Ein zentraler Aspekt in Matheus Rocha Pittas Arbeit ist die Untersuchung von Gesten. Als Artikulation von Körper und Sprache haben diese weitreichende ethische und politische Implikationen. Seit vielen Jahren pflegt Rocha Pitta ein umfangreiches Archiv mit Zeitungsausschnitten, die nach gestischen Ausdrücken und ihrem Herkunftsort geordnet sind. Die Abbildungen verwendet er in gegossenen Betonplatten verschiedener Größen und Formen, auf denen er das Material zu mehrschichtigen Kompositionen anordnet. Mit seinen „versteinerten“ Collagen konstruiert Rocha Pitta Geschichten, Erinnerungen und Szenarien, die verschiedene Formen von Autoritarismus, Fehlinformation, Ausbeutung und Ungerechtigkeit reflektieren und sich ihnen widersetzen.

Für seine Ausstellung The Curfew Sirens in Hamburg hat Rocha Pitta ein Ensemble von acht neuen Skulpturen namens Sirenen entwickelt. Schon der Ausstellungstitel ist ein Spiel mit mehreren Bedeutungsebenen, das sich durch die Arbeiten zieht. Wörtlich übersetzt benennt er einen Alarm, der den Beginn einer Ausgangssperre einläutet. Das englische „curfew“ ist dabei dem Altfranzösischen entlehnt und setzte sich aus den Begriffen für „bedecken“ und „Feuer“ zusammen und bezeichnet in seiner historischen Bedeutung eine schützende Haube, um Feuerstellen zu löschen. Es entstammt einer Zeit, in der eine abendliche Glocke daran erinnerte, die Glut in den Häusern abzudecken, um die Brandgefahr in den Städten einzudämmen. Ganz bewusst erweitert Roche Pitta seine Sirenen so auf einer textlichen Ebene um Attribute, die zwischen staatlicher Kontrollmacht und schützender Geste changieren. Dies setzt sich auch auf der bildlichen Ebene fort, deren Grundlage Gesten von verschlossenen Mündern, Ohren und Augen darstellen und eine Vielzahl von Bezugspunkten eröffnen. Der Künstler spielt beispielsweise auf die drei weisen Affen aus einem japanischen Sprichwort1 an, die heute vor allem als Emoticons in Kurznachrichten bekannt sind. Die sich den Mund, die Ohren und die Augen verschließenden Affen werden in der westlichen Welt primär mit der Idee verbunden, etwas Schlechtes nicht wahrhaben zu wollen. In ihrer ursprünglichen Bedeutung stehen sie vielmehr für eine Ethik, sich nicht zu unangemessenem oder schlechtem Verhalten anleiten zu lassen bzw. dieses nicht weiter zu verbreiten. Der Titel der Arbeiten erinnert an Odysseus' Begegnung mit den gleichnamigen Fabelwesen. Ihrem fatal betörenden, gesungenen Versprechen auf Allwissenheit konnte dieser nur widerstehen, indem er sich von seiner Besatzung an den Schiffsmast binden ließ. Bei Rocha Pittas Sirenen bleibt es trotz ihrer Anordnung um den zentralen Pfeiler im Ausstellungsraum vage, ob sie in dieser Geschichte nicht diejenigen sind, die sich widersetzen.

Der Künstler betrachtet die ausgewählten Gesten zugleich in Verbindung mit dem durch soziale Medien und das Internet befeuerten Drang zur beständigen Meinungsäußerung, Kommunikation, aber auch Berieselung. Dieser steht auch im Wechselspiel zu einer zunehmenden Überwachungsmentalität in vielen Gesellschaften. Jede der Sirenen hält gleich zwei Selfie-Sticks mit steinernen Mobiltelefonen, auf deren Displays im Widerspruch zu den gezeigten Gesten „Hear Something!“, „See Something!“ und „Say Something!“ zu lesen ist. So entsteht ein ambivalenter Kreislaus auf Aktion und Reaktion innerhalb der Arbeiten und mit dem Publikum, denn es bleibt offen, wer letztlich aufgefordert wird, zu hören, zu sehen und zu sprechen.

Rocha Pitta verfolgt mit seinen Arbeiten die Frage nach einem möglichen Kurzschluss der vielschichtigen Verkettung von Macht und Sprache, dem Recht auf freie Meinungsäußerung, Hasskommentaren sowie autoritärer Kontrolle. Insbesondere vor der Beobachtung, wie zunehmend Gewalt in den öffentlichen Sprachgebrauch Einzug hält und diese dadurch verstärkt wird, sucht die Ausstellung nach einem Moment des Innehaltens und Ausgleichs.

Matheus Rocha Pitta (*1980 in Tiradentes, lebt und arbeitet in Berlin und Rio de Janeiro) studierte Geschichte und Philosophie an der Universidade Federal Fluminense, Niteról, und der Universität des Staates Rio de Janeiro in Rio de Janeiro. Seine Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert, u.a. bei Auroras und in der Casa do Sertanista, São Paulo (2019, 2018), im Museu de Arte Moderna sowie bei Athena Contemporânea in Rio de Janeiro (2018, 2017), im Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2017), wo er 2016- 2017 auch Stipendiat der KfW Stiftung war, in der Brasilianische Botschaft in London (2016) und im Palais de Toyko, Paris (2013). Er ist u.a. in den Sammlungen des Castelo de Rivoli, Turin, und des Museu de Arte Moderna in Bahia, Rio de Janeiro und São Paulo vertreten.

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, des Berit und Rainer Baumgarten Stiftungsfonds unter dem Dach der Hamburgischen Kulturstiftung sowie des Honorarkonsulats der Föderativen Republik Brasiliens in Hamburg.