Lisa Reihana ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen aus dem pazifischen Raum. Ihr Werk in Pursuit of Venus [infected] bildet das Kernstück der Ausstellung Im Schatten von Venus: Lisa Reihana & Kunst aus dem Pazifik, mit der das Museum am Rothenbaum das Kunstschaffen in Ozeanien in den Fokus rückt. Erstmalig wird ihr digitales Panorama in Deutschland gezeigt und tritt in den Dialog mit herausragenden historischen Kunstwerken aus der Sammlung des Hauses. Reihanas Werk setzt sich kritisch mit der frühen Begegnungsgeschichte von Europäern und pazifischen Inselgesellschaften auseinander, die die spätere Kolonisierung und den damit einhergehenden Transfer von Kulturgütern nach Europa einleitete.

Romantische Vorstellungen der »paradiesischen« Südsee-Inseln und der sie bewohnenden »edlen Wilden« werden zugleich evoziert und auf ungewöhnliche Weise gebrochen, indem Reihana eine im frühen 19. Jahrhundert populäre französische Wandtapete als Kulisse für ihre Gegenerzählung aus pazifischer Perspektive wählt. Die Tapete war inspiriert von Zeichnungen und Reiseberichten, die im Anschluss an James Cooks Expeditionsreisen im späten 18. Jahrhundert zirkulierten, und schmückte die Salons der damaligen europäischen Eliten. Reihana involviert und entlarvt die europäischen Betrachter*innen, weil gerade diese romantisierende Südsee-Ästhetik weiterhin eine besondere Anziehungskraft ausübt. 

Reihanas großformatige Arbeit gehörte 2017 zu den Höhepunkten der Biennale in Venedig und bindet die Betrachter*innen ein in zeitlose Schleifen von Begegnungen, in denen sich exemplarisch Fragen von Selbstdarstellung, Macht, Geschichte und kulturellen Missverständnissen nachspüren lassen. Es sind diese Motive, die Querverbindungen zu den Sammlungsstücken des MARKK ermöglichen. Einzigartig und stilsicher in ihrer Formsprache, bestechend in ihrer Ästhetik, sind auch diesen Objekten mehrere Bedeutungsebenen und Beziehungsgeschichten eingeschrieben: Die Beschäftigung der Künstler*innen mit Material und Formgebung, die Inspiration und der gesellschaftliche Kontext des Schaffensprozesses und nicht zuletzt die Übernahme und Aneignung der Objekte durch Europäer*innen.

Die Ozeanien-Sammlung des MARKK entstand in Zusammenhang mit den Handelsnetzwerken der Stadt. Seine frühesten Sammlungsanteile gehen zurück auf das mit der Firma Joh. Ces. Godeffroy & Sohn verbundene Museum Godeffroy. Nach der Wende zum 20. Jahrhundert finanzierten Hamburger Kaufleute die größte koloniale Forschungsexpedition Deutschlands in die pazifische Inselwelt, die von der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung getragen und vom damaligen Museumsdirektor Georg Thilenius initiiert worden war. Der koloniale Kontext prägte die Zusammensetzung dieser Sammlungen und hinterließ vielfach Fehlstellen des eigenen kulturellen Erbes in den Gebieten, in denen unter deutscher Kolonialverwaltung Kulturgüter in großem Umfang entnommen worden waren.

Die Objektauswahl reflektiert die Doppeldeutigkeit des Titels Im Schatten von Venus. Sie berücksichtigt einerseits exotisierende, bis heute fortlebende Bilder der Südsee, in denen Frauen zu »Pasifika Venus« stilisiert und zur Projektionsfläche für sexuelle Begierden europäischer Betrachter*innen wurden. Auf der anderen Seite verweist der Titel auf Cooks Beobachtung des Planetentransits der Venus im Jahr 1769 und somit auf die Ambitionen europäischer Forschungsreisender, Raum und Zeit zu vermessen und die Welt zu klassifizieren. Der Ambivalenz dieser sich zwischen wissenschaftlichem Anspruch und romantisierender Verzerrung bewegenden Blicke spüren die ausgestellten Werke nach.

Der Ausstellung kam die Expertise von Dr. Emelihter Kihleng zugute, die als Curatorial Research Fellow im Rahmen von MARKK in Motion, gefördert von der Initiative für ethnologische Sammlungen der Kulturstiftung des Bundes, ein Jahr lang die Ozeanien-Sammlung des MARKK erforscht. Gemeinsam mit Dr. Jeanette Kokott, der Leiterin der Ozeanien-Abteilung, kuratierte sie die Ausstellung und wählte assoziativ zu den Inhalten in Reihanas Panorama eine Reihe an Werken aus der Sammlung aus.

Die Ausstellung wird gefördert von der Hubertus Wald Stiftung, der Behörde für Kultur und Medien Hamburg und der neuseeländischen Regierung.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 21:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weizere Informationen direkt unter: markk-hamburg.de