Der Kunstverein in Hamburg freut sich sehr, die Ausstellung des ars viva-Preises nach 2003 in diesem Jahr erneut ausrichten zu dürfen. Seit 1953 vergibt der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e. V. den ars viva-Preis an herausragende junge, in Deutschland lebende Künstler*innen, deren Arbeiten eine eigenständige Formensprache und ein Bewusstsein für gegenwärtige Fragestellungen erkennen lassen. Die Jury kürte die Preisträger*innen aus 49 vorgeschlagenen Künstler*innen unter 35 Jahren. Die aktuellen Preisträger*innen sind Karimah Ashadu, Thibaut Henz und Cemile Sahin. Sie haben eigens für den großen Ausstellungsraum im Kunstverein in Hamburg neue Arbeiten und Installationen entwickelt, die wir gemeinsam mit älteren Arbeiten zeigen, um einen größeren Einblick in das Schaffen der einzelnen Künstler*innen zu erlauben.

Die Videoarbeiten Destiny (2016) und Power Man (Sodoko) (2018) von Karimah Ashadu nehmen das Thema Arbeit in den Blick. In beiden Werken werden sogenannte "Area Boys" ?lokale Bandenmitglieder, die in den Slums von Lagos leben, im sozio-ökonomischen Kontext Nigerias gezeigt. Es handelt sich um männlich geprägte Strukturen, die sich unabhängig und parallel zu den politischen Verhältnissen im Land entwickelt haben. Die Künstlerin verwebt dokumentarische mit fiktiven Elementen und verwendet dabei ungewöhnliche technische Mittel. Der neue Film Brown Goods (2020) ist der erste europäische Film der Künstlerin und erforscht, aus der Sicht von Emeka, einer nigerianischen Migrantin, den Handel von gebrauchten Automobil- und Elektronikgütern zwischen Hamburg und westafrikanischen Ländern. "Brown Goods" ist ein umgangssprachlich weit verbreiteter Begriff für elektronische Verbrauchsgüter und verweist als Wortspiel auf die Themen des Films: Migration und Integration. Die Metapher der Ein- und Ausfuhr bezieht sich in diesem Fall nicht nur auf den Warenverkehr, sondern auch auf die Freizügigkeit und die Wertschätzung dieser afrikanischen Migrant*innen in Europa. Die westafrikanischen Länder, wie zum Beispiel Nigeria, aus denen sie einst auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa flohen, sind paradoxerweise nun Teil ihrer Lebensgrundlage in Europa. Der zwanzigminütige Film zeigt die merkwürdige Welt des transatlantischen Handels und gibt Einblick in eine alltägliche, aber kaum bekannte Situation. Er wird durch eine Reihe von Skulpturen komplettiert, die aus gefundenen Materialien wie Autoteilen und Elektronikschrott vom Restpostenhändler Billstraße in Hamburg hergestellt wurden.

In den Fotografien von Thibaut Henz, die zusammengestellt wie ein Fotoroman unserer Zeit wirken, treten besondere Blickwinkel und Details in den Vordergrund. Personen- und Momentaufnahmen werden in starken Farbkontrasten und unterschiedlichen Formaten zu Serien gruppiert, die ungewöhnliche Bildkombinationen entstehen lassen. Seine Kompositionen spielen mit der Ästhetik und den Sehgewohnheiten des digitalen Zeitalters. In Hamburg werden sich die Arrangements durch die gesamte Ausstellung ziehen und ältere Aufnahmen mit neuen Arbeiten verbinden, die kürzlich in Brüssel entstanden sind. Die Bilderflut des Alltags und des Internets findet im Ausstellungsraum ein Äquivalent. Die Aufnahmen von Menschen, Situationen, Gegenständen, Stillleben und Natur sind weder gestellt noch geschönt. Henz zeigt uns eine urbane Welt in all ihrer Rohheit. Neben Armut, Gewalt und Repression thematisiert er aber auch Liebe, Begehren, Genuss und Exzess. Statt dokumentarischer Erzählung oder Konstruktion eines Weltbildes „erscheint die Gestalt des Anderen (bei Henz) als punktueller Widerstand gegen jede Generalisierung“ (June Drevet).

Cemile Sahin inszeniert Anordnungen von Wort und Bild in verschiedenen Medien wie Film, Fotografie und Skulptur. Widersprüchliche Erzählungen bilden den Handlungsstrang. Close-ups expressiver Gesichter und die zeitgleiche Darstellung unterschiedlicher Handlungen, Erzähl- und Montagetechniken werfen den Betrachter auf seinen eigenen Standpunkt zurück. Dadurch hinterfragt Sahin die Funktionalisierung von Medien und die Bedeutung verschiedener Perspektiven für die Geschichtsschreibung. Ihre Auseinandersetzung mit Text und Sprache führte im Oktober 2019 folgerichtig zum Erscheinen ihres Debütromans Taxi.

Ihre Installation im Kunstverein in Hamburg besteht aus Fotografien, einer Videoarbeit und zwei Flugzeugrutschen. Sie verweisen auf Nachrichtenbilder und ihre Manipulierbarkeit. Die neun Fotografien zeigen verschiedene Personen, die auf dem Berg Ardahan in der Türkei vor dem vermeintlichen Schatten Atatürks posieren. Es ist der Berg selbst, der dieses Schattenspiel bei einer bestimmten Sonneneinstrahlung hervorruft und dadurch zum Pilgerort geworden ist. Das Video, aus Nachrichtenbildern montiert, zeigt ebenfalls Berge, beleuchtet aber einen anderen Aspekt: Im türkischen Fernsehen gehören Aufnahmen von Bergen, in denen sich angeblich Terroristen verstecken, zur alltäglichen Berichterstattung. Diese Bilder dienen letztlich der innenpolitischen Stabilisierung durch einen scheinbar äußeren Feind. Dies wird durch die in Sahins Videoarbeit angewandte Schnitttechnik konterkariert. Das Bergmotiv ist zu einem absurden und geradezu komödiantischen Teil der Alltags- und Unterhaltungskultur in der Türkei geworden. Die Flugzeugrutschen werden im Ausstellungsraum selbst zu Bergen und verbinden die einzelnen Elemente der Installation.

Zur Ausstellung ist ein zweisprachiger Katalog im Kerber Verlag erschienen. Die Ausstellung wurde Ende 2019 in anderer Form bereits in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig gezeigt. Ein Aufenthalt der Preisträger*innen in der Künstlerresidenz auf Fogo Island (Kanada) rundet den ars viva-Preis 2020 ab.

Der Jury des ars viva-Preises unter Vorsitz von Ulrich Sauerwein gehörten neben Mitgliedern des Gremiums Bildende Kunst des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft die Kooperationspartner Julia Schäfer (GfZK), Bettina Steinbrügge (Kunstverein in Hamburg), Zita Cobb, Willem de Rooij und Nicolaus Schafhausen (Fogo Island Arts), Dr. Franziska Nentwig und Mathilda Legemah (Kulturkreis der deutschen Wirtschaft) sowie Dr. Stephanie Rosenthal (Gropius Bau) als Fachberaterin an.

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.

Wir danken Prof. Dr. Michael Otto für die Unterstützung der Ausstellung.

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e. V.

15.02. - 17.05.2020

ars viva 2020

Kunstverein in Hamburg

Klosterwall 23
20095 Hamburg