In der zweiten Jahreshälfte 2020 zeigt das Dresdner Albertinum zum 150. Geburtstag Ernst Barlachs eine umfassende Retrospektive, die sich maßgeblich auf Leihgaben des Ernst Barlach Hauses stützt. Das Jubiläumsprojekt ist Anlass für einen Ost/West-Tausch. Das Albertinum leiht im Gegenzug 60 Werke seiner Sammlung von Kunst aus der DDR: Gemälde und Skulpturen der Nachkriegszeit, »Sozialistische Gegenwartskunst« der 1960er und 70er Jahre sowie Arbeiten einer jüngeren, nach 1950 geborenen Generation. Die Werke von 52 Künstlerinnen und Künstlern geben einen facettenreichen Einblick in die ostdeutsche Kunstgeschichte, von der Staatsgründung der DDR 1949 bis zum Mauerfall 1989. Zu entdecken ist ein breites Spektrum an Themen, Stilen und Positionen – vom Arbeiterbildnis bis zum Pop Art-Experiment, von sachlich bis expressiv, figürlich bis abstrakt, konformistisch bis kritisch.

Dabei spiegeln die ausgewählten Sammlungsstücke, die oft aus Übersichtsschauen wie der alle fünf Jahre im Albertinum veranstalteten Deutschen Kunstausstellung (ab 1972: Kunstausstellung der DDR) erworben wurden, die Etappen eines sich wandelnden staatlichen Kunstverständnisses wider. An dessen Beginn stand eine programmatische Verengung: Im Rahmen der sogenannten Formalismus-Debatte wurden die Künste seit 1951 auf einen strikten Sozialistischen Realismus nach sowjetischem Vorbild verpflichtet – parteilich, volksnah und mit positiver Botschaft. Die ästhetischen Errungenschaften der Klassischen Moderne der Weimarer Republik wurden zugunsten plakativer Figurationen verworfen, und auch Werke NS-verfemter Künstler wie Ernst Barlach erfuhren zunächst neuerliche harsche Abwertungen als »spätbürgerliche Verfallskunst« (Wilhelm Girnus, 1952), als antirealistisch und pessimistisch. Gemälde wie Hermann Bruses Porträt Der neue Eigentümer (1951) oder Rudolf Berganders Hausfriedenskomitee (1952), das eine angeregt diskutierende Tischgesellschaft zeigt, offenbaren das Bemühen um eine politische Wirksamkeit der Malerei. Bilder wie diese zählten zu den Schaustücken der Abteilung »Sozialistische Gegenwartskunst«, die 1963 in der damaligen Galerie Neue Meister im Albertinum eingerichtet wurde.

Eine gesellschaftspolitisch-erzieherische Mission der Kunst postulierte auch der 1959 eingeschlagene »Bitterfelder Weg«: Künstler sollten sich verstärkt mit den Arbeitswelten der Werktätigen auseinandersetzen, diese wiederum wurden zur eigenen, laienkünstlerischen Produktion aufgerufen (»Greif zur Feder, Kumpel!«). Die kulturpolitische Leitlinie hinter diesem Versuch einer neuen Volksnähe blieb die alte: mit Mitteln der Kunst Beiträge zu einer Bewusstseinsbildung in sozialistischem Sinne zu leisten.

Mit den 1960er Jahren begann eine Phase, in der die staatlich verordnete Schlichtheit zunehmend Widerspruch hervorrief. Der künstlerische Blick auf Geschichte und Gegenwart forderte komplexere, auch kritisch hinterfragende Bildsprachen. Maler wie Willi Sitte, und die drei Väter der »Leipziger Schule« Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig entwickelten sie mit expressiver Vehemenz oder in altmeisterlicher Feinmalerei, in wuchtiger Monumentalität oder filigraner Verrätselung. Dabei verstrickten sich die vier mit Aufträgen und Auszeichnungen bedachten, im Westen ebenfalls hochgeschätzten documenta 1977-Teilnehmer auch in persönliche Widersprüche. Als Partei- und Verbandsfunktionäre, Hochschulprofessoren oder -rektoren waren sie einflussreiche Stützen eines Regimes, zu dessen kunstpolitischem Kurs sie sich aber immer wieder entschieden in Konfrontation begaben. Ihre zwiespältige Rolle als staatstragende Systemkritiker sorgt bis heute für heftige Kontroversen. 

