternativen Abenteuerspielplatz zusammengehämmert wurden. Heute existieren die Anlagen nicht mehr und allein in den Photographien der Bechers erfahren die Konstruktionen Bildwürdigkeit und Dokumentation. 

Als Bechers auf diese Bauwerke trafen, waren sie vom Erscheinungsbild und den bizarren Strukturen dieser Tipples begeistert. Sie hatten eine für das Bergbauwesen höchst authentische und auch ursprüngliche Form von Bauwerken entdeckt, die aufgrund der industriellen Entwicklung hin zur Massenförderung im Verschwinden war. Bevor Eisen und Stahl für Fördergerüste zum Einsatz kamen, waren die Bergleute in weiten Teilen der Erde auf den Bau von Holzgerüsten angewiesen, insbesondere bei Ausnutzung eher geringer Mengen von Bodenschätzen. In den Regionen von Pennsylvania kam es den Bergleuten dabei zugute, dass die Anthrazitkohle relativ nah an der Erdoberfläche lag. So wurden anstatt tiefen, vertikalen Schächten seitliche Tunnel in den Berg gegraben, um so die Kohle abzubauen. Die Fördertürme bzw. Tipples fanden insofern Einsatz, als darüber nach dem Flaschenzugprinzip ein Stahlseil am höchsten Punkt der Konstruktion über ein Rad führt und so der beladene Kohlewagen aus dem Bergwerk gezogen wird. Ein spezieller Mechanismus kippt den mit Kohle beladenen Wagen dann nach vorne und entleert das Material. Die Tipples (deutsche Übersetzung „Kippvorrichtung“) aus Pennsylvania leiten ihren Namen von diesem Kippgerät ab. 

Die Ansichten der Tipples ließen sich in das von Bernd und Hilla Becher seit Ende der 1950er-Jahre entwickelte Konzept der Dokumentation industrieller Bauten – man denke an Hochöfen, Wassertürme, Kühltürme, Silos, Gasbehälter etc. – integrieren. Während zwei längeren Arbeitsaufenthalten in den USA 1974/75 und 1977/78 haben sie die umfangreiche Werkgruppe der Coal Mine Tipples mit etwa 300 Motiven erarbeitet. Auf die Kleinbergwerke trafen sie im Gelände zwischen Harrisburg und Scranton an, auf einer Strecke von etwa 200 Kilometern. 

In der aktuellen Ausstellung im Kunstarchiv Kaiserswerth werden Motive vorgestellt, die das Künstlerpaar 1991 auch für die Publikation der Pennsylvania Coal Mine Tipples ausgewählt hatte. Zum einen sind es großformatige Photographien, die die skulpturale Kraft der Tipples in aller Präzision nachvollziehen lassen. Zum anderen werden die einzelnen Anlagen der Tipples als sogenannte Abwicklungen in vier Ansichten und auch in Typologien von neun Aufnahmen verschiedener Anlagen vorgestellt, sodass sich die Konstruktionen aus mehreren Perspektiven und auch ihre jeweiligen Eigenarten in ihrer enorm facettenreichen Struktur visuell erschließen lassen. 

Mit der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Präsentationsformen eines der von Bechers erarbeiteten Themen wird in der Ausstellung im Kunstarchiv Kaiserswerth insbesondere auch auf das methodische Vorgehen von Bernd und Hilla Becher eingegangen. 


Öffnungszeiten:
Samstag - Sonntag: 14:00 - 18:00 Uhr

Das Archiv ist vom 21. Dezember bis 31. Januar 2020 geschlossen.