Die Doppelausstellung Natalie Czech / Friederike Feldmann vereint zwei künstlerische Positionen, die sich auf spezifische Weise mit bildhaften und sprachlichen Themenfeldern auseinandersetzen und hinterfragen, wie Bedeutungen entstehen. Die Ausstellung im Maschinenhaus M2 des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst bringt ausgewählte Werkgruppen der beiden Künstlerinnen in einen dialogischen Kontext.

In ihren konzeptuellen Fotografien entwickelt Natalie Czech neue Bedeutungen in der ästhetischen Verflechtung von Text- und Bildebenen. Dabei untersucht die Künstlerin die Wechselwirkung von sprachlicher und bildlicher Information und legt poetisches Potenzial frei.
In der Serie Poems by Repetition (seit 2017) verdoppelt oder vervielfacht Czech fotografierte Objekte und arrangiert diese, zum Teil in einzelne Segmente gegliedert, neu. Indem sie relevante Satz- und Wortteile wiederholt, farbig hervorhebt oder Unwesentliches übertüncht, lässt sie minimalistische Gedichte beispielsweise in Songtexten der Beatles aufscheinen.

Für die Werkreihe Poet’s Questions (2018/19) liefern Beschriftungen auf Gegenständen das nötige Buchstabenrepertoire zur Bildung von Anagrammen: Indem Czech die Buchstaben etwa mit Scrabblesteinen neu zusammensetzt, rekonstruiert sie poetische Fragen, die sie zuvor in Werken zeitgenössischer Dichter gefunden hat. Der jeweilige Schriftträger – ein Stapel Kopierpapier, eine Schallplatte oder ein Küchenmesser – bettet diese Frage wiederum in ganz neue Kontexte. So entgegnet die Künstlerin Gilbert O’Sullivans Albumtitel „I’m a writer. Not a fighter“ in A poet’s question by Charles Olson (2019) mit dessen offener Frage „What if I am more, am I“ – und eröffnet damit einen vielschichtigen Bedeutungshorizont.

Für die Serie Negative Calligrammes (2018) hat die Künstlerin internationale Autoren eingeladen, einen Text in Ich-Form zu verfassen – allerdings unter der strikten Vorgabe einer Zeichnung, die auf dem Dokument als Zwischenräume blockiert war und nicht überschrieben werden konnte. Der Text musste sich exakt diesen Vorgaben anpassen und umschreibt so die Zeichnung.

Mit ihrer als Doppelprojektion realisierten Serie Cigarette ends (2019) präsentiert Natalie Czech im KINDL ihre neueste Arbeit. Hierbei führt sie literarische und bildnerische Strategien in großformatigen Fotografien zusammen, indem sie die Markennamen gerauchter, unterschiedlich angeordneter Zigarettenstummel zu visuell erfahrbaren Kurzgedichten (Minimal Poems) arrangiert.

Die wie Handschriften anmutenden Malereien und Zeichnungen von Friederike Feldmannlassen sich nicht in einem wörtlichen Sinn lesen, auch wenn man zunächst meint, einzelne Buchstaben entziffern zu können: Die kraftvollen Linien und geschwungenen Bögen, die an die lateinische Schrift angelehnt sind, erweisen sich bei genauerer Betrachtung als abstrakte Zeichenketten ohne normiertes Bezugssystem.

In ihren Arbeiten mit dem Titel Schreiben vom... (2010–11) verdichtet Feldmann die Abfolge grafischer Zeichen zu blattfüllenden Kompositionen, die wie handschriftlich verfasste Briefe erscheinen. Die zusätzliche Datierung auf einen bestimmten Tag verstärkt den Eindruck, einen vollständigen Text in der individuellen Handschrift der Künstlerin vor Augen zu haben.

Die wolkigen Bögen und Schnörkel der Serie lyrics aus dem Jahr 2012 erinnern hingegen an alte Handschriften aus der Barockzeit bis ins 19. Jahrhundert. Die charakteristischen Verzierungen im Schriftbild verweisen hierbei auf das Changieren zwischen (vermeintlich) fixierter Sprache und schön gestalteter Illustration. Durch die variierende Dichte und Anhäufung von Linienbündeln nehmen einzelne Arbeiten dabei fast figurative Züge an und verhandeln exemplarisch Fragen nach dem

Verhältnis von Bild und Schriftzeichen bzw. bildgewordener Handschrift. In der mit Dürer (2019) betitelten Tuschezeichnung wird dieser Gedanke weiter vertieft, indem die Künstlerin die Signatur Albrecht Dürers vom Bildrand ins Zentrum rückt.

Feldmanns Werkreihe oneliner (2014–19), in der die Zeichenketten in einem Zug auf das Papier gebracht werden, spiegelt deutlich wider, dass die Schriftzeichen nicht der Wiedergabe ablesbarer Information dienen. Sie verweisen vielmehr auf den vielgestaltigen, gestischen Duktus als Ausdrucksform, mit der die Mechanismen des Sehens und Entschlüsselns an sich vor Augen geführt werden.

Einen markanten Akzent setzt Friederike Feldmann mit ihrer ortsspezifischen DeckenmalereiHeadlines (2019), die sie gemeinsam mit Manuel Kirsch realisiert hat. Wie einzeln beschriftete, riesige Blätter scheinen sich die farbigen Zeichenketten über- und untereinander zu schieben.

Natalie Czech (*1976 in Neuss) lebt in Berlin. Ihre Arbeiten wurden zuletzt in Einzelausstellungen im Heidelberger Kunstverein (2017), Crac Alsace – Centre Rhénan d’Art Contemporain, Altkirch (2016), Palais de Tokyo, Paris (2014) und Kunstverein in Hamburg (2013) gezeigt, darüber hinaus in Gruppenausstellungen im Fotomuseum Winterthur (2019), der Kunsthalle Wien (2017), Kunsthalle Hamburg (2016), Museum of Modern Art, New York (2015) und der Pinakothek der Moderne, München (2015).

Friederike Feldmann (*1962 in Bielefeld) lebt in Berlin. Ihre Arbeiten waren u. a. in den folgenden Ausstellungen zu sehen: Art and Alphabet (Hamburger Kunsthalle, 2017), Disegno, Zeichenkunst für das 21. Jahrhundert (Kupferstichkabinett Dresden, 2015), Retoucher le Palais (Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, Bregenz, 2014), Wall Works (Hamburger Bahnhof, Berlin, 2013),Leichtigkeit und Enthusiasmus: Junge Kunst und die Moderne (Kunstmuseum Wolfsburg, 2009). Seit 2012 ist Feldmann Professorin für Malerei an der Weißensee Kunsthochschule.


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen

Öffnungszeiten an Weihnachten und um den Jahreswechsel:
24. und 25. Dezember: geschlossen 
26. Dezember - 29. Dezember: geöffnet
31. Dezember und 1. Januar: geschlossen
2. Januar - 5. Januar: geöffnet

Weitere Informationen direkt unter: kindl-berlin.de