Die von Benjamin Ochse kuratierte Ausstellung zeigt Fotografien aus zoologischen Gärten der beiden Autorenfotografinnen Sabine Wild (*1962) mit ihrer Serie »Territorien« und Hildegard Ochse (1935–1997) mit der Arbeit »Gastland Bundesrepublik Deutschland«, deren Entstehung zeitlich fast 35 Jahre auseinander liegt.
Bereits John Berger zog in seinem Essay »Warum sehen wir Tiere an?« Parallelen zwischen der Funktion des Zoos und Kunstausstellungen in Museen: Die Besucher »gehen von einem Käfig zum anderen, wie Besuchern einer Kunstgalerie nicht unähnlich, die vor einem Bild stehen bleiben und sich dann zum nächsten oder übernächsten begeben.« (Vgl. John Berger: 1981.)

Hildegard Ochse zeigt in ihrer umfangreichen Serie (1983–1984) über hundert unterschiedliche Bilder von Kreaturen in deren Käfigen, Gehegen und Vitrinen der europäischen Zoo-Architektur. Diese Zoos erscheinen in Ochses Fotografien teilweise wie eine Spielwiese für Architekten, auf der diese größere gestalterische Freiräume zu genießen scheinen als bei Bauten für den Homo sapiens. In neoklassizistischen, orientalischen oder im Bauhausstil entworfenen Gebäuden mit Stallungen und Gehegen werden die Kreaturen
in einzelnen Boxen mit der obligatorischen Exponatbeschriftung nebeneinander aufbewahrt wie in einer musealen Kunstausstellung. Hildegard Ochses Fotografien zeigen nichts geschönt, verniedlicht oder vermenschlicht. Ihr ging es bei ihrer Arbeit um eine politische und zugleich philosophische Aussage, nicht um dekorative verharmlosende Tierfotos für die Tourismuswerbung. Die Betrachter_innen der Zootiere ließ die Fotografin bewusst in ihren Bildern aus. Mit Akribie fotografierte sie die Zootiere wie seelenlose Ausstellungsstücke und machte dabei deutlich, dass dicke Panzerglasscheiben, Gitter, Zäune, schwere Absperrungen oder tiefe Wassergräben eher an Hochsicherheits- gefängnisse als an adäquate Lebensräume für Tiere erinnern. Die Fokussie- rung auf die Zoo-Architektur in Hildegard Ochses Bildern verrät mehr über die Intention der Erbauer als über die Tiere aus fremden Ländern selbst. Die modernen Zoos scheinen auch heute meist nur noch als eine Treuhandanstalt für die Schöpfung und dem Konsum ihrer Besucher zu dienen.

Die Fotografin Sabine Wild, die sich seit 2007 mit dem Thema Zoo-Architektur beschäftigt, deckt ästhetische Konzepte hinter den scheinbar funktionalen Elementen der Tierhaltung in Zoologischen Gärten auf.
Wild schreibt: »Die Auseinandersetzung mit unserem Verhältnis zu Tieren

ist en vogue: Sich aus Tierschutzgründen vegan zu ernähren gewinnt immer mehr Anhänger. Und seit Jahren wird über die Berechtigung von Zoos und die optimale Wildtierhaltung diskutiert. Gerichte haben z.B. in Indien Delphine als ›nicht menschliche Personen‹ anerkannt; ihre Käfighaltung ist somit unter- sagt. Namhafte Architekten setzen sich nach neuesten Erkenntnissen mit adäquater Käfigarchitektur auseinander, wie z.B. Sir Norman Foster, der das Elefantenhaus im Kopenhagener Zoo gebaut hat. Ist es in diesem Kontext überhaupt statthaft, sich als Fotografin aus einem ästhetisch begründeten Interesse dem Thema der Käfigarchitektur zu nähern und diese Debatten scheinbar außer Acht zu lassen?«

Die Gehege werden von ihr als Bühnen präsentiert, auf denen – mittels ästhe- tischer Konzepte – eingeschlossenen Tieren ein Narrativ verliehen wird. Dabei ist eine Vielzahl der Bühnenelemente und Requisiten nicht dem Erhalt von Leben gewidmet, sondern einer ästhetischen Funktion untergeordnet, die vor allem dem menschlichen Betrachter, dem Konsumenten dieser lebendigen Tierbilder, gilt.

Käfige aus den 60er Jahren, oftmals baugleich errichtet, fotografiert sie wie ein durch dekliniertes strenges Raster, das nur durch sich minimal unterschei- dende Requisiten wie rohe Säcke, zerfetzte Seile, abgekaute Baumstümpfe und Palmwedel aufgelöst wird. Diese sollen auf die Vorstellung von Wildnis verweisen. Die variierenden pastellfarbigen Fliesenmuster im Hintergrund entlarvt sie dabei als Versuch, sich auf kunstgeschichtliche Vorbilder zu beziehen und von ihrem klinisch sterilen Charakter abzulenken. Die Fotografin spielt mit den Illusionen einer Naturkulisse, in denen es dem Betrachter schwer fällt, den bergang zwischen Realität und Konstruktion zu erkennen. Wild löst diese Orte dabei aus ihrem Kontext – entweder mittels der Reduktion auf ihre grafischen Elemente oder der visuellen Verweigerung ihrer Verortung. Die Fotografin reizt es, dem Betrachter die eigentliche Bestimmung dieser Räume vorzuenthalten, indem sie diese Verwahrorte fast ausschließlich ohne die dazugehörigen Tiere zeigt. In diesen »Territorien« geht es ihr um die Auseinandersetzung mit der Darstellung von Wildnis in Form architektoni- scher Strukturen, Ordnung und Zähmung. 
Text: Benjamin Ochse ©2020

© Hildegard Ochse Gastland Bundesrepublik Deutschland 1983-84
12.05. - 28.06.2020

Wild & Ochse. Zoologische Ansichten. Fotografien von Sabine Wild & Hildegard Ochse

Galerie im Tempelhof Museum

Alt - Mariendorf 43
12107 Berlin