Der Sammler
Joseph Hierling wohnt 5 Kilometer entfernt vom Buchheim Museum in Tutzing. Er wurde 1942 in München geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre wurde er Fernsehkameramann. Er war Personalratsvorsitzender beim Bayerischen Rundfunk und Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst in Bayern. 1981-1994 führte er zudem eine Galerie in München. 1990 bis 2002 war er Leiter der Film- und Fernsehproduktion beim Bayerischen Fernsehen. Seine Sammlung baute Hierling über die Jahrzehnte hinweg und in enger Zusammenarbeit mit dem Marburger Kunsthistoriker Rainer Zimmermann (1920-2009) auf, der als Wiederentdecker des »Expressiven Realismus« gilt.

Sammlung
Zimmermann würdigte die Sammlung Joseph Hierling als »größte und qualitätsvollste Kollektion von Gemälden des Expressiven Realismus«. Lothar-Günther Buchheim, der Gründer dieses Museums, fand einst die Vorstellung »bestrickend«, ihre Bilder in der Nähe seiner Expressionistensammlung ausgestellt zu wissen. Noch im Wachsen begriffen, umfasst die Sammlung von Joseph Hierling derzeit über 1.280 Gemälde und einige Skulpturen von über 300 Künstlern des »Expressiven Realismus«.

Ausstellung
Die Präsentation ist, dem Motto Buchheims folgend, ein »Fest fürs Auge«! 88 Werke von 53 Künstlerinnen und Künstlern wurden für die Ausstellung ausgelesen. Die Künstlerbiografien sind an den Werken zu finden. Im benachbarten Expressionistensaal hängen die »Gemälde der Brücke« aus den Sammlungen Gerlinger und Buchheim. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Für Buchheim ist der Expressionismus keine abgeschlossene Epoche, im Gegenteil: Er vertritt die Ansicht, dass der Begriff die widerstrebenden Grundtendenzen verkörpere, die für die gesamte Kunst der Moderne bis zur Gegenwart maßgeblich sind: das Suchen nach der »dingbezogenen Form« und das »autonome Gestalten mit frei erfundenen Zeichen«.

Expressiver Realismus
In diesem Spannungsfeld zwischen Realismus und Abstraktion agierten auch die Vertreter des »Expressiven Realismus«. Die Künstler dieser zwischen den beiden Weltkriegen im deutschsprachigen Raum vorherrschenden künstlerischen Strömung wurden zwischen 1890 und 1914 in Deutschland und Österreich geboren. München war neben Berlin, Dresden und Stuttgart ihre wichtigste Begegnungsstätte.

Die Entdeckung des »Expressiven Realismus« steht immer noch am Anfang. Die Künstlerinnen und Künstler dieser »Verschollenen Generation« erlebten ihre Erfolge in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen. Nach Verfemung durch die Nationalsozialisten erlitten sie in der Nachkriegszeit eine zweite Diskriminierung. In Auseinandersetzung mit Impressionismus, Expressionismus und neuer Sachlichkeit waren sie in den Weimarer Jahren (1918-1933) zu einer von malerischen Valeurs und kompositorischer Schönheit geprägten Malerei gelangt. Dies passte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in das Bild einer nach reiner Abstraktion strebenden Kunstgeschichte. Der »Expressive Realismus« galt dann als rückständig. Dabei stand er in seiner Zeit genau für das Gegenteil: für einen Fortschritt der Kunstgeschichte!

1920 galt der Expressionismus als »tot«, seine abstrahierenden Stilisierungen drohten zu leeren Formeln zu verkommen. Eine neue Generation trat an, um dem »Spiritualismus« des Expressionismus einen »neuen Realismus« entgegenzusetzen. Die breite Bewegung betrieb eine neue Hinwendung zur Wirklichkeit, aber auch eine Wiederbelebung malerischer Qualitäten. Viele Einflüsse vorangegangener Strömungen wurden aufgegriffen und zu einer neuen Synthese verbunden. Die Tonigkeit und die Pastosität des Impressionismus wurden wiedererweckt und mit Ausdrucksformen des Expressionismus vermengt. In seiner Wirklichkeitsnähe kommt der »Expressive Realismus« der »Neuen Sachlichkeit« nahe, jedoch lässt er deren kühle Distanz beiseite. Die Künstler des »Expressiven Realismus« lassen den Ersten Weltkrieg hinter sich. Ihre »Wahrheitsmalerei« öffnet sich den Themen des Lebens meist mit sonnigem Mitgefühl und Freude an Schönheit. Diesem Ethosfolgen die Kapitelgliederung von Ausstellung und Katalog: ›Stadt‹, ›Land‹, ›Nackte‹, ›Interieurs‹, ›Blumen‹, ›Männer‹ und ›Frauen‹ im Saal sowie ›Kinder‹ auf der Galerie eine Etage höher.

Erich Glette, Blumentisch mit Mädchen, 1936, Sammlung Joseph Hierling
30.05. - 18.10.2020

»Wahrheitsmalerei«. Expressiver Realismus aus der Sammlung Hierling

Buchheim Museum

Am Hirschgarten 1
82347 Bernried am Starnberger See