Duisburg war noch um 1960 eine vitale Industriestadt mit hoher Lebensqualität. Sie zählte zu den deutschen Städten mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen. Ihre wirtschaftliche Basis bildete die Schwerindustrie, deren Anlagen sich entlang des Rheins wie an einer Perlenschnur aneinanderreihten. Dabei bildete der Hafen, rund um die Mündung von Ruhr und Rhein gelegen, die eigentliche Lebensader der Stadt: Er gab ihr Mitte und Halt.

Heute sind hier wie überall im Ruhrgebiet die Folgen des zu spät eingeleiteten industriellen Strukturwandels unübersehbar. Die Infrastruktur ist marode, die Stadt ist hoch überschuldet und kann die Kosten ihrer tatsächlichen Aufgaben nicht mehr leisten.

Auch das Terrain, das Laurenz Berges über die letzten Jahre in Duisburg geduldig erkundet hat, ist gekennzeichnet von dieser tief reichenden Misere. Er hat sich vor allem in jenen Teilen der Stadt bewegt, die vormals Standorte der Schwerindustrie waren. Ein allgemeiner Niedergang urbaner Qualitäten ist offensichtlich. Dabei geht es in diesen Bildern jedoch nie um eine konkrete Darstellung sozialer Fehlentwicklungen. Berges interessiert vielmehr, wie die Dinge im Bild sprechend gemacht werden können, um eine Erfahrungsdimension nachvollziehbar werden zu lassen: Innenräume, Details von Architektur, Fragmente der Natur, einige wenige Personen.

In Duisburg hat er Bilder einer Leere gefunden, die von einem grundlegenden Schweigen erfüllt sind. Das Licht und die Stille sind ihre Boten. Das weiche Tageslicht füllt die Räume mit einem ungreifbaren Volumen. Die Mattigkeit der Farben lässt sie umso intensiver wirken, weil sie nicht mehr Oberflächenerscheinung, sondern wie Körper sind. In diesen Fotografien ist eine Langsamkeit der Beobachtung angelegt, die sich auf unsere Betrachtung überträgt. Das Leben in seinem vermeintlichen Schwund wird angehalten und findet zu einer Erfüllung in der Gegenwärtigkeit.

Berges’ Bilder beschreiben einen Weg nach innen. Es geht nicht allein um die Darstellung der äußeren Phänomene, die ein Stadtbild charakterisieren, sondern um eine existenzielle Dimension. Wie befinden wir uns in der Welt? Das fotografische Festhalten des in stetigen Zyklen vergehenden Lebens ist das zentrale Thema seiner Kunst. In seinen Fotografien kündet die Szenerie Duisburgs von einer dem menschlichen Leben anhaftenden Vergänglichkeit und Schwermut, deren Schweigen allein gekontert wird durch jene Dimension bildlicher Schönheit, die sich im Licht und in den Farben verwirklicht.

Zur Ausstellung erscheint das Buch Laurenz Berges. 4100 Duisburg im Verlag Koenig Books, mit Texten von Heinz Liesbrock und Thomas Weski, 168 Seiten, 84 Abbildungen, 320 × 255 mm, Hardcover, Leinen, Preis 48 €.