In der Ausstellung Free Update zeigt das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst wichtige Arbeiten des norwegischen Künstlers Bjørn Melhus aus den letzten Jahren, darunter mit Sugareine große Neuproduktion, die im KINDL erstmals zu sehen ist.

Melhus beschäftigt sich in seinen Filmen und Videoinstallationen mit Phänomenen der Medienwirklichkeit. In oft überzeichneten, zum Teil absurd-komischen Kurzfilmen hinterfragt er Motive und allgemeine Strategien der Massenmedien und reflektiert ihren Einfluss auf unsere heutige Gesellschaft. Grundlage seiner Arbeiten sind Audiofragmente aus verschiedenen Kanälen der Pop- und Kinokultur wie US-amerikanischen Filmen, Fernsehserien oder YouTube- Videos. Daraus entwickelt der Künstler vielschichtige Erzählungen, in denen er stereotype Figuren in eigenartige Kontexte versetzt. Die sehr unterschiedlichen und oft auch skurrilen Akteur*innen seiner Filme verkörpert Melhus dabei stets selbst.

Free Update empfängt die Ausstellungsbesucher*innen mit Heaven (2013), dem Videoporträt eines Wachmanns in der Uniform eines türkischen Sicherheitsdienstes. Flüsternd rezitiert dieser aus dem Film The Rapture (1991): „We are in heaven. Why are we in heaven?“ Die Tonsequenz aus dem US-amerikanischen Thriller über religiösen Fanatismus und die Suche nach Erlösung wurde hierfür nicht, wie so oft, direkt montiert, sondern von einem Kind neu eingesprochen.

„Can you see that? Can you see my art? ... It’s super impressive! ... My God, this is awesome!“ In der Videoarbeit Can You See My Art? (2018) ist die Stimme einer bekannten Influencerin zu hören, die einen YouTube-Kanal für Produktwerbung und Lifestyle-Tipps bedient. Diese meist geradezu banalen Phrasen setzt Melhus performativ in eine affektierte Körpersprache um. Dabei ringen die Intensität der Soundcollage und der flirrend-flimmernde Hintergrund in grellen Farben permanent um die Aufmerksamkeit der „Viewer“, wobei das quadratische Format der Projektion auf die Social-Media-Plattform Instagram verweist.

Nach diesem Auftakt erfolgt der Zugang zu Bjørn Melhus' neuester Arbeit Sugar (2019) über eine blaue Schleuse, die zunächst in den Sugar Salon führt. Auf acht Monitoren präsentiert der humanoide Roboter namens Sugar die Palette seiner menschlichen Attribute und Fähigkeiten: Sugar boxt, tanzt, meditiert, überlegt oder drückt Gefühle aus.

Auf die gegenüberliegende Wand wird der unmittelbar vor der Ausstellung fertiggestellte, 20- minütige Film Sugar projiziert. Er wird eingeleitet durch Videoclips von Social-Media-Plattformen, die gewaltvolle Szenen, Unfälle und Katastrophen zeigen. Diese Sequenzen bilden den Ausgangspunkt für das postapokalyptische Szenario einer restlos technologisierten Zukunft. Wie in einem Science-Fiction-Film kämpft dort Sugar, der beseelte, fühlende Roboter gegen den Narzissmus des emotional abgestumpften Menschen an, der als sogenannter Human Organism Normal (HON) nur mehr wie die leere Hülle eines menschlichen Wesens wirkt – gefangen in konfusen Phrasen und widersinnigen Handlungen. Vergeblich versucht Sugar, dessen menschliche Gefühle zu reaktivieren und HON zu retten.

Die Dreikanal-Videoinstallation The Theory of Freedom (2015) im nächsten Raum ist eine Auseinandersetzung mit komplexen gesellschaftlichen Themen wie Freiheit, Kapitalismus, Religion und Individualismus. Grundlage sind die kontroversen Thesen der russisch- amerikanischen Autorin Ayn Rand (1905–1982), die den Kapitalismus als einzig moralisch vertretbare Gesellschaftsform propagierte. Für den Film entwickelte Bjørn Melhus die Figur der Tyrannin Randi. Mit Audiosequenzen aus Blockbustern wie Armageddon oder Deep Impact(beide 1998) indoktriniert Randi eine Reihe bizarrer, von Krankheit gezeichneter Figuren, die Philosophie des freien Marktes zu verbreiten.

Den Schlusspunkt der Ausstellung bildet die Arbeit Larger Than Life (2017), die über ein iPhone abgespielt wird. Sie ist eine Art Miniatur-Autokino für Omnibusse, die sich die Amokfahrt des Busses aus dem Film Speed (1994) ansehen. Die Katastrophe als Schlusspunkt.

Bjørn Melhus (*1966 in Kirchheim/Teck) lebt in Berlin. Sein Werk umfasst Filme, Videos und Installationen, die international auf zahlreichen Festivals sowie in Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt wurden, u. a. auf der Biennale di Venezia (1998/2011), der Istanbul Biennale (2003), Museum of Modern Art, New York (2003), Whitney Museum, New York (2003), Centre Pompidou, Paris (2006), Haus am Waldsee, Berlin (2011), dem Nam June Paik Art Center, Seoul (2014) und dem Sprengel Museum Hannover (2019). Melhus ist seit 2003 Professor für Virtuelle Realitäten an der Kunsthochschule Kassel.


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen

Öffnungszeiten an Weihnachten und um den Jahreswechsel:
24. und 25. Dezember: geschlossen 
26. Dezember - 29. Dezember: geöffnet
31. Dezember und 1. Januar: geschlossen
2. Januar - 5. Januar: geöffnet

Weitere Informationen direkt unter: kindl-berlin.de