Zum zweiten Mal vergibt das Kallmann-Museum in diesem Jahr den Kallmann-Preis. Ausgezeichnet wird Doris Maximiliane Würgert (geb. 1960) für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema „Porträt“. Ihre Arbeiten sind im Rahmen einer Einzelausstellung vom 14. Dezember 2019 bis 23. Februar 2020 zeitgleich mit einer Präsentation von Werken Hans Jürgen Kallmanns zu sehen. Für die Ausstellung hat Doris M. Würgert neue Arbeiten geschaffen, die sich unter anderem mit dem Kallmann-Museum auseinandersetzen.

Doris M. Würgerts weit gefasster Porträtbegriff, der neben der Darstellung menschlicher Gesichter auch Gegenstände und räumliche Situationen beinhaltet, stellt eine sehr eigenständige Position innerhalb der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dieser klassischen Bildgattung dar. Dabei thematisiert Würgert auch Phänomene wie Zeit und Erinnerungen sowie die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Wirklichkeit, Gefühl und Vernunft, Wahrnehmen und Wissen. Fast immer liegen ihren Arbeiten fotografische und filmische Verfahren zugrunde, mit denen Würgert auch Grenzbereiche zu anderen Disziplinen wie Malerei und Installation erforscht.

Eine zentrale Gruppe der Ausstellung „blurred memory“ bilden die großformatigen Gummidrucke, die frontal aufgenommene Gesichter zeigen. Diese Arbeiten erfüllen zunächst die Erwartungen an ein Porträt, zeigen sie doch ein Abbild der äußeren Züge eines Menschen. Allerdings gibt es keinerlei Hinweise auf Herkunft und Bedeutung der Porträtierten, oft lässt sich nicht einmal das Geschlecht eindeutig bestimmen. Durch die Frontalität der Aufnahmen und die Größe der Bilder besitzen die Dargestellten zwar eine starke Präsenz, zugleich erscheinen sie in sich gekehrt, abwesend, eigentümlich distanziert. Die Technik des Gummidrucks – ein auf die Anfänge der Farbfotografie zurückgehendes Verfahren – bedingt zudem eine Unschärfe in der Pigmentierung der Leinwand. So erscheinen die Arbeiten in einem Zwischenbereich von Fotografie und Malerei angesiedelt, in dem die Motive etwas Vages, Ungreifbares besitzen.

Mit ihren Arbeiten nimmt Doris M. Würgert auch direkten Bezug auf das Kallmann-Museum. So hat sie für die Ausstellung Werke geschaffen, die sich unter anderem mit dem Archiv und Depot des Hauses befassen, also dem Gedächtnis eines Museums, und die sich somit auf erzählerische Weise zentralen, normalerweise der Öffentlichkeit verborgenen Bereichen und Funktionen annähern. Wesentliche Kennzeichen eines Museums werden so zum Bildgegenstand und erzeugen gewissermaßen ein Porträt des Museums.

Auch Würgerts Bilder von einzelnen Gegenständen wie Tischen, Lampen oder Vasen, die meistens auf wenige Elemente der ursprünglichen Fotografie reduziert werden, tragen erzählerische Momente in sich, ohne dass sie sich auf eine bestimmte Narration festlegen ließen. Sie stimulieren vielmehr unsere Erinnerungen und Vorstellungen, wodurch die Gegenstände als Projektionsfläche für unsere eigenen Erzählungen erscheinen.

Zeit und Erinnerung stehen auch im Zentrum der Videoarbeiten der Ausstellung, für die Würgert etwa den Bilderspeicher ihres Smartphones als Ausgangspunkt nimmt und in Hochgeschwindigkeit als Endlosschleife auf den Boden projiziert, oder wenn sie Szenen aus Literatur, Film und Alltag zu einem Konglomerat aus Erfindung und Vorstellung vermischt, bis sich jede Gewissheit von Wirklichkeit verflüchtigt.

Das Ungreifbare vieler Arbeiten von Doris M. Würgert wirft uns fortwährend auf die Erkenntnis zurück, dass Erinnerungen und das Empfinden von Wirklichkeit subjektiv sind, sich permanent verändern, durch neue Eindrücke überschrieben werden und somit ebenso wenig eindeutig zu fixieren sind wie die Gesichter und Gegenstände in Würgerts Bildern, die sich unserem Zugriff immer wieder entziehen. Im medialen Zeitalter von Selbstdarstellung, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz sind ihre Arbeiten zudem als künstlerisch gestellte Frage nach der eigenen Identität und nach der menschlichen Existenz allgemein zu begreifen.

Zur Ausstellung erscheint ein von Doris M. Würgert gestaltetes Künstlerbuch.

Doris M. Würgert
Doris M. Würgert (*1960 in Osterhofen) absolvierte nach einem Studium der Mathematik- und Psychologie ihre Ausbildung an der Münchener Akademie der Bildenden Künste und war als künstlerische Mitarbeiterin von Prof. Dieter Rehm tätig. Seit 2007 lehrt sie dort grafische Gestaltung. Die Arbeiten der mehrfach ausgezeichneten Künstlerin waren national und international in zahlreichen Ausstellungen zu sehen.

Kallmann-Preis
Der Kallmann-Preis richtet sich an in Deutschland lebende bildende Künstler*innen und zeichnet besondere zeitgenössische künstlerische Leistungen in den Themen aus, die Schwerpunkte im Schaffen von Hans Jürgen Kallmann (1908-1991), dem Gründer des Kallmann-Museums, waren: Porträt, Tier und Landschaft. Der Preis ist mit 8.000 Euro dotiert, die sich aufteilen in 500 Euro Preisgeld und 7.500 Euro für eine Einzelausstellung mit Katalog. Wie schon im Vorjahr, als die Berliner Bildhauerin Yvonne Roeb ausgezeichnet wurde, haben sich auch 2019 rund 300 Künstler*innen aus ganz Deutschland für den Kallmann-Preis beworben.

Jury 2019
Dieses Jahr bestand die Jury zur Preisvergabe aus der Leiterin des Künstlerhauses Marktoberdorf, Maya Heckelmann, der Kuratorin für Gegenwartskunst am Lenbachhaus München, Dr. Stephanie Weber, der Künstlerin Agnes Jänsch sowie dem Künstler Herbert Nauderer. Die Prof. Hans Jürgen Kallmann-Stiftung wurde von ihrem Vorsitzenden Michael Sedlmair vertreten, das Kallmann-Museum von dessen Leiter Rasmus Kleine.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Samstag: 14:30 - 17:00 Uhr
Sonntag: 13:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: https://kallmann-museum.de

Doris Maximiliane Würgert KS2019, 2019 Gummidruck auf Nessel 175 x 200 cm Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2019
14.12.2019 - 23.02.2020

Doris Maximiliane Würgert: blurred memory

Kallmann-Museum

Schloßstr. 3b
85737 Ismaning