Die Ausstellung »Der Traum vom Museum ›schwäbischer‹ Kunst. Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus« erzählt anhand von zahlreichen Kunstwerken und Dokumenten die komplexe Entwicklungsgeschichte der städtischen Kunstsammlung Stuttgarts. Besondere Berücksichtigung erfahren dabei die vermeintlich »kunstlosen Jahre« des Nationalsozialismus, die – wie neue Erkenntnisse belegen– aufs Engste mit der Gründung des Kunstmuseum Stuttgart verbunden sind. Dargestellt werden zudem die Provenienzen einiger NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunstwerke. Viele der Werke aus dem eigenen Bestand werden erstmals gezeigt.

Der tradierten Darstellung zufolge begann die Geschichte der städtischen Kunstsammlung 1924 mit der Schenkung eines Gemäldekonvoluts des italienischen Grafen Silvio della Valle di Casanova. Diese Sammlung wurde während ihrer Dauerschau in der Villa Berg ab 1925 in kleinem Umfang erweitert –von einem systematischen Ausbau oder einer Weiterentwicklung kann aber kaum die Rede sein, da die angekauften Werke vorwiegend als Ämterschmuck in städtischen Einrichtungen dienten. Erst im sogenannten Dritten Reich wurden durch Ankäufe und die Kunst- und Kulturpolitik der Nationalsozialisten die Weichen für die Entstehung eines städtischen Kunstmuseums in Stuttgart gestellt. Die Nationalsozialisten träumten von einem Museum »schwäbischer« Kunst, für das sie selbst noch in den Kriegsjahren bereit waren, enorme Geldsummen zu investieren.

Die Ausstellung thematisiert ein lange vernachlässigtes Kapitel Stuttgarter Museumsgeschichte und schreibt zugleich die Gründungsgeschichte des Kunstmuseum Stuttgart neu. Den Anstoß für die Präsentation liefert ein seit 2014 am Kunstmuseum Stuttgart durchgeführtes Provenienzforschungsprojekt. Was zunächst als systematische Untersuchung der Erwerbungen der Städtischen Galerie im Nationalsozialismus mit dem Ziel begonnen hatte, eine Klärung über NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut im Kunstmuseum Stuttgart herbeizuführen, wuchs sich bis 2019 zu einer umfassenden kritischen Erforschung der Institution aus. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte des Kunstmuseums während der NS-Zeit ist bis dato Desiderat geblieben, ein »blinder Fleck«, dessen Erhellung auch die Stuttgarter Museums- und Kunsthandelsgeschichte in neuem Licht erscheinen lässt.

Der Kunst- und Kulturhistoriker Kai Artinger, der seit Ende 2017 mit der Provenienzforschung im Kunstmuseum Stuttgart betraut ist, trieb die Erforschung der Institutionengeschichte der Städtischen Galerie Stuttgart von ihrer Gründung 1924 bis Anfang der 1970er-Jahre voran. Schon die ersten Forschungsergebnisse ließen erkennen, dass das bisherige Narrativ lückenhaft und unzutreffend war und nicht den Fakten standhielt, die durch die Auswertung zahlreicher neu erschlossener Quellen gewonnen werden konnten. Die Annahme, dass die zwölf Jahre des Nationalsozialismus »kunstlose Jahre« in Stuttgart waren, erwies sich als grundlegend falsch.

Die Nationalsozialisten haben Kunst und Kultur große Aufmerksamkeit geschenkt und früh zu Propagandazwecken instrumentalisiert. Von 1933 bis 1945 kaufte die Stadt sehr viele Kunstwerke vor allem regionaler Künstlerinnen und Künstler an – Gemälde, Grafiken, Druckgrafiken und Plastiken –, um ein städtisches Museum »schwäbischer« Kunst zu schaffen. Der damalige Oberbürgermeister Karl Strölin (1890–1963) zog 1943 nach zehn Jahren nationalsozialistischer Stadtverwaltung Bilanz: »Im Ganzen hat die Stadt Stuttgart seit dem Jahre 1933 allein für ihren Kunstbesitz Ankäufe im Werte von 1,1 Mio. Reichsmark getätigt. Mit diesen Ankäufen ist nunmehr ein wertvoller Grundstock für das künftige städtische Kunstmuseum gewonnen.« In den acht Jahren der Weimarer Republik umfasste der städtische Etat für Kunstankäufe gerade mal circa 200 000 Reichsmark.

