Zeichnungen aus der Sammlung der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin

Nach einer Reihe von Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Arbeiten wendet Museum für Architekturzeichnung wieder dem Thema der historischen Zeichnung zu und präsentiert ein Kooperationsprojekt mit der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin. Die Schau ist Architekturdarstellungen der Stadt Sankt Petersburg gewidmet, die zum großen Teil aus der Hand des meisterhaften Zeichners und Architekten Jean-François Thomas de Thomon (1760–1813) stammen.Thomas de Thomon gehört zu den bekanntesten französischen Architekten des Neoklassizismus. Mit zeichnerischem Talent gesegnet und dem notwendigen Ehrgeiz ausgestattet, verließ er die von der Französischen Revolution erschütterte Heimat und begann eine erfolgreiche Karriere im fernen Russland und dessen Hauptstadt Sankt Petersburg, wo er seine prominentesten Bauten schuf. Er verstand es, seinen Namen und seine Biografie so anzupassen und sich auf dem Gesellschaftsparkett so geschickt zu bewegen, dass er Zugang zu den hohen Adelskreisen Russlands bis zum Zarenhof und somit zu bedeutenden und gut dotierten Aufträgen fand – zu seinen berühmtesten Projekten zählen das Große Theater (Bolschoi-Theater) und die Gestaltung der Ostspitze der Wassiljewski-Insel mit der Börse. Seit seiner Gründung im Jahre 1703 wurde Sankt Petersburg intensiv bebaut und sollte als das „Fenster nach Europa“ in seiner architektonischen Gestaltung ebenfalls „europäisch“ erscheinen, daher waren von Anfang an zahlreiche ausländische Architekten wie zum Beispiel Domenico Trezzini, Andreas Schlüter, Charles Cameron, Bartolomeo Francesco Rastrelli, Giacomo Quarenghi und viele andere am Werk in der Stadt an der Newa. Zu der Zeit, als Thomas de Thomon in Sankt Petersburg wirkte, kam in Europa der imperiale neoklassizistische Stil in Mode, der in der Kunstgeschichte oft als Empire und in Russland als alexandrinischer Klassizismus nach dem herrschenden Imperator Alexander I. bezeichnet wird. Da Jean-François Thomas de Thomon an der Académie royale d’architecture in Paris studiert und einige Jahre in Italien mit dem Studium der klassischen antiken Vorbilder verbracht hatte, hatte er nicht nur die erforderliche Qualifikation als Baumeister vorzuweisen, sondern war vor allem mit seinem Können und Kenntnissen des Neoklassizismus zum richtigen

Zeitpunkt am richtigen Ort. Er erhielt einen Lehrauftrag an der Akademie der Künste in Sankt Petersburg und machte sich bald nicht nur einen Namen als Architekt, sondern auch als brillanter Zeichner. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dieser Auswahl der Zeichnungen Thomas de Thomons aus der Sammlung der Kunstbibliothek um ein Präsentationsalbum handelt, das der Architekt im Auftrag eines Adeligen, möglicherweise aus der Zarenfamilie, angefertigt hatte. In diesem Album sind Repräsentationsbauten aus öffentlicher Hand zusammengestellt, darunter einige Militärgebäude wie Kasernen, Reithallen und Offiziershäuser sowie Krankenhäuser und die Kasaner Kathedrale als Sakralbau. Somit ist in der Ausstellung eine exquisite Auswahl an Zeichnungen bedeutender Bauwerke der Stadt zu sehen, die nicht nur von dem Architekten selbst, sondern auch von Kollegen aus seinem Umkreis, wie zum Beispiel Giacomo Quarenghi (1744–1817), Andrei Woronichin (1759–1814) und Luigi Rusca (1758–1822), entworfen und von Thomas de Thomon kopiert, verkleinert und angeordnet wurden. Da einige Originalpläne und ursprünglichen Zeichnungen der Entwurfsverfasser heute nicht mehr erhalten sind, stellt dieses Album neben seiner künstlerischen Qualität auch eine wichtige architekturhistorische Quelle dar.

In der Ausstellung werden neben den Zeichnungen Thomas de Thomons auch Werke seines wichtigen Konkurrenten, Giacomo Quarenghi, sowie eine Arbeit von Philipp Elsson (1793–1867) gezeigt, die an den Entwurf der Börse von Thomas de Thomon der Börse erinnert. 

Die Ausstellung basiert auf den Leihgaben der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.