Was bedeutet die Vergabe eines Preises? Wie ist es möglich, unterschiedlichste künstlerische Positionen gegeneinander aufzuwiegen? Was besagt die Auswahl einer und der damit einhergehende Ausschluss anderer Kunst über den Kunstkanon?
Im Sinne einer größeren Transparenz und mehr ästhetischer Willkommenskultur geht der Falkenrot Preis, der seit 2005 vergeben wird, 2020 an alle 11 nominierten Künstler*innen.

Als Statement der Gemeinsamkeit haben sich die Programmverantwortlichen des Künstlerhauses Bethanien und dessen Unterstützer*innen dazu entschlossen, dieses Jahr autonome Strategien starker Individuen in den Vordergrund zu stellen. Es wird deutlich - diese Kunst will ein Ausnahmezustand sein (und bleiben) und sich nicht bloßen Klientelinteressen des Marktes, irgendwelchen Gattungsinteressen oder missgünstigem Biedermeier beugen.

Construct Your Stories lebt von den Verheißungen des starken Ichs und lässt die Halluzinationen des globalisierten Wir verblassen. Jeder Position widerfährt Gerechtigkeit in diversen Echokammern künstlerischer Phantasie und nicht etwa in nur einem einzigen Hallraum gefakter Lobeshymnen. Solch ein verschleißfreies Zeichen rückt ab vom Geniekult des 19. Jahrhunderts, von der Aufsockelung einzigartiger Eingebungen und von der Vergötzung des Genießerischen. So kann ein Schaubild wachsen, das die Konstruktion des Preises selbst thematisiert und auf die Zukunft hin offen hält.


Preisrträger*innen:
Die Malerei von Murshida Arzu Alpana ist in einem Querdurch angesiedelt, im Übergang zwischen den Welten, herausgewachsen aus den alten, überholten Strukturen der Distanz zwischen Asien und Europa, aber auch in der permanenten Überlappung zwischen dem Linearen und dem Flächigen, dem Gegenständlichen und dem Abstrakten, in der Dualität von Bild und Klang, im Prozess der Zirkulation von sehr großen und sehr kleinen Formaten.

Die Arbeiten von Dafni Barbageorgopoulou umfassen ein aus verschiedenen Narrativen gewebtes Netzwerk, das sich formal in Installationen, Skulpturen und Collagen ausdrückt. Die Kombination unterschiedlicher Materialien, ausgestattet mit je eigenen technischen und kulturellen Informationen und Codes, bildet eine künstlerische Rahmenstruktur, die durchdrungen ist von Fragen nach dem Verhältnis von Sprache, Raum und Körper. 

Roland Boden zeigt uns verlassene Architekturen aus einer Zeit des Dazwischen, freigeschnitten von allen Schuldzusammenhängen, bedrohlich und schutzverheißend zugleich. Sein Bildansatz ist nicht impressionistisch, sondern konstruktiv, er geht von räumlicher Imagination aus. Sammlungen von Fotografien werden als eine Art Ideenbaukasten genutzt. Darauf aufbauend entstehen am Computer einerseits virtuelle Modelle – Perspektivordnungen für die Maleriei – und andererseits reale Objekte aus Beton, Blei, Aluminium und MDF. 

Angelika Boeck beschäftigt sich in ihren Arbeiten häufig mit Phänomenen der menschlichen Wahrnehmung, wobei Bezüge zur Ethnologie eine zentrale Rolle spielen. Mittels Videos, Installationen, Fotografien, Texten, Skulpturen oder Zeichnungen mittels Eye-Tracking-Technologie schafft Boeck Arbeiten, die für die künstlerische Forschung, aber auch relationales Verständnis einflussreich sind.

Hubertus Giebe hat im Laufe der Jahre immer wieder Adaptionen aus der Kunstgeschichte gemalt. Immer dann, wenn radierte Figuren ihn reizten, sie seltsam geeignet erschienen, sie wie ein Spiegel – oder ein vergessenes Alphabet – mit dem Bizarren, den Absurditäten und Exzessen einer verheerenden Gegenwart zu konfrontieren. Giebe faszinieren die Sonderlinge, Clochards, Sektierer, Frevler, Schausteller (...), ihre Donquichotterien, Desaster und Persiflagen, weil sie ihm neue Bildalphabete erlauben.

Jens Hausmann lässt mit fragmentierten Einblicken in ein imaginäres, totales Weltengebäude, quasi vom Keller bis unters Dach, dem Unbehagen seinen Raum. Alle Bauhaus-Träume sind erstarrt. Dieser Künstler konfroniert uns mit dem zutiefst dysfunktionellen Denken und Planen in funktionalistischen Rastern.

Mit einer tiefen Skepsis gegenüber einer normativen Vereinbarung von “Realität” oder “Wissen” versucht Kavata Mbiti mit ihrer Arbeit zu verstehen, was das Sichtbare an übergeordneter Erkenntnis zulässt. Was bleibt, wenn vermeintlich Wahres in seinen Grundfesten erschüttert wird? Und wo lässt sich Zukunkt verankern? 

Tanja Ostojic entwickelt Performances, konzeptuelle Körperarbeiten, Fotos, Collagen und Videos. Arbeiten der letzten Jahre thematisierten u.a. Macht- und Geschlechterverhältnisse innerhalb des Kunstsystems oder die arrogante Haltung der Europäischen Union gegenüber der Integration Südosteuropas in die Europäische Union, die vor allem für Frauen fast nur durch Heirat möglich ist.

Heike Ruschmeyer sieht sich auf der Seite der Opfer, die durch Gewalt (welcher Form auch immer) beeinträchtigt werden oder zu Tode kommen. Sie selbst interpretiert ihre Kunst als Einmischung in eigener Sache. Häufig verwendet Ruschmeyer dokumentarische Fotografie als Vorlagen für ihre Bilder. Malerei ist für sie ein Ort des politischen Handelns.

Überraschend an den Bildern von Manuela Sambo ist immer wieder der Zauber des ins Bild gebannten Moments. Die Künstlerin wandert von einer Kultur zur anderen, von der schwarzafrikanischen in die europäische, wobei sie nicht nach konkreten Bildern, sondern nach Erfahrungen sucht. Jedes ihrer Werke beschreibt einen Aspekt einer Lebensbilanz und unterstreicht eine persönliche Versöhnung unterschiedlicher Erscheingsformen und Diversität.

Jedes Projekt von Manuela Warstat ist ein breit gefasster Themenkomplex, den die Künstlerin als analytisches Langzeitprojekt über mehrere Jahre entwickelt. So führte Warstat beispielsweise mit “APRES?” 2016 in Guinea Interviews mit Überlebenden der Ebola-Epidemie von 2014 und 2016 in Westafrika und sammelte Eindrücke einer sich noch im Schock befindenden Bevölkerung. Ihren Interviews stellt sie selbst entwickelte Ornamente und Texturen gegenüber. 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit monografischen Texten zu den beteiligten Künstler*innen und zahlreichen Werkabbildungen, der in der Ausstellung erhältlich ist (Herausgeber: Künstlerhaus Bethanien).


Eröffnung: Donnerstag, 27. Februar 2020, 19:00 Uhr


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 14:00 - 19:00 Uhr

Weitere Informatione direkt unter: bethanien.de

Roland Boden „Systeme höherer Vernunft_VII“ 2019. Courtesy the artist. Foto/Photo: Roland Boden
28.02. - 22.03.2020

Falkenrot Preis 2020: Construct Your Stories

Künstlerhaus Bethanien

Kottbusser Straße 10
10999 Berlin