Überlegungen für ein städtisches Museum, das Kunst sammelt, bewahrt und ausstellt, kamen ein Jahr nach der »Machtergreifung« 1933 auf. Unter der Ägide der Nationalsozialisten wurde die Sammlung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert: Die Schau »Aus dem Kunstbesitz der Stadt Stuttgart« 1934 im Wilhelmpalais demonstrierte eine Abkehr von der bisherigen Kulturpolitik und symbolisierte zugleich einen »nationalsozialistischen Neuanfang«. In der Stadtverwaltung Stuttgarts hatte es zuvor weder ein Kunst- und Kulturreferat gegeben noch eine ausformulierte Kunstpolitik, in der bestimmt wurde, was und wo angekauft wurde. In der Weimarer Republik oblag die Unterstützung in erster Linie der Privatinitiative einzelner kunstinteressierter Kommunalpolitiker. Bürgermeister Gottfried Klein, zuständig fürs Gesundheitswesen und ab 1925 Vorsitzender des Württembergischen Kunstvereins, war bis 1933 für die Ankäufe zuständig. Im Dritten Reich änderte sich das. Nun sorgten die Nationalsozialisten unter anderem dafür, dass nicht mehr die städtische Bibliothek für die Inventarisierung des Kunstbesitzes der Stadt zuständig war, sondern ein neu eingerichtetes Kunstreferat innerhalb der städtischen Verwaltung. Gipfeln sollten die kunstpolitischen Aktivitäten der Nationalsozialisten in einem städtischen Kunstmuseum. Dieser Plan wurde indes nicht realisiert.

Trotzdem lebte die Museumsidee in der Nachkriegszeit fort, da die Stadt Stuttgart die im Dritten Reich zusammengetragene Kunstsammlung übernahm. In der Stadtverwaltung war man sich einig darüber, dass diese kulturellen Werte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssten, und dass die Sammlung weiter ausgebaut werden sollte. Auch wenn die Stadt für lange Zeit nach 1945 kein eigenes Ausstellunggebäude besaß, in dem sie ihr Kunsteigentum dauerhaft präsentieren konnte, sammelte sie weiter mit der Absicht, eine ständige Galerie zu schaffen. Dieses Ziel wurde schließlich 1961 mit der im Kunstgebäude eröffneten Galerie der Stadt Stuttgart verwirklicht, dem heutigen Kunstmuseum Stuttgart. Aber dadurch, dass der Sammlungsschwerpunkt weiterhin primär auf »schwäbischen« Künstlerinnen und Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts lag, lebte die von den Nationalsozialisten entwickelte Idee des »Museums ›schwäbischer‹ Kunst« fort. In der Konkurrenz mit der Staatsgalerie Stuttgart, dem großen anderen Kunstmuseum der Stadt, das epochenübergreifend sammelte, bezog die Galerie der Stadt Stuttgart ihre Legitimation aus der Abgrenzung zu dieser. Sie konzentrierte sich weiterhin auf die Kunst des Schwabenlandes. In dieser Hinsicht bestand eine Kontinuität in der Sammlungspolitik seit 1933, auch wenn sich die städtische Kunstsammlung nach 1945 für die Tendenzen der nationalen wie internationalen Kunst öffnete.

In acht Räumen wird das unbekannte Geschichtskapitel des Kunstmuseum Stuttgart und seiner Akteure mit zahlreichen Kunstwerken, Fotografien und Archivalien dargestellt. In einer Petersburger Hängung werden fast 100 Landschaftsbilder präsentiert, die die Bedeutung der Landschaftsmalerei für die städtische Kunstsammlung und für das Kunstverständnis im Dritten Reich vor Augen führen. Der Erzählbogen spannt sich von den Anfängen in der Weimarer Republik über die Zeit des Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem werden die Ergebnisse der jüngsten Provenienzforschung Kai Artingers und die bisher ermittelten Restitutionsfälle vorgestellt.

Zur Ausstellung erscheint ein Buch, dass es ermöglicht, tiefer in das Thema einzusteigen. Begleitet wird die Präsentation von einem umfangreichen Programm mit Vorträgen, einer Lesung und einer Podiumsdiskussion in Kooperation mit dem Stadtarchiv Stuttgart.