Sandra Mujinga, Paulo Nazareth, Tschabalala Self, Kemang Wa Lehulere

Mit der Ausstellung »Beyond the Black Atlantic« präsentiert der Kunstverein Hannover vom15.02. bis 26.04.2020 vier junge Künstler*innen, die sich unterschiedlicher Medien bedienen, um Aspekte rund um die westlich-eurozentrische, häufig von Vorurteilen belastete Vorstellung von »Blackness« zu thematisieren. Identitätsprägende Faktoren wie Geschlecht, Herkunft oder sexuelle Orientierung werden aus diversen Perspektiven beleuchtet, um ein neues Bewusstsein der gesellschaftlichen Betrachtung der Black Community zu wecken.

Der Begriff »Black Atlantic« wurde vom britischen Soziologen Paul Gilroy 1993 durch die Veröffentlichung seines Buchs »The Black Atlantic: Modernity and Double Consciousness« etabliert und beschreibt die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse auf die Diaspora und auch die durch sie bedingten. In diesem Buch wird die Kultur des »Black Atlantic« als Ergebnis unterschiedlicher Einflüsse der afrikanischen, amerikanischen, britischen und karibischen Kulturen beschrieben. Das Zusammentreffen dieser Einflüsse findet seinen Beginn in der Geschichte des Sklavenhandels, für den die Überfahrt über den Atlantik ein wichtiger Handelsweg gewesen ist. Der »Black Atlantic« trägt demnach Aspekte in sich, denen sowohl europäischer als auch afrikanischer Ursprung nachgesagt wird.

Eine nicht an nationalen Grenzen orientierte »Hybrid-Kultur« hat sich nunmehr längst etabliert und wird gerade heute besonders diskutiert.

Die Gruppenausstellung präsentiert nun vier unterschiedliche Blickrichtungen auf die Vorstellung einer globalen schwarzen Identität und entfernt sich dabei aber von einer historischen Betrachtung des titelgebenden »Black Atlantic«. »Beyond the Black Atlantic« wendet sich der jungen Künstler*innengeneration zu, um eine zeitgenössische Perspektive auf das noch immer aktuelle Themengebiet zu werfen.

Mit Sandra Mujinga (*1989, Goma, Demokratische Republik Kongo), Paulo Nazareth (*1977, Governador Valaderes, Brasilien), Tschabalala Self (*1990, New York City, USA) und Kemang Wa Lehulere (*1984, Kapstadt, Südafrika) präsentiert der Kunstverein Hannover Künstler*innen mit internationaler Strahlkraft, die vier von unzähligen Perspektiven auf die polymorphe »Black Community« anhand aktueller Arbeiten präsentieren.

Die in der Demokratischen Republik Kongo geborene und in Norwegen aufgewachsene Sandra Mujinga lebt und arbeitet in Berlin und Oslo. Fragen der Identität haben sich ihr bedingt durch ihr Aufwachsen in einer weißen Gesellschaft schon früh gestellt, sodass sie mit ihrer Kunst multimediale Schutzmaßnahmen gegen identitätspolitische Zuschreibungen erarbeitet. Ob durch Performances oder Skulpturen: die Akteur*innen werden bis zur Unkenntlichkeit verfremdet.

Paulo Nazareth greift historische Ereignisse des Kolonialismus und der Sklaverei auf und verarbeitet sie in performativen Arbeiten, wie zum Beispiel im Fußmarsch von Johannesburg nach Lyon (etwa 11.500 km), eine ehemalige Sklavenroute. Reisen wie diese dokumentiert er filmisch und fotografisch, wodurch die Präsentation seiner Arbeiten möglich wird.

Von Tschabalala Self wird das Bild der Schwarzen in der globalen Medienlandschaft generell sowie in der amerikanischen Gesellschaft speziell thematisiert. Stereotype Körperformen weiblicher schwarzer Körper werden in ihren Tafelbildern aus unterschiedlichen Materialien dargestellt. Übermäßig sexualisierte und instrumentalisierte Auffassungen ebensolcher Körper sind Teil eigener Erfahrungen der Künstlerin und werden in den Arbeiten durch den Wechsel eines äußeren zum inneren Blick als eingefahren und klischeehaft enttarnt und trotzen somit den aufgezwungenen Zuschreibungen.

Der multimedial arbeitende Kemang Wa Lehulere beschreibt sowohl individuelle Erfahrungen als schwarzer Künstler als auch den historischen Blick auf die apartheitsbedingten Wunden der südafrikanischen Gesellschaft. Dabei wird die historische Einordnung schwarzer Künstler*innen in den westlich geprägten Kunstkanon kritisch betrachtet. Kemang Wa Lehuleres Werk zeigt die bis heute – zum Teil latent – existierenden Spuren von Rassismus und Ungerechtigkeit auf, die weitgehend ignoriert wurden und werden.

Zur kritischen Auseinandersetzung mit der zugrunde liegenden nach wie vor aktuellen Thematik wurde ein vielfältiges Rahmenprogramm entwickelt. So ist der Kunstverein Hannover Gastgeber für die von der Leibniz Universität organisierte »Summer School«, eine einwöchige Konferenz mit dem Titel »Anthropology and Contemporary Visual Arts from the Black Atlantic«.

Hochkarätige international wirkende Wissenschaftler*innen werden in unterschiedlichen Gesprächsformaten die drängenden Fragen für einen zeitgemäßen Umgang mit Kunstgegenständen beleuchten. Im Rahmen der »Summer School« wird im April 2020 ein Katalog erscheinen. (20 € / 15 € für Mitglieder)

Anlässlich der Ausstellung konnten wir prägende Stimmen und wichtige Akteurinnen der Reflexion zeitgenössischer Kunstpraxis aus afrikanischen Perspektiven zu Vorträgen einladen:
Dr. Clémentine Deliss verfolgt in ihrer Arbeit die thematische Verbindung von Gegenwartskunst und Ethnologie. So war sie in London für die Royal Academy of Arts bis 1995 als künstlerische Leiterin des Projekts »africa95« tätig. Außerdem leitete sie bis 2015 das Weltkulturen Museum in Frankfurt; sie wird am 25.03 sprechen. Zudem werden Dr. Yvette Mutumba (Kuratorin der 10. Berlin Biennale) und Julia Grosse (Kunsthistorikerin und Journalistin) am 22.04. über ihr Magazin »Contemporary And (C&)« sprechen, welches dezidiert die afrikanischen Perspektiven im globalen Kunstkontext reflektiert.

Während der gesamten Laufzeit der Ausstellung findet im Koki – Kino im Künstlerhaus ein breit gefächertes Filmprogramm zur Thematik des »Black Atlantic« statt. Hierzu wie auch zu der Summer School finden Sie gesonderte Veranstaltungskarten mit allen Terminen im Faltblatt zur Ausstellung.