Umbo. Dieser Name sorgte in der fotografischen Avantgarde der 1920er Jahre für Furore. Er steht für das Neue: das neue Porträt, das neue Bild der Frau, den neuen Blick auf die Straße und die neue Fotoreportage. Mit einer Auswahl von etwa 200 Werken sowie zahlreichen Dokumenten ist nun auch in Berlin die erste große Retrospektive des Fotografen nach 24 Jahren zu sehen. „Umbo. Fotograf. Werke 1926–1956“ ist eine Ausstellung des Sprengel Museum Hannover, die in Kooperation mit der Berlinischen Galerie und der Stiftung Bauhaus Dessau entstanden ist.

Umbos Fotografien sind experimentell, fantasievoll und in erster Linie wie der Fotograf selbst: unangepasst. 1921 hatte sich der junge Künstler am Bauhaus in Weimar beworben und traf hier seinen wichtigsten Lehrmeister Johannes Itten. Bei ihm lernte Umbo vor allem das Sehen, entwickelte ein Gefühl für Komposition und Formen und das für ihn so wichtige Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten. Wenn er heute als Bauhaus-Fotograf bezeichnet wird, ist das richtig, auch wenn er lediglich zwei Jahre in Weimar verbrachte. Er galt als Enfant terrible und wurde wegen seiner Unangepasstheit der Schule verwiesen.

Vom frühen Bauhaus in Weimar, das den Grundstein für sein Werk legte, zog es ihn Mitte der 1920er Jahre nach Berlin. Zu dieser Zeit avancierte die Stadt zum internationalen Schmelztiegel, zur Medienmetropole und zum Mekka der Avantgarde. Dreh- und Angelpunkt der Berliner Bohème war das Romanische Café an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, das bald Umbos Stammlokal werden sollte. In dem anregenden Klima der Großstadt lebte er dennoch in bitterer Armut, war zeitweise obdachlos und suchte zunächst nach seinem eigenen künstlerischen Ausdruck. Er fand diesen erst durch seinen Bauhaus Freund Paul Citroen in der Fotografie. Als einer der gefragtesten Fotografen in der Weimarer Republik wurde Umbo quasi über Nacht berühmt. In kürzester Zeit kreierte er eine neue Porträtauffassung. Vor allem waren es die Porträts von Damen der Berliner Bohème, die dem Typus der Neuen Frau nun auch durch seine Bildsprache die entsprechende Ausdruckskraft verlieh. So schlüpfte beispielsweise die Schriftstellerin und Schauspielerin Ruth Landshoff für Umbo immer wieder in neue Rollen. Mal präsentierte sie sich als mondäne Schönheit, den Blick von unten nach oben gerichtet, die Hell-Dunkel-Kontraste so stark, dass nur Augen- und Mundpartie deutlich zu erkennen sind. Dann wieder zeigte sie sich mit einer Maske, wild und selbstbewusst in die Kamera blickend. Es sind auch diese Arbeiten, die Herbert Molderings dazu veranlassten, Umbos Werk als eine Art „Urknall“ der modernen Fotografie zu bezeichnen.

Weniger spektakulär, aber nicht weniger bedeutend, waren Umbos Neuerungen in der Pressefotografie. In den 1920er Jahren erlebten Fotoillustrierte einen regelrechten Boom. Simon Guttmann gründete die Fotoagentur Dephot, und Umbo war sein erster und wichtigster Fotograf. Im Gegensatz zur geläu gen Einzelbildfotografie erzählt er nun in ganzen Bildserien eine in sich abgeschlossene Geschichte: So sehen wir dabei zu, wie sich Ende der 1920er Jahre der Schweizer Adrien Wettach in den weltberühmten Clown Grock verwandelt.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verlor Umbo sein kreatives Umfeld, das seine herausragenden Werke in den 1920er Jahren inspirierte. Die Bilder aus dieser Zeit lassen seine Zurückgezogenheit in eine Art ‚innere Emigration‘ erahnen. Die Fotoreportagen, die nun entstanden, konzentrierten sich größtenteils auf eher unverfängliche Themen, mit denen er seiner Leidenschaft für Zirkus und Varieté treu bleiben konnte. Einzig seine 180°-Arbeiten mit der sogenannten Himmelskamera und die Serie „Das Wachstum der Salze“ zeugen noch von seinem kreativen Schaffensdrang. Doch entstanden gegen Ende der 1930er Jahre auch Bildreportagen über die „Kraft durch Freude“-Kreuzfahrten der „Wilhelm Gustloff“ oder über das „Bund Deutscher Mädchen“-Bildungs- und Erziehungswerk, mit denen er sich in zweifelhaftes Fahrwasser begab. Sie zeigen die Verstrickungen, denen selbst ein unpolitischer und toleranter Mensch wie Umbo in Zeiten eines totalitären Regimes ausgesetzt war.

