Es ist kein Geheimnis, dass das Feld der Kunst eine besonders richtungsweisende Funktion für die politische Ökonomie erlangt hat. Wir sind uns bewusst, in welchen Missstand die Kunst mittlerweile vollständig eingebunden ist. Plutokratische Herrschaftsformen und Strategien der Vermögensverwaltung definieren zunehmend die betrieblichen Strukturen der Kunstinstitutionen. Die Orte der Produktion, Distribution, Vermittlung, Rezeption und Konsumption des Kunstbetriebes sind gänzlich gleichbedeutend mit sozioökonomischer Ungleichheit. Künstler*innen sind ein gern zitiertes Beispiel dafür, wie Arbeiter*innen in einer hyperatomisierten Branche ausgebeutet, enteignet und entrechtet werden, die von asymmetrischen Eigentumsrechten, Freiberuflerverträgen, Vertraulichkeitsvereinbarungen und mündlichen Angeboten beherrscht wird.

Wie greifen wir in die daraus folgenden rechtlich-ökonomischen Strukturen ein, die gelebte Beziehungen und Arbeitsverhältnisse in der Kunstwelt bestimmen? Wie überwinden wir die unerträgliche Entkopplung zwischen dem politischen Anspruch, den Kunstwerke in sich tragen und den tatsächlichen politischen Gegebenheiten, die die Bedingungen der Produktion und Distribution von Kunstwerken bestimmen?

Die Arbeitsgruppenreihe
Die Ausstellung Arbeitsgruppen des Künstlerhauses Stuttgart stößt eine zweijährige Reihe geschlossener Arbeitsgruppen an, die eine grundlegende Neubewertung der institutionellen Verwaltungsstrukturen, sozioökonomischen Bedingungen und Arbeitsverhältnisse der Kunstproduktion und -distribution vornehmen sollen. Diese Arbeitsgruppen, bestehend aus lokalen, regionalen und internationalen Interessenträgern werden für das Künstlerhaus Stuttgart Richtlinien, Verträge und Satzungen entwerfen und umsetzen. Neben der direkten Anwendung auf das Künstlerhaus Stuttgart als reaktive institutionelle Fallstudie, bietet die Arbeitsgruppenreihe ein Modell kollaborativer Leitungsstruktur und fördert erfahrungsbasierte Untersuchungen gemeinschaftlicher politischer Strategien.

Das Künstlerhaus Stuttgart wurde 1978 von Künstler*innen gegründet und bietet deshalb einen institutionellen Rahmen, der sich organisatorisch eignet, um Ordnungsstrukturen und Entscheidungsprozesse aus Sicht praktizierender Künstler*innen neu zu betrachten und umzugestalten. Als Kunstinstitution, dem deutschen Vereinsrecht unterstellt, kommt dem Stimmrecht der Mitglieder in der Satzung des Künstlerhauses eine entscheidende Bedeutung zu. Zusätzlich zur Verantwortung, die mit der Wahrung des Stimmrechtes einhergeht, unterhalten die Mitglieder – deren Mehrheit sich aus Künstler*innen und anderen Berufsgruppen, die ihrer Arbeit künstlerische Kriterien zugrunde legen, zusammensetzt – zahlreiche Werkstätten und Ateliers, die im gleichen Gebäude wie die Ausstellungs- und Büroflächen untergebracht sind. Folglich nehmen Künstler*innen einen Platz ein, der die institutionelle Verantwortung eng mit den unmittelbaren Produktionsbedingungen des Künstlerhauses verzahnt.

Durch das Beharren auf dem Künstler als Schlüsselfigur in Entwurf und Umsetzung institutioneller Richtlinien, fordert die Reihe geschlossener Arbeitsgruppen am Künstlerhaus Stuttgart den weithin verinnerlichten Erwartungshorizont heraus, der besagt, dass die Arbeit von Künstler*innen notwendigerweise rein inhaltliche, zum Konsum bestimmte Ergebnisse hervorbringe. Arbeitsgruppen stellt somit auch zur Disposition, inwieweit ausstellende Kunstinstitutionen der Aufmerksamkeitsökonomie und ihrer gegenwärtigen Nachfrage nach konsumierbarem Inhalt widerstehen können, indem sie jene Arbeit von Künstler*innen, die nicht zum Konsum bestimmt ist, anerkennen und wertschätzen. Nur wie können Künstler*innen und ihre Institutionen die tatsächlich gelebten Bedingungen vollständig verwirklichen, die Kunst als untrennbar von den in Kunstwerken verankerten symbolischen, sensorischen und affektiven Systemen hervorbringen und vertreiben?

