Das Edith-Russ-Haus für Medienkunst zeigt ab dem 30. Januar die internationale Gruppenausstellung „Possessed Landscapes“ (Besessene Landschaft oder Landschaft im Besitz). Sie beschäftigt sich mit künstlerischen Repräsentationen von Landschaft – allerdings nicht in ihrer kunsthistorischen Darstellung als Ort der Erholung oder als Platzhalterin für erhabene Schönheit. „Possessed Landscapes“ untersucht vielmehr die Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Land unter Gesichtspunkten der Ausbeutung und Kolonisierung. Gezeigt werden ortsspezifische Installationen, Videos und Videoessays von Viktor Brim, Tanja Engel-berts, Rachel O’Reilly, Zina Saro-Wiwa und Zhou Tao.

Der Ausstellungstitel „Possessed Landscapes“ – übersetzt mit „Landschaft im Besitz“, aber auch „Besessene Landschaft“ – verweist sowohl auf indigene Vorstellungen, nach denen das Land von Vorfahren bewohnt wird, als auch auf deren Verdrängung durch eine industrielle Inbesitznahme von Land. Die unbegrenzte Ausbeutung der Landschaft beginnt oft mit der Enteignung und Entrechtung der dort Lebenden und erzeugt in den Augen der beteiligten Künstlerinnen und Künstler neue Landschaften der Gier. Die verbleibenden Menschen wirken in diesen dystopischen Landschaften wie Fremdkörper. „Wir leben in Zeiten eines tiefgreifenden Wandels, der grundsätzlich in Frage stellt, wie wir Natur ‚konsumieren‘. Dabei ist eine besondere Schwierigkeit, dass man die größten Veränderungen auf unserem Planeten zwar wissenschaftlich nachweisen, aber meist nicht unmittelbar sehen kann“, sagen die Leiter des Edith-Russ-Hauses, Edit Molnár und Marcel Schwierin, die die Ausstellung auch kuratiert haben. „Die künstlerischen Positionen in dieser Ausstellung beschäftigen sich aber gerade mit Großprojekten, die die Erde im wahrsten Sinne des Wortes umgraben, wie zum Beispiel im Bergbau. So werden sie zu metaphorischen Bildern unseres Zeitalters.“ 

Die Ausstellung befasst sich auch mit einer propagandistischen Bildsprache, die industrielle Ausbeutung als „Abenteuergeschichte“ darstellt, etwa in den Kampagnen der Fracking-Industrie und der Diamantenminen, die Russlands kolonialistischen Zielen dienen. „Possessed Landscapes“ stellt solchen Bildwelten künstlerische Arbeiten gegenüber, die die Verhältnisse sichtbar machen, aus denen diese sozialen und ökologischen Landschaften hervorgegangen sind. Viele der ausgestellten Projekte umfassen auch von Drohnen aufgenommene Bilder – eine relativ neue Form filmischer Aufnahmen. Dabei geht es weniger um spektakuläre Luftaufnahmen, sondern um Drohnen als preiswerte und leicht verfügbare Instrumente für zivile forensische Recherchen, mit denen die Künstlerinnen und Künstler die Praktiken der Industrie und den Zustand verschiedener Ökosysteme untersuchen können.

Die Arbeiten in „Possessed Landscapes“ behandeln auf vielfältige Weise den ausgeprägten Gegensatz zwischen industriell-modernen und überlieferten indigenen Vorstellungen. „In unserer Gesellschaft wird Land als ‚Billige Natur‘ gesehen, die man ohne Gegenleistung ausbeuten kann. Viele indigene Gruppen lehnen diese parasitäre Beziehung ab ? für sie ist das Land nicht Eigentum des Menschen, es ist vielmehr umgekehrt das Land, welches die Menschen besitzt“, sagen Molnár und Schwierin über den Kern der Ausstellung.

Die Ausstellung wird gefördert von Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, von der Stif-tung Niedersachsen sowie von der EWE Stiftung.
Kuratoren: Edit Molnár & Marcel Schwierin

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler:
Viktor Brim wurde 1987 in Taschkent, Usbekistan, geboren. Von 2009 bis 2011 studierte er Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Anschließend begann er ein Regiestudium an der Filmhochschule Babelsberg KONRAD WOLF und absolvierte ein Aufbaustudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln, wo er neben fiktionalen Formen auch zunehmend mit dokumentarischen Ansätzen arbeitete.

Tanja Engelberts, geboren 1987 in den Niederlanden, lebt und arbeitet in Den Haag. Nach einem Studium der Bildhauerei und Monumentalkunst in den Niederlanden und Japan absolvierte sie einen Master in Bildender Kunst am Chelsea College of Art & Design. Ihre Werke befinden sich unter anderem in den Sammlungen von Clifford Chance (Großbritannien), Nationale Nederlanden (Niederlande) und der Ucross Foundation (USA).

Rachel O'Reilly ist eine australische Künstlerin und Autorin, unabhängige Kuratorin und Pädagogin, die in ihrer Arbeit die Beziehungen zwischen Kunst und situierten kulturellen Praktiken, Medienarchäologie und feministischer politischer Ökonomie untersucht. Sie lehrt das Theorieseminar „At the Limits of the Writerly“ am Niederländischen Kunstinstitut. Ihre Arbeiten wurden unter anderem am Institute of Modern Art Brisbane, Eflux, Van Abbemuseum, Qalandiya International, Savvy Contemporary, Tate Liverpool, UNSW Galleries, Or Gallery und als Teil von Frontier Imaginaries präsentiert und ausgestellt.

Zina Saro-Wiwa, geboren 1976 in Nigeria, lebt und arbeitet in New York City und im Niger Delta. Sie ist die Tochter eines bekannten nigerianischen Schriftstellers und Aktivisten, wurde in Port Harcourt geboren und wuchs in England auf. 2013 kehrte sie zum ersten Mal nach über einem Jahrzehnt ins Niger Delta zurück, um dort in Vollzeit zu leben und zu arbeiten, einen öffentlichen Projektraum für bildende Kunst zu eröffnen und sich mit kulturellen und sozialen Aspekten des Lebens im Niger Delta auseinanderzusetzen.

Zhou Tao, geboren 1976 in Changsha (Provinz Hunan, China), studierte an der Guangzhou Akademie der Bil-denden Künste und hat einen Bachelorabschluss in Ölmalerei sowie einen Masterabschluss in Mixed-Media-Studien. Zhou Tao findet visuelles und erzählerisches Material für seine Filmarbeiten in den Orten und Ge-meinschaften, denen er begegnet. Obwohl alle seine Aufnahmen tatsächliche Szenen festhalten, löst die Poetik seiner visuellen Erzählungen die Trennung zwischen Fakt und Fiktion auf. Zhou Tao hat bereits an internationalen Ausstellungen und Biennalen teilgenommen, etwa der 57. Biennale von Venedig, Venedig, 2017, oder der Asien-Pazifik-Triennale für zeitgenössische Kunst, Brisbane, 2015.