Vom 15. November 2019 bis zum 2. März 2020 präsentiert das PalaisPopulaire Caline Aoun „Artist of the Year“ der Deutschen Bank. Für seeing is believing, ihre erste institutionelle Einzelausstellung, hat die libanesische Künstlerin eine raumgreifende, ortsspezifische Installation und eine Vielzahl neuer Objekte und Papierarbeiten geschaffen. In all ihren Werken thematisiert Caline Aoun, wie der globale digitale Datenfluss unsere Wahrnehmung und unmittelbare physische Umgebung wie auch ganze Gesellschaftssysteme prägt. Ihre Werke ähneln reduzierten Versuchsanordnungen, die diese Daten poetisch sichtbar werden lassen – und so zeigen, wie untrennbar reale und digitale Welt miteinander verbunden sind.

Während viele ihrer Zeitgenossen auf die zunehmende mediale Überflutung mit virtuellen Effekten und neuesten Technologien reagieren, schafft Aoun eine geradezu minimalistische Kunst, die ganz bewusst auf machtvolle Gesten und ästhetische Überwältigung verzichtet. So beschäftigt sich Aoun mit der Digitali- sierung und dem Internet, ohne Hochleistungsrechner, Smartphones oder VR- Brillen einzusetzen. Vielmehr arbeitet die Künstlerin häufig mit regulären Inkjet- Druckern, die sie mit Aufträgen füttert bis das System kollabiert und abstrakte, sehr sinnliche Bilder hervorbringt. Für die aus farbig bedruckten DIN A3-Blättern zusammengesetzte, raumgreifende Wandarbeit Contemplating Dispersions über- forderte Aoun einen Drucker mit dem Auftrag, tiefschwarze Seiten zu drucken. In diesem Prozess leert sich die Patrone nach und nach, bis sich schließlich das erschöpfte Gerät aller verfügbaren Farbreste bedient und rötlich-violett schim- mernde Farbfelder, dann immer schmaler werdende Balken aus Hellblau, Türkis und Gelb und die Spuren der leeren Druckerköpfe bleiben. Ähnlich entstanden auch Aouns Paperplanes, für die sie gefaltetes Papier durch den Drucker schob, der blockierte und dabei Risse und Faltlinien hinterließ. Aouns Arbeiten bildennicht ab, sondern sind selbst Ergebnis eines vermeintlich „unsichtbaren“ Pro- zesses, den sie uns unmittelbar vor Augen führt. Der Ausstellungstitel seeing is believing ist also wörtlich gemeint.

Aouns Werke entstehen genau dort, wo die Illusion der digitalen Perfektion in sich zusammenfällt. In einer Welt, in der Daten geleakt werden, also durchsickern, in der digital ganze Volksvermögen, Waren und Menschen bewegt werden, behandelt sie Daten als pures Material. Das demonstriert auch Infinite energy, Finite time, die zentrale Installation der Ausstellung: Aus jedem Brunnen sprudelt eine Farbe, die im CMYK-Farbmodell für den Vierfarbdruck eingesetzt wird. Durch ein System durchsichtiger Schläuche miteinander verbunden, vermischen sich die Farben in kaum wahrnehmbarem Tempo. Zu Beginn der Ausstellung sprudeln noch reine Farben aus den Düsen, im Laufe der Zeit zerfließen sie zu einer immer trüberen Brühe - der Kreislauf droht zu unterbrechen. Hier geht es um extremen Mangel und exzessiven Überfluss, Zirkulation und Anstauung. Es werden Analogien zu anderen Systemen sichtbar, seien dies körperliche, politische Prozesse, das Klima oder die Distribution von Waren, die auch Aouns Arbeit Lands of Matter thematisiert. Für diese 192teilige Serie sammelte Aoun Daten unterschiedlicher Waren, die zwischen 2003 und 2018 als See- und Luftfracht in Beirut umgeschlagen wurden. Die hieraus resultierenden Diagramme gleichen Hügeln oder Wellen, die je nachLadung ausschlagen oder sinken. Eine „stumme Landschaft“, so die Künstlerin, die zugleich „eine Geschichte über Beirut erzählt. Meine Werke mögen ziemlich abstrakt sein, doch zugleich ähneln sie etwas sehr Realem“. Ihre Ausstellung erzählt von der Überforderung von Systemen. Aoun vergleicht die permanente Bilder- und Datenflut mit „Lärm“, der unser gesamtes Leben dominiert. Sie hat dabei eine klare Botschaft: dass der Lärm aufhören muss, dass wir Raum für Kontemplation brauchen, um neue Systeme und uns selbst zu finden.

Biografie
1983 in Beirut geboren, zählt Caline Aoun zu einer Generation junger libanesischer Künstlerinnen und Künstler, die nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges 1975 ihre Ausbildung im Ausland absolvierten und heute die Kunstszene im Nahen Osten entscheidend mitprägen.

Caline Aoun studierte von 2002 bis 2009 in London an der St. Martins School of Art and Design und den Royal Academy Schools und schloss 2012 das Studium der Fine Arts mit einem PHD der University of East London ab.
Heute lebt und arbeitet Caline Aoun in der Nähe von Beirut. Sie hatte Einzelaus- stellungen in Galerien in London, Dubai und Beirut und nahm an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen teil, darunter: Leaving the Echo Chamber - Look for Me All around You, Sharjah Biennial 14, 2019 und Home Beirut - Sounding the Neighbours, MAXXI, Rom, 2017. Im MAXXI war 2018 auch seeing is believingin einer ersten, weniger umfassenden Version zu sehen.

„Artist of the Year“
Auf Empfehlung des Deutsche Bank Global Art Advisory Council vergibt die Bankden „Artist of the Year“-Award an vielversprechende internationale Künstlerinnen und Künstler, die bereits ein künstlerisch wie auch gesellschaftlich relevantes Werk geschaffen haben. Wichtig ist, dass die beiden Schwerpunkte der Sammlung Deutsche Bank einbezogen sind: Arbeiten auf Papier oder Fotografie. Nach Wangechi Mutu (2010) und Yto Barrada (2011), die beide mit bedeutenden Projekten wie etwa aktuell Wangechi Mutu für das New Yorker Metropolitan Museum oder Yto Barrada jüngst in der Gulbenkian Calouste Foundation in Lissabon reüssieren, ist Caline Aoun die dritte Künstlerin, die von der DeutschenBank als „Artist of the Year“ ausgezeichnet wird.

Bisherig prämierte Künstler waren darüber hinaus: Roman Ondák (2012), Imran Qureshi (2013), Victor Man (2014), Koki Tanaka (2015), Basim Magdy (2016) und Kemang Wa Lehulere (2017).
Das Global Art Advisory Council besteht aus den renommierten Kuratoren Victoria Noorthoorn, Hou Hanru, Udo Kittelmann und - bis zu seinem frühen Tod 2019 - Okwui Enwezor.


Öffnungszeiten: 
Montag: 11:00 - 18:00 Uhr
Dienstag: geschlossen
Mittwoch: 11:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 11:00 - 21:00 Uhr
Freitag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: db-palaispopulaire.de