Nachdem 1965 das berüchtigte »Kahlschlag-Plenum« des Zentralkomitees der SED jede Liberalisierung in der Kultur verworfen hatte, zeichnete sich zu Beginn der 1970er Jahre eine Lockerung ab. Im Juni 1971 deutete Erich Honecker auf dem VIII. Parteitag der SED mit der Losung »Weite und Vielfalt« neue Möglichkeiten für stilistische und thematische Öffnungen an, und das Politbüromitglied Kurt Hager gestand der Kunst 1972 in seiner richtungsweisenden Rede Zu Fragen der Kulturpolitik der SED zu: »Das Suchen nach neuen Formen, Mitteln, Techniken ist unerlässlich. […] Konfliktlosigkeit steht der sozialistischen Kunst nicht zu Gesicht, sie ist ein Verstoß gegen die Lebenswahrheit in unserer Kunst.«

Eine zunehmende Bereitschaft, Differenzierung, Kritik und Mehrdeutigkeit nicht als Risiken, sondern als Potenziale der Kunst zu betrachten, kennzeichnete auch die Erwerbungspolitik der Dresdner Galerie Neue Meister in den 1970er und 80er Jahren. Bemerkenswerte Ankäufe waren Uwe Pfeifers einsamer Dialog I (1975) und Dieter Weidenbachs autobiografisch gefärbte Aufbruchsallegorie Unterwegs (1976) – zwei Bilder über Freiheitssehnsüchte in einem ummauerten Land.

Auch Werke, die sich von der Tradition sozialistisch-realistischer Figürlichkeit entschieden entfernten, wurden in die Sammlung aufgenommen, etwa Assemblagen und Gemälde von Willy Wolff, die deutliche Anregungen durch britische Pop Art erkennen lassen. Doch es gab Grenzen: So wurden die konstruktiven Werke, die Hermann Glöckner in konsequenter Ferne vom offiziellen Kunstgeschehen in der DDR über Jahrzehnte schuf erst nach 1989 erworben, und auch die groteske Frau in Uniformkleid, die Annette Schröter 1983 aus Protest gegen eine im Vorjahr beschlossene Einführung der Frauenwehrpflicht malte, kam erst 1991 als Schenkung der Künstlerin in die Sammlung – sechs Jahre nach ihrer Ausreise aus der DDR. 

Nicht nur manche Erwerbungsdaten überschreiten den im Ausstellungstitel genannten Zeitrahmen 1949–89, sondern auch die Entstehungsdaten einiger Werke, die für den »Kosmos Ost« bedeutsam sind. Hierzu zählen zwei magisch-realistische Landschaften, die Hans Heinrich Palitzsch kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs malte, und ein 1991 entstandenes Gemälde von Cornelia Schleime: Anlass für das dreiteilige Bild Der Verräterwar die Enttarnung des Ostberliner Schriftstellers Sascha Anderson als »Inoffizieller Mitarbeiter« der Staatssicherheit; als engster Freund Schleimes hatte er die nonkonformistische Künstlerin jahrelang überwacht. 

Anders als die nach Ankaufschronologie strukturierte Ausstellung Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990, die das Albertinum 2018/19 seinen eigenen Beständen widmete, istKosmos Ost im Ernst Barlach Haus thematisch gegliedert. Acht Bereiche fächern die Auswahl auf: 1. »Auferstanden aus Ruinen«, 2. Arbeits- und Lebenswelten, 3. Mythos und Pathos, 4. Seitenwege und Freiräume, 5. Künstler/innen sehen Künstler/innen, 6.Industrielandschaften, 7. Akte und 8. Landschaft als Metapher.

Jenseits deutsch-deutscher Voreingenommenheiten schärft diese thematische Gruppierung in besonderer Weise den Blick für die Bandbreite künstlerischer Formulierungen zwischen Anpassung und Widerstand, staatlicher Reglementierung und individuellem Ausdruck. Sie öffnet ihn für Qualitäten und Eigenheiten, für Vielfalt und Vieldeutigkeit ostdeutscher Bildwelten, die im Westen auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch zu wenig bekannt sind. 

Die beteiligte Künstlerinnen und Künstler sind:
Walter Arnold, Rudolf Bergander, Gerhard Bondzin, Hermann Bruse, Wieland Förster, Hubertus Giebe, Sighard Gille, Hermann Glöckner, Eberhard Göschel, Waldemar Grzimek, Harald Hakenbeck, Helmut Heinze, Bernhard Heisig, Bert Heller, Eugen Hoffmann, Petra Kasten, Siegfried Klotz, Rolf Krause, Gerda Lepke, Frank Maasdorf, Wolfgang Mattheuer, Paul Michaelis, Michael Morgner, Rudolf Nehmer, Willi Neubert, Otto Niemeyer-Holstein, Hans Heinrich Palitzsch, Ronald Paris, Uwe Pfeifer, Egon Pukall, Arno Rink, Theodor Rosenhauer, Wilhelm Rudolph, Cornelia Schleime, Wilhelm Schmied, Wieland Schmiedel, Baldur Schönfelder, Annette Schröter, Eva Schulze-Knabe, Jürgen Seidel, Gustav Seitz, Willi Sitte, Hans Steger, Werner Stötzer, Werner Tübke, Max Uhlig, Herbert Volwahsen, Dieter Weidenbach, Jürgen Wenzel, Christoph Wetzel, Willy Wolff und Walter Womacka.

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden