Christian Borchert (1942–2000) zählt zu den herausragenden Fotografen der DDR und des wiedervereinten Deutschlands. In Dresden geboren und hauptsächlich in Berlin und seiner Heimatstadt tätig, hat er mit seinen distanziert-analytischen Aufnahmen eine ebenso behutsame wie eindringliche Bildsprache entwickelt. Seine serielle Arbeits- und Erzählform, seine archivarische Praxis und sein eigenwilliger Umgang mit visuellen Medien wie Film und Fernsehen weisen ihm in der deutschen Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Position zu.

Fast zwanzig Jahre nach Borcherts frühem Tod bietet das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit einer vierteiligen Retrospektive den ersten umfassenden Überblick über sein vielseitiges Schaffen. Die Hauptausstellung im Residenzschloss stellt den Fotografen unter dem Titel „Christian Borchert. Tektonik der Erinnerung“ nicht nur als aufmerksamen Chronisten des DDR-Alltags und der Nachwendezeit, sondern auch als konzeptuell und mediengeschichtlich denkenden Bild- und Seriengestalter vor. Neben wichtigen Werkkomplexen wie den Künstler- und Familienporträts, der Dokumentation des Wiederaufbaus der Semperoper oder den Bildern aus Dokumentarfilmen präsentiert die Ausstellung auch weniger bekannte Werkgruppen sowie Bilder und Objekte aus Borcherts Arbeitsarchiv, das von der Deutschen Fotothek Dresden verwahrt wird. Diese Exponate führen insbesondere seine archivarische Leidenschaft vor Augen und gewähren Einblicke in fotografische Arbeitsprozesse.

Die Hauptausstellung wird von drei kleineren „Satelliten“ begleitet, die bislang wenig beachtete Aspekte aus Borcherts Leben und Werk in den Blick rücken. Bereits seit dem 7. Juli 2019 und noch bis zum 26. Januar 2020 ist in Wuischke / Wuježk in der sorbischen Oberlausitz die Schautafelausstellung „Christian Borchert in Wuischke / we Wuježku“ zu sehen, die Borcherts Verbindung zur dortigen Dichterkolonie um Elke Erb, Kito Lorenc und Heinz Czechowski beleuchtet.

Zeitgleich mit der Hauptausstellung werden in Dresden am 26. Oktober 2019 zwei weitere „Satelliten“ eröffnen. Im Albertinum werden Fotografien gezeigt, die Borchert zwischen 1987 und 1990 im Auftrag des Dresdner Verlags der Kunst von Plastiken des Bildhauers Georg Kolbe gemacht hat und die seit fast dreißig Jahren nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Unter dem Titel „‚… eine eigenartige Entrücktheit‘. Christian Borcherts Blick auf Georg Kolbe“ kommt es hier zu einer intimen Gegenüberstellung von Borcherts Fotografien und Kolbes Werken aus der Sammlung des Albertinum.

Im Studiolo im Residenzschloss zeigt das Kupferstich-Kabinett schließlich die 22-teilige Arbeit Auszug der Seele, Ch. B. von Maria Sewcz. Die Berliner Fotografin hat Borcherts Wohnung und Archiv nach dessen frühem Tod in eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten. Borcherts geradezu ehrfürchtiges Verhältnis zum fotografischen Material wird in diesen Aufnahmen ebenso spürbar wie die Trauer der Fotografin über den Verlust des geschätzten Kollegen und Freundes. Zugleich werden im Studiolo eigenwillige Objekte und Tondokumente aus dem Nachlass Borcherts aus der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden präsentiert.

Das Kupferstich-Kabinett verwahrt mit über 1.000 Fotografien einen bedeutenden Teil von Christian Borcherts künstlerischem Nachlass. Bereits 1977 hatte der damalige Direktor Werner Schmidt 71 Künstlerporträts von Borchert erworben – bis dato der umfangreichste Ankauf von einem lebenden Fotografen. 1995 wurde zudem der wichtige Zyklus Tektonik der Erinnerung vom Fotografen angekauft. Nach Borcherts Tod im Juli 2000 konnte das Kupferstich-Kabinett mit Hilfe seines Freundeskreises schließlich rund 900 Ausstellungsabzüge aus dem Nachlass erwerben, wodurch der Borchert-Bestand zum umfangreichsten Fotografen-Konvolut der Sammlung wurde. 

Ein von der VolkswagenStiftung gefördertes Forschungsprojekt, das seit April 2016 von Bertram Kaschek durchgeführt wird, eröffnete die Möglichkeit, dieses bedeutende Fotografen-Oeuvre neu zu sichten und erstmals im Zusammenhang zu erschließen. Eine umfangreiche Publikation wird im Februar 2020 im Leipziger Verlag Spector Books erscheinen.

Ausstellung und Publikation sind in Kooperation mit der Deutschen Fotothek Dresden entstanden. Die Deutsche Fotothek verwahrt Christian Borcherts Arbeitsarchiv mit rund 230.000 Negativen sowie 20.000 Positivabzügen und ist mit zahlreichen Leihgaben in den Ausstellungen vertreten. Darüber hinaus hat auch die Berlinische Galerie wichtige Werke aus ihrem umfangreichen Borchert-Bestand zur Verfügung gestellt.

Mit der Borchert-Retrospektive setzt das Kupferstich-Kabinett nicht nur seine rege Forschungs- und Ausstellungstätigkeit auf dem Gebiet der Fotografie fort, sondern es leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Debatte um die internationale Geltung ostdeutscher Kunst vor und nach 1989. Stephanie Buck, Direktorin des Kupferstich-Kabinetts: „Mit der anspruchsvollen Borchert-Retrospektive stellen wir einen bislang nicht ausreichend gewürdigten Fotografen vor. Gleichzeitig sind wir im Kupferstich-Kabinett stolz, dass mit der Ausstellung ein langjähriges hochkarätiges Forschungsprojekt zu einem erfolgreichen Abschluss kommt.“

Die Publikation „Christian Borchert. Tektonik der Erinnerung“ wird im Februar 2020 in deutscher und englischer Sprache im Leipziger Verlag Spector Books erscheinen. Herausgeber: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Bertram Kaschek, Text: Bertram Kaschek, 434 Seiten, 38 €, Museumsausgabe: 28 €, ISBN: 978-3-95905-323-5.


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