Nach der kriegsbedingten Zerstörung seines Archivs stand Umbo 1945 zunächst buchstäblich vor den Trümmern seines fotografischen Schaffens. Er zog nach Hannover und musste beruflich neu Fuß fassen. Zwar arbeitete er nach wie vor als Pressefotograf, doch an seine Erfolge aus den 1920er Jahren konnte Umbo nicht mehr anknüpfen. Bis ins hohe Alter hielt sich der Fotograf mit Gelegenheitsjobs über Wasser. In den 1970er Jahren, als die Fotografie als Kunstform Einzug in museale Kontexte hielt, wurden seine Bilder nach und nach wiederentdeckt. Vor allem der Galerist Rudolf Kicken bemühte sich um eine Rekonstruktion des Werkes. Erst Mitte der 1990er Jahre führten die richtungsweisenden Forschungen von Herbert Molderings dazu, dass Umbos Arbeiten einer breiten Öffentlickeit bekannt wurden und ihren Platz in der Fotografiegeschichte erhielten.

Mit insgesamt 100.000 Euro nanziert der Förder-verein der Berlinischen Galerie maßgeblich die Ausstellung „Umbo. Fotograf. Werke 1926–1956“. Seit 45 Jahren fördern die Freund*innen der Berlinischen Galerie ihr Museum. 1.600 Kunstliebhaber*innen tragen mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden dazu bei, dass es zu den spannendsten Orten für moderne und zeitgenössische Kunst aus Berlin gehört. „Das ist seit der Gründung ein Mitgliederrekord für unseren Verein. Wir möchten auch zukünftig noch mehr junge Berliner*innen gewinnen, sich für Kunst und Kultur in ihrer Stadt zu engagieren. Denn nur so können wir zum Beispiel in diesem Jahr erstmalig den Kunstsonntag mit kostenfreiem Zugang für Familien ermöglichen“, so Jens-Rainer Jänig, Vorsitzender des Fördervereins Berlinische Galerie e.V.

Die Ausstellung „Umbo. Fotograf. Werke 1926–1956“ in der Berlinischen Galerie feiert einen außergewöhnlichen Fotokünstler mit einer bewegenden Werk- und Lebensgeschichte aus der Zeit der 1920er Jahre
bis Mitte der 1950er Jahre. Zudem bietet die Schau Anlass, den Erwerb des Nachlasses von Umbo zu würdigen. Dieser wurde 2016 gemeinsam mit den Kooperationspartnern Bauhaus Dessau und Sprengel Museum Hannover dank der Finanzierung durch zahlreiche Unterstützer (Kulturstiftung der Länder, Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Ernst von Siemens Kunststiftung, LOTTO- Stiftung Berlin, u.a.) möglich. Über Jahrzehnte von seiner Tochter Phyllis Umbehr und Rudolf Kicken (Galerie Kicken) behütet, konnte der Nachlass Umbos gemeinsam von den drei Häusern erworben werden.

Eine Ausstellung des Sprengel Museum Hannover in Kooperation mit der Berlinischen Galerie und der Stiftung Bauhaus Dessau. Sie wird nanziell unterstützt vom Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und vom Förderverein Berlinische Galerie e.V.