Das Videodokument der Arbeitsgruppe Services
Der Ausstellungsteil von Arbeitsgruppen am Künstlerhaus Stuttgart zeigt das vollständige Videoarchiv, das eine historische, geschlossene Arbeitsgruppe über Arbeitsverhältnisse und institutionelle Steuerungsstrukturen im Kunstfeld dokumentiert. Diese fand am 22. und 23. Januar 1994 im Kunstraum der Universität Lüneburg statt, einer Ausstellungsinstitution ohne Sammlung in Lüneburg (heute: Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg). Der Kunsthistoriker und Kurator Helmut Draxler und die Künstlerin Andrea Fraser organisierten diese zweitägige Arbeitsgruppe auf Einladung der Kodirektor*innen des Kunstraumes Beatrice von Bismarck, Diethelm Stoller und Ulf Wuggenig. Teilnehmer*innen der Arbeitsgruppe außer den Organisator*innen und Kodirektor*innen waren Judith Barry, Ute Meta Bauer, Jochen Becker, Ulrich Bischoff, Iwona Blazwick, Susan Cahan, Michael Clegg, Stephan Dillemuth, Renée Green, Martin Guttmann, Renate Lorenz, Christian Philipp Müller, Fritz Rahmann und Fred Wilson. Die ausgesprochen ehrlichen und kritisch reflektierten Arbeitsgruppendiskussionen zwischen Organisator*innen, Vertreter*innen des Kunstraumes und den eingeladenen Fachleuten wurden auf Video aufgenommen. Dieses Video wurde in der Folge als Teil der Ausstellung Services: Eine Frage nach Bedingungen und Verhältnissen projektorientierter künstlerischer Praktiken (Kunstraum Lüneburg, 24. Januar – 20. Februar 1994) gezeigt. Direkt im Anschluss an ihr Debüt im Kunstraum Lüneburg wanderte die Ausstellung Servicesan das Künstlerhaus Stuttgart (1994), den Kunstverein München (1994), das Depot in Wien (1995), das Sous-sol, École Supérieure d’Art Visuel in Genf (1995) und das Provinciaal Museum in Hasselt (1995). Hiernach wurde das Ausstellungsprojekt als Parasite am Clocktower, PS1 in New York (1997), und als Antagonisms am Museu D’Art Contemporani de Barcelona (2001) realisiert. Es wurden zwar jeweils Arbeitsgruppen mit neuen Gästen und Vertreter*innen der jeweiligen Gastinstitution organisiert, jedoch gab es keine weiteren Videoaufzeichnungen.

Die Ausstellung Services – sowie die geschlossene Arbeitsgruppe als zentrale operative Einheit, welche die Ausstellung selbst hervorbrachte – entsprang der Untersuchung des Modells der Dienstleistung, die Draxler und Fraser gemeinsam unternahmen. Das Ziel des Vorhabens war es, eine Gemeinsamkeit der Kunstpraktiken der frühen 90er-Jahre, die sich durchweg in ephemeren Displays und Aktivitäten zeigte und nicht als veräußerbare Objekte auf den Kunstmarkt übertragen wurden, in ökonomischen Begriffen zu fassen. Eine zentrale Fragestellung beispielsweise war es, inwieweit Wirtschaftstheorien der Dienstleistungserbringung herangezogen werden könnten, um das Verständnis einer Honorarverhandlung zwischen Künstler*in und Institution, bei der es um ein nicht veräußerbares Werk geht, zu erweitern. Ihre Forschung an der Dienstleistungserbringung erforderte eine Neubewertung der sozioökonomischen Bedingungen und Verhältnisse, unter denen künstlerische Praxis ausgeübt wurde. Indem sie den Begriff der Dienstleistung ins Gespräch brachten, um bestimmte Arbeitsformen im Kunstfeld zu erfassen, machten sie Gebrauch von einer langen Geschichte sozialer, rechtlicher und ökonomischer Analyse der Dienstleistungsarbeit.

Ein Hauptmerkmal der Dienstleistung als Arbeitsform ist die Gleichzeitigkeit von Produktion und Konsumption, die durch eine ständige Anpassung der Arbeitszeitanforderungen vermittelt werden. Zeitliche Flexibilität – die justierbare Disziplinierung der Zeit – die der Notwendigkeit der Produktion als direkte und immanente Antwort auf die Nachfrage des Verbrauchers entspringt, unterstellt Dienstleistungen den oftmals prekären rechtlichen Standards von Subunternehmer- und Freiberuflerