»Lassen wir Picasso beiseite. Wir werden lernen müssen, uns besser mit Arp zu verstehen.«
Salvador Dalí

»Rund neun Jahrzehnte später kommt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck dieser Aufforderung Salvador Dalís gern nach. In einem fulminanten »Rendez-vous des amis« begrüßen wir 2020 mit Salvador Dalí einen besonders illustren Gast und zeigen vielfältige Arbeiten von ihm im Dialog mit den Werken unseres Hauspatrons Hans Arp. Unsere Ausstellung macht erstmals konzentriert die zahlreichen Bezüge zwischen diesen zwei Protagonisten der Moderne nachvollziehbar und erlebbar.« So ordnet Museumsdirektor Dr. Oliver Kornhoff die Ausstellung ein.

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz über das Großprojekt:
»Ich bin sehr stolz auf diese großartige Umsetzung der Ausstellungsidee. Dem Team des Arp Museums ist es gelungen, hochkarätige Leihgaben aus ganz Europa, den USA und Japan zu bekommen. Zudem wird das Projekt von namhaften Partnern und Förderern unterstützt. Besonders freue ich mich hierbei über zwei kreative Kooperationen in Rheinland- Pfalz mit der Hochschule Mainz und der Villa Musica.«

Surrealistisches Rendez-vous: Hans Arp und Salvador Dalí
Im Obergeschoss des Neubaus zeigt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck hochkarätige und internationale Leihgaben von Werken der beiden Künstler Salvador Dalí und Hans Arp. In dialogischer Präsentation werden charakteristische Werkgruppen zu den Themen »Objekt«, »Schnurrbart«, »Körper«, »Genie«, »Form«, »Bureau surréaliste« und »Sprache« gebildet. Sie zeigen, wie sehr sich Dalí und Arp in ihrer Formensprache ähneln. Das kuratorische Konzept verfolgt zugleich die beiden Künstlerpersönlichkeiten, ihre Rolle im Surrealismus und die Überschneidung ihrer Biografien.

Hans Arps und Salvador Dalís Wege kreuzen sich 1929 in Paris, als Dalí in denKünstlerkreis der Surrealisten aufgenommen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist Arp bereits etabliertes Mitglied der surrealistischen Bewegung um André Breton. Hans Arp, der sich zuvor als einer der führenden kreativen Köpfe des Dadaismus in verschiedenstenTechniken des Zufalls und der Intuition ausprobierte, konnte sich schnell mit den Ideen des Surrealismus identifizieren. Seine Texte und Werke werden in den wichtigsten Publikationen des Surrealismus abgedruckt und Arps Reliefs für ihre objektsprachliche Neuartigkeit gefeiert. Dalí ist daher schon vor 1929 mit dem Werk von Hans Arp bekannt und wesentlich von diesem Pionier der abstrakten Kunst beeinflusst. Davon zeugen Gemälde Dalís wie die »Spektralkuh« aus dem Jahr 1928, die eindeutige Bezüge auf diebiomorph- organischen Strukturen von Hans Arps Reliefs erkennen lassen.

In der Ausstellung treffen spektakuläre Arbeiten Salvador Dalís wie u. a. »Traum verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel vor dem Erwachen« (1944) oder auch»Die Metamorphose des Narziss« (1937) mit bisher nur selten gezeigten surrealistischen Holzreliefs von Hans Arp wie zum Beispiel »Blatt einer Frau« (1935) oder Bronzen wie »Die kleine Sphinx« (1942) aufeinander. Die Begegnung der ausgestellten Werke verdeutlicht, wie sehr Dalís Arbeiten um 1928 von abstrakt-organischen Formen geprägt sind, die ähnlich wuchern, wachsen und sich wandeln, wie es für die Kunst Hans Arps typisch ist. Die weich fließenden und organischen Strukturen der Arp?schen Skulptur scheinen geradewegs einem Gemälde Dalís zu entspringen und andersherum. Auch die Lyrik Arps bildet eine weitere Schnittmenge mit einigen von Dalís Werken. Dabei werden zahlreiche Entsprechungen ihrer unbewussten Vorstellungswelten und verrätselten Visionen anschaulich. Dieses surrealistische Vokabular ist bei Dalí bildlich und bei Arp schriftlich in seiner Dichtkunst bis ins Spätwerk nachzuvollziehen.

