In der Ausstellung „You can’t walk unless the word runs.“, die bis auf eine Mehrkanal-Videoprojektion (entstanden 2015 für die Istanbul Biennale) ausschließlich aus neuen Werken besteht, beschäftigt sich die Künstlerin mit den Bedeutungsmustern von Sprache. Dem zugrunde liegt eine umfassende inhaltliche Recherche, die dem Phänomen des Sprechens und Unaussprechbaren und dem Entstehen, den Kontinuitäten und Fragmentierungen von Sprache und der ihr innewohnenden Macht nachgeht. Hat Buch in früheren Arbeiten Sprache wortwörtlich seziert und sie teilweise in andere Kontexte überführt, so ließ sie für die Ausstellung in der GAK Fahnen weben, auf denen stilisierte Zungen-Motive abgebildet sind. Daneben zeigen Video-Loops Großaufnahmen von menschlichen Mündern, die sich zu unverständlichen, glossalischen Lauten öffnen und schließen. Die Frage, „mit verschiedenen Zungen zu sprechen“, stellt sich dabei zu einer Zeit, in der Sprache zu einem immer mächtigeren und tendenziös politischen Instrument wird.

Buch wurde 2012 durch ihren Beitrag zur dOCUMENTA (13), einem Schmetterlingsgarten, bekannt. Carolyn Christov-Bakargiev lud die damals 29- Jährige als bis dato jüngste Künstlerin nach Kassel ein. Buch studierte Biologie und Theologie bevor sie ans Royal College of Art in London und zu Rosemarie Trockel an die Kunstakademie Düsseldorf wechselte. Seitdem hat sie vielfach international ausgestellt. Mit Installationen, Video, Text, Objekten und „life gestures“, wie sie ihre performativen Arbeiten nennt, erprobt sie Rituale, die Menschen, Dingen, Materialien und Lebewesen in immer wieder unerwartete Dialoge setzt.

Die Ausstellung wird von einem Rahmenprogramm begleitet. Nachfolgend finden Sie den Ankündigungstext der New Yorker Autorin und Kunstkritikerin Aimee Walleston.

Die Praxis der Glossolalie, das „Reden in Zungen“, ist mit gängigen Vorstellungen von Religion verknüpft, spiegelt jedoch das genaue Gegenteil religiöser Praxis wider. Während Religion in festen Ritualen verwirklicht wird und von institutionellen Ängsten vor Kontrollverlust geleitet ist, durchbricht die Glossolalie diese vermeintlich sichere Choreografie und galoppiert frei und ungezügelt davon. Die Zunge beginnt, unabhängig von ihren Besitzer*innen zu sprechen, und spricht die Sprache des unverfälschten Geistes.

Wer sind wir, unabhängig von der Sprache, in der wir miteinander kommunizieren? Wenn der geschriebene Text und das gesprochene Wort die Konstrukte sind, aus denen sich unsere Wirklichkeit zusammensetzt, so gibt es auch anhaltende Impulse zu einer Entwicklung entgegen dieser Auffassung über Phänomene des Derrida’schen Logozentrismus. Die Postmoderne versprach, die Illusion mithilfe der Dekonstruktion aufzudecken, doch die Burg steht immer noch, und der Graben wird immer tiefer. Und so suchen wir nach Wegen, um diese Gebäude zu umgehen. Indem Kristina Buch Wörter in Stücke schneidet und ihnen ermöglicht, zu neuen Formen zu wachsen, wie Plattwürmer, die sich immer wieder regenerieren, prägt sie ein differenziertes Verständnis der Silben, die Brücken schlagen zwischen Kennen und uns Bekanntem sowie dem Unbekannten und dem noch-zu-Kennenden.

You can’t walk unless the word runs. – Du kannst nicht gehen, solange das Wort nicht läuft. Hier fängt das Ohr den Klang sich überlagernder Äußerungen auf. Wir sind eingeladen in einen Raum jenseits der starren Didaktik des Religiösen und des Postmodernen, weit jenseits unseres sprachgebundenen Glaubens an das, was konstruiert und dekonstruiert werden kann. Eine Reihe von Videos, die auf Flachbildschirmen gezeigt werden, tragen den gleichen Titel wie die Ausstellung. Jeder Bildschirm zeigt ein Close-up eines Vorhangs aus Lippen, die sich öffnen und schließen, und offenbart Zungen, die zarte und feurige Botschaften gegen Wände aus Zähnen drücken, als wären die Mauern anthropomorph und zu einem Garten aus menschlichen Mündern gewachsen.

Eine Installation von acht Zungenfahnen aus Jacquardgewebe hängt von der Decke herab und leckt die noch vorhandenen Assoziationen der Betrachter*innen auf. Die Vorder- und Rückseite eines Jacquardstoffs – eine Textiltechnik, die bei der Erfindung des Computercodes durch Ada Lovelace eine zentrale Rolle spielt – zeigen ein positives und ein negatives Bild. In Flaggenform verarbeitet, laden sie dazu ein, die Ontologie von Flaggen, die für Nationen, Armeen, Politik und Sport so wichtig sind, als solche zu betrachten. Versuchen sie zu sprechen, und müssen sie immer zwei Seiten gegeneinander ausspielen? Die Ursprungsgeschichte der Zunge ist eine des Schutzes. Alle Reptilien, Vögel und Säugetiere haben Zungen, wie auch die meisten Amphibien. Dieses Anhängsel kam nicht in unseren Mund, um Wörter und Sätze zu bilden, sondern um zu schmecken. Genauer gesagt, um Gift zu identifizieren. Um zu erkennen. Dass der Homo sapiens eine Sprachfähigkeit entwickelt hat, die auf der Zunge – unserem Gefahrendetektor – beruht, ist eine evolutionäre Anpassung.

„Wenn die Gnade Gottes auf wundersame Weise bei einem Menschen wirkt“, vermutete William James, „so wirkt sie also wahrscheinlich unter Benutzung des subliminalen Zugangs.“ Wenn diese Tür eine Sprache ist, dann eine, von der wir noch nicht wissen, wie man sie schreibt oder spricht. Daher ist, wie die Philosophin Simone Weil feststellte, „die Unmöglichkeit [...] die Pforte zum Übernatürlichen. Man muss nur klopfen. Ein anderer öffnet.“ Es antwortet der Gegenkulturelle, der auf immer unbezähmbar ist. Durch das Bild und die Sprache führt Buch ihre Betrachter*innen zu dieser Ebene des intuitiven Erkennens, aber nicht mit dem einfachen Ziel des Verstehens.

Wir könnten fragen: Was tun Zungen, die an das feuchte, verletzliche Körperliche erinnern, die Hüter der Tür, die unsere Öffnung zur Welt schützen? Sie bewegen sich im Takt der Politik des Augenblicks. Oder sie verweigern vielleicht diese sicheren, behaglichen Bewegungen und werden zu Geschossen oder Zielscheiben. Auf diese Weise schmecken sie Geschichte. —Aimee Walleston, 2019