Seit 2010 stellt das Haus am Waldsee als Ort für internationale Kunst, die in Berlin entsteht, in lockerer Folge führende Architekten vor. Bisher wurden GRAFT (2012), Haus Rucker&Co (2015) und J.MAYER.H (2016) vorgestellt, Architekten, die der Bildenden Kunst in besonderer Weise nahestehen und zugleich durch Studium und Lehre von amerikanischen oder britischen Hochschulen geprägt sind. Auch die diesjährige Ausstellung mit Frank Barkow (*1957) und Regine Leibinger (*1963) widmet sich einem Team, dessen Werk in den USA wurzelt und sich in den letzten 25 Jahren von Berlin aus global entfalten konnte. 

Mit Barkow Leibinger rückt ein amerikanisch-deutsches Architekturbüro in den Fokus, das nach ihrem Studium an der Harvard University 1993 in Berlin gegründet wurde. Frank Barkow lehrte als Gastprofessor an führenden amerikanischen Hochschulen sowie in London und Lausanne. Regine Leibinger lehrte neben der Bautätigkeit zeitweise international und übernahm von 2006 bis 2018 eine Professur an der Technischen Universität Berlin. Heute teilen sich beide eine Professur an der Princeton University. 

Barkow Leibinger gehören zu den Vorreitern einer Generation von ArchitektInnen, die versuchen die Grenzen ihrer Disziplin durch Materialforschung, digitale Fabrikationstechniken und maschinelle Fertigung von Gebäuden permanent zu erweitern. Gleichzeitig pflegen sie eine enge Verbindung zu künstlerisch-experimentellen Praktiken. Das Wechselspiel zwischen Technik und Mensch – sowohl aus künstlerischer als auch aus technologischer Sicht – manifestiert sich nicht nur in Barkow Leibingers großmaßstäblichen Gebäuden, sondern auch in ihren temporären Pavillons sowie in neu entwickelten Materialien. Dabei lösen sich die Grenzen zwischen begehbarer Skulptur, Bauteil, Ornament und Funktion auf. 

Durch die Digitalisierung verflüssigen sich Arbeitsprofile und -strukturen. Dazwischen steht die Architektur, die sowohl auf die technologischen Anforderungen reagiert, als auch zwischen der neuen und der alten Arbeitswelt vermitteln muss. Auf besondere Weise kommt der architektonischen Gestaltung der Arbeitswelt heute eine Art Pufferfunktion zu, die eine Latenz der Entwicklungsgeschwindigkeiten einzubauen hat. So ist es die Aufgabe heutiger ArchitektInnen, ausgleichend zwischen dem sich nur langsam mit der neuen Lebenswelt arrangierenden Individuum und der sich jede Sekunde weiter beschleunigenden Technologie zu wirken.

Barkow Leibinger stellen sich diesem hochaktuellen Komplex. In ihrer Architektur geht es stets um die Vermittlung beider Pole. Immer wieder müssen sie zwischen maschinell-funktionalen Anforderungen und ästhetisch-menschlichem Maßstab abwägen und eine Mitte finden. Die Frage, welche Qualitäten für die Menschen bleiben, die in den Räumen der Digitalisierung arbeiten, beantworten Barkow Leibinger seit Jahren mit der Kombination aus streng moderner Funktionalität und Ornamentik. Eigens entwickelte Materialien und künstlerisch gestaltete Formen, die auf unterschiedliche kulturelle Traditionen rekurrieren, schaffen in den ansonsten immer aseptischer und menschenfremder werdenden Arbeitsräumen Momente, die dem Menschen mit seinen analogen Bedürfnissen seinen zentralen Platz geben. 

Im kreativen Dialog mit KünstlerkollegInnen formulieren Barkow Leibinger ihren Anspruch an die Architektur, den Menschen als Nutzer ungewöhnlicher Raumkonstellationen in den Mittelpunkt zu stellen. Ausgehend von diesem interdisziplinären Ansatz hat sich ihr Selbstverständnis in mehr als zwei Dekaden zu einem Zusammenspiel von Praxis, Forschung und Lehre entwickelt. Beispiele dieser experimentellen Herangehensweise wurden bereits in mehreren internationalen Ausstellungen präsentiert: so unter anderem an der prominenten AA, Architectural Association in London 2009, bei den Architektur-Biennalen 2008 und 2014 in Venedig, der Marrakesch Biennale 2012 in Marokko sowie der Chicago Architecture Biennial 2017.

Das Herzstück der Ausstellung im Haus am Waldsee wird eine Stellage sein, die sich durch das gesamte Erdgeschoss zieht. BesucherInnen finden hier eine Fülle von Materialstudien und Modellen. Texterläuterungen dazu finden sich auf den Wandoberflächen ringsherum. Visionen, Experimente, Gebautes und Ungebautes werden komprimiert ausgebreitet. In den übrigen Räumen sind Materialzitate im Maßstab eins zu eins zu sehen. Hier können die BesucherInnen die Raumexperimente ganz unmittelbar physisch erleben. 

Im Freigelände entsteht der neu interpretierte Pavillon, den Barkow Leibinger 2016 als „Summer House“ für die Serpentine Gallery in London entwickelt haben. Vor dem Haus stoßen die BesucherInnen auf eine Passage aus zwei parallelen Betonwänden, die durch ein neues Abgussverfahren aus Infraleichtbeton geschaffen werden und als innovatives Baumaterial bei Barkow Leibinger Verwendung finden.

Die Ausstellung unternimmt den Versuch, das gesamte Werk unter zwei Aspekten zu betrachten: Barkow Leibingers ausgeprägtem Talent für Materialexperimente sowie ihrem Hang zu temporären Gebäuden, die an begehbare Installationen erinnern. Die Schau umfasst über zwanzig Schaffensjahre und findet im gesamten Innen- und Außenbereich des Hauses statt. Sie wendet sich an ein Publikum, das nicht nur an gebauten Ergebnissen, sondern auch an Entwicklungsprozessen in der zeitgenössischen Architekturpraxis interessiert ist.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag (Feiertage): 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: hausamwaldsee.de

Barkow Leibinger, Bühnenbild zu Fidelio, Theater an der Wien, 2020, Foto: Iwan Baan
18.07. - 04.10.2020

Barkow Leibinger: Architektur zwischen Mensch und Maschine

Haus am Waldsee - Internationale Kunst in Berlin

Argentinische Allee 30
14163 Berlin