Wie für den Surrealismus typisch, finden wir sowohl bei Dalí als auch bei Arp traumartige und unerklärliche Bilder und Sequenzen: Uhren zerfließen oder haben Schnurrbärte, Körper haben Schubladen und Telefonhörer werden zu Hummern. Angelehnt an denPavillon »Dream of Venus« – den Dalí für die Weltausstellung in New York 1939 entwarf –bietet sich im Kabinett die Möglichkeit in eines der ersten Environments der Kunstgeschichte einzutauchen und damit auch in die surreale Welt Salvador Dalís. Für die richtige Atmosphäre sorgt dabei vor allem die Aufnahme des Originaltons aus eben diesem Pavillon, der mit aufwändigen Kulissen und bizarr gekleideten Akteurinnen und Akteuren inszeniert war. Zum allerersten Mal seit jener Zeit ist die verführerische Stimme der »Venus« und der Chor ihrer Verehrer*innen nun wieder zu hören.

Trotz der vielen Parallelen in den Werken der beiden Künstler verfolgen sie dennoch ihre eigenen Wege innerhalb des Surrealismus. So ist Salvador Dalí mit seinem akademischen Pinselstrich einer der wichtigsten Vertreter des veristischen Surrealismus,während Hans Arp mit seiner organischen Formensprache für den abstrakten Surrealismus steht.

Salvador Dalí und 250 Jahre Ludwig van Beethoven
Wie Ludwig van Beethoven zählt Salvador Dalí zu den radikalsten Künstlern seiner Zeit – exzentrisch, genial, sich immer wieder neu erfindend. So zeugen zahlreiche Bezüge zu Ludwig van Beethoven von Dalís Faszination für das musikalische Genie und die kulturelle Bedeutung dieses anderen Jahrhundertkünstlers. Ein visueller Eindruck aus seiner Jugendzeit ließ Dalí zeitlebens nicht mehr los. So erschien ihm das Haupt Ludwig van Beethovens als Gewitterwolke, auf Grundlage derer er 1940 die Tuschezeichnung»Beethovens Schädel« (1939-41) fertigte, die als Illustration zur Erstausgabe seiner Autobiografie »The secret life of Salvador Dalí« (1942) bestimmt war.

So ist es nur stimmig zum 250. Geburtstag Beethovens die hier gezeigte Ausstellung auch als Bühne für die sinnfällige Verbindung dieser zwei künstlerischen Visionäre zu nutzen. Zu diesem besonderen Anlass wird dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck die Ehre zuteil, als erstes Museum von der Fundació Gala-Salvador Dalí die Arbeit »Beethovens Kopf« (1973) als Leihgabe zu erhalten. Dieses expressive Werk wurde mithilfe eines echten Tintenfischs und seiner eigenen Tinte angefertigt. Nie zuvor hat dieses außergewöhnliche Porträt seinen Platz verlassen, den Dalí dafür auserwählt hat – nun darf es bis zum Finale des Beethovenfestes am 22. März 2020 in Rolandseck das Publikum begeistern.

Als Förderer des Projektes kommentiert Malte Boecker, künstlerischer Geschäftsführer der Beethoven Jubiläums GmbH: »Ich freue mich auf diese tolle Ausstellung insbesondere, weil Salvador Dalís Beethoven-Portrait das erste Mal außerhalb von Spanien präsentiert wird. Die intensive Auseinandersetzung Dalís mit Beethoven ist weitgehendunbekannt. Insofern trägt die Ausstellung dem Motto des Jubiläumsjahres ‚Beethoven neu entdecken‘ wunderbar Rechnung.«

Musikalisch wird die Kooperation des Arp Museums Bahnhof Rolandseck mit der Villa Musica in einer eigenen Konzertreihe das Erbe der Jahrhundertkünstler Beethoven und Dalí zum Klingen bringen. Dabei werden neben bekannten Kompositionen Beethovens auch anlässlich der Ausstellung neu entstandene Kompositionen des spanischen Musikers Pedro Halffter zu Gehör gebracht. Dessen Großonkel Ernesto Halffter war ein enger Freund Dalís.

