Franz Erhard Walther ist eine Schlüsselfigur der konzeptuellen Abkehr vom Bild in den europäischen Nachkriegsavantgarden. Jenseits des Tafelbilds und eines klassischen Verständnisses von Skulptur formulierte er einen völlig neuen Werkbegriff – insbesondere durch Einbeziehung des Betrachters als Akteur. Walther selbst hat die Elemente Ort, Zeit, Raum, Körper und Sprache als seine künstlerischen Mittel bezeichnet. 

Die Geste eines radikalen Ikonoklasmus, die auf die Revision der Erzählstrategien der Moderne zielt, steht am Anfang seines mehr als sechs Jahrzehnte umspannenden Œuvres. Ein junger Mann mit zerzaustem Haar und mit Farbklecksen überzogener Kleidung sitzt im Schneidersitz barfuß vor einer silbernen Schüssel und speit mit hoch erhobenem Kopf ein Mehl-Wasser-Gemisch. Franz Erhard Walther nannte die mit Licht und Schatten atmosphärisch inszenierte fotografische Aufnahme dieser ersten Aktion im Alter von 19 Jahren „Versuch eine Skulptur zu sein, Speier“ (1958). Diese frühe Arbeit enthält bereits die gesamte Essenz von Walthers zukünftigem Werk und seinem radikal erweiterten Spektrum künstlerischer Praxis. Vor dem inneren Auge des Betrachters entsteht die Gestalt einer in Stein gemeißelten Skulptur; Walther unterwandert diese Vorstellung jedoch bereits mit einem lebenden Bild von sich selbst als Akteur.

Der 1939 im hessischen Fulda geborene Franz Erhard Walther ist immer Bestandteil der internationalen Kunstszene gewesen. Dennoch war sein Werdegang durchaus von Ablehnung und Widerstand geprägt. Die visionäre Tragweite seines künstlerischen Entwurfs wird einer breiten Öffentlichkeit erst heute in der Rückschau bewusst, wie die Verleihung des Goldenen Löwen anlässlich der Biennale von Venedig 2017 belegt.

Die Retrospektive im Haus der Kunst zeichnet die bis heute ungebrochen in die Kunstszene ausstrahlende Entwicklung seines Werks anhand von 250 Arbeiten und zahlreichen Zeichnungen nach. 

Bereits im gegen Ende der 1950er-Jahre einsetzenden Frühwerk werden Werkideen zum Imaginativen und Prozessualen deutlich. Schon die ersten, intensivfarbigen Wortbilder wie „museum“, „ich bin draußen“, „SAMMLUNG“ oder „NEW YORK“ weisen bereits weit über das während der Ausbildung in der Klasse für Typografie an der Werkkunstschule Offenbach Erlernte hinaus. Im Bewusstsein seiner Außenseiterposition formuliert Walther mit ihnen frühzeitig, wenngleich unbewusst, eine scharfsinnige Kritik am Kunst-betrieb. John Baldessari kreiert seine institutionskritischen Sprachbilder wie „Pure Beauty“ oder „Clement Greenberg“ an der West Coast, welche die Vorherrschaft der East Coast mit New York als Ort der Deutungshoheit über die Moderne zum Thema haben, ein Jahrzehnt später. Durch die documenta II (1959) und ihrem Versuch einer erneuten Öffnung hin zur internationalen Avantgarde, kam Walther in Berührung mit Originalen des US-amerikanischen Action-Painting, des Abstrakten Expressionismus sowie des deutschen Informel. An der Düsseldorfer Kunstakademie konnte er in der Klasse von K. O. Götz in freigeistiger Atmosphäre im Formlosen die Form suchen. Er überführt das Gestische der informellen Malerei in die Geste als Handlung. Die menschliche Vorstellungskraft als wesentliche Quelle sowohl des Handelns als auch der Formgebung ist eine seiner Leitideen.  

In den von größter Experimentierfreude geprägten frühen Jahren verleiht Walther einer schier unerschöpflichen Vielzahl von Bild-begriffen Gestalt. Er löst sich von einer dominanten Autorschaft, indem das Prinzip der Zufälligkeit die Bildgestaltung definiert: hierfür verwendet er Kaffee, Pflanzenöl, Leim oder Sojasoße auf Papier und Pappen. In weiteren Arbeitsprozessen wie Aufstellen, Stapeln und Aneinanderreihen wie bei „Sechs Maschinenpappen mit Ölrand“ (1962) beschäftigt er sich mit der Veränderbarkeit des Raumes durch serielle bzw. formale Anordnung von Objekten. Dabei wird das Prozessuale und die Handlung als Konstante deutlich.

Seine vermeintliche Nähe zur Ästhetik der amerikanischen Minimal Art beruht auf Walthers Interesse für Objekte und die für deren Wahrnehmung elementare Raum- oder Materialwirkung; jedoch bedient er sich nie industriell hergestellter Erzeugnisse. Im Gegenteil, er rückt das menschliche Maß und den Menschen in den Mittelpunkt seines Schaffens. 

Es folgt die Hinwendung zum Nähen. Mit dem Schlüsselwerk der „Vier Körperformen“ (1963) bildet der Körper als plastisches Motiv endgültig das Zentrum. Walther entwickelt Aktivierungsobjekte aus gefülltem naturfarbenem Nessel. Stoff – bis dato ein gemeinhin ungebräuchliches künstlerisches Material – wird zum Innovationsträger. Durch amorphe Formen betont Walther dessen organischen Charakter; das Gewebe ruft die Erinnerung an Haut wach bzw. weist eine starke Nähe zum menschlichen Körper auf. Aus dem Material entwickelt er eine neue Formgebungskraft zur Wechselwirkung von Innen und Außen. Die vermeintlich unversöhnlichen Antipoden von Person und Gegenstand verhandelt Walther mit den interaktiven Qualitäten seiner Werke. 

Mit dem „Ersten Werksatz“, bestehend aus 58 aktivierbaren Stücken (1963–1969), erlebt Walthers Konzept der Partizipation seinen Durchbruch und ersten Höhepunkt. Das Stück Nr. 30 „Nähe“ oder Nr. 31 „Für Zwei“ ist durch die andauernde Nähe des Gegenübers von starker Intimität geprägt. Auch Nr. 20 „Versammlung“ lässt auf einem quadratischen Tuch ein lockeres, informelles Beisammensein entstehen. Teilhabe, Mitbestimmung, Selbstverantwortung und Willensbildung waren damals Themen des gesellschaftlichen Diskurses. Walther initiierte zeitgleich außergewöhnliche zwischenmenschliche Situationen. Er führt den „Ersten Werksatz“ 1969/70 vor - nur zwei Jahre nach dem Abschluss an der Düsseldorfer Akademie, anlässlich der von Jennifer Licht im New Yorker MoMA ausgerichteten und maßgeblichen Ausstellung „Spaces“, an welcher auch Dan Flavin, Robert Morris, Larry Bell oder Michael Asher beteiligt waren. 

Mehrfach begegnete Walther in New York Andy Warhol; auch seine Kommilitonen Gerhard Richter und Sigmar Polke befassten sich in ihren Tafelbildern gleichermaßen mit der zunehmend kommerziell ausgerichteten Gesellschaft. Walther selbst hingegen hat sich nie gegenständlichen Bildfindungen zugewandt. Die intensiven Primärfarben der Pop-Art aber bestimmen sein Werk bis heute. Zusehends werden seine textilen Materialien farbiger und dienen über sein gesamtes Schaffen hinweg der Entwicklung verschiedenster Werkgruppen. In den bisher wenig beachteten polychromen „Wandformationen“ der 1980er-Jahre erzielt Walther eine unvergleichbare Verschränkung von Malerei, Skulptur und Architektur, die sich von den „Handlungsbahnen“, den „Configurations“ über das „Neue Alphabet“ der 1990er- bis in die 2000er-Jahre fortsetzt. Deren Aktivierung eröffnet vielfältige Möglichkeiten. Die Gegensätze statisch und transitorisch, materiell und immateriell, isoliert und verbunden, von Subjekt und Objekt beschäftigen ihn bis heute.

Die unterschiedlichen Entwicklungslinien im Œuvre werden im Haus der Kunst umfassend präsentiert. Der Kern von Walthers Praxis – die mediale Verknüpfung – rückt in den Mittelpunkt. „Mit seinem Verständnis vom Körper als Teil des Werks fordert Walther die traditionelle Bildlogik heraus. Er schafft Gegenbilder zum Bild“, so Jana Baumann, Kuratorin der Ausstellung, „und ist inzwischen Referenzpunkt auch für die jüngste Künstlergeneration geworden.“ 


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Montag: 10:00 - 18:00 Uhr
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