Dalí: Ein multimediales Corporate Design
Wie kaum ein anderer hat es Dalí geschafft, nicht nur durch seine einzigartige Malerei Berühmtheit zu erlangen, sondern auch als Inbegriff des exzentrischen Künstlers zum Star zu werden. Er bringt die Grenze zwischen Hoch- und Popkultur, zwischen Kunst und Alltag zum Einsturz und erreicht so ein breites Publikum. Der Ausstellungsteil imhistorischen Bahnhof zeigt dieses geniale Selbstmarketing in all seinen Facetten:Dalí als Mythos, Marke und Multimediakünstler.

Der Wunsch nach der Entgrenzung seiner Kunst, die zu einer neuen, ganzheitlichen Kunsterfahrung führen sollte, brachte Salvador Dalí in die Welt des Films. Während seines Schaffens entwickelt er fortwährend Konzepte für Filmprojekte, nur eine Handvoll wird allerdings umgesetzt. Davon sind vier in der Ausstellung zu sehen: die beiden wegweisenden wie innovativen surrealen Meisterwerke »Ein andalusischer Hund« (1929) und »Das goldene Zeitalter« (1930) – beide in Zusammenarbeit mit Luis Buñuel entstanden. Zudem die von Dalí gestaltete Traumsequenz aus Hitchcock’s »Spellbound«(1945) und die Disney-Kooperation »Destino« (1945/2003).

Ein besonderes Highlight ist der 360°-Film »Dreams of Dalí« – ursprünglich für das Dalí- Museum in St. Petersburg (Florida) kreiert. Hierbei können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung mittels einer VR-Brille in die Traumillusionen des surrealen Meisters eintauchen. Zeitgleich bietet dieser Ausstellungsteil im Bahnhof mit Fotografien desberühmten Porträt- und Modefotografen Philippe Halsman auch intime Einblicke in die Welt Salvador Dalís und seines ikonischen Schnurrbarts.

Dalí lässt sich heute als kreatives Allround-Talent betrachten. Seine künstlerische Genialität geht dabei über seine Gemälde und sein filmisches Werk weit hinaus und umfasst auch das Produktdesign – Objekte wie Aschenbecher, Krawatten oder Möbel.

Als Meister der Selbstinszenierung wird er selbst zum Kunstwerk und zu einer Marke, die sich mit der Zeit verselbstständigte und heute weltweit bekannt ist. So ziert sein weltberühmter Schnurrbart bis heute zahlreiche Zeitschriftencover und sogar auf Briefmarken finden seine Werke Verbreitung.

Die Begeisterung Salvador Dalís für neue Technologien wird innerhalb der Ausstellung mit einer Augmented-Reality-Anwendung gewürdigt. Der Fachbereich Mediendesign der Hochschule Mainz entwarf eigens für diese Ausstellung ein Aussichtsfernglas mit Blick in die Rheinlandschaft, die plötzlich bevölkert wird von Dalís einzigartigen Kreaturen –Elefanten, Tigern, Fischen, Bienen. So bildet der Ausguck des Richard-Meier-Baus mit dieser neuen Technologie die Möglichkeit, Dalís multimediale Bestrebungen in unsere Gegenwart zu überführen und mit seinem zweidimensionalen malerischen Werk zu vereinen.

Katalog:
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter wissenschaftlicher Katalog mit Aufsätzen von Dawn Ades, Astrid von Asten, Karl Böhmer, Oliver Kornhoff, Heinz Joachim Kummer und Sarah-Lena Schuster bei StrzeleckiBooks, Köln (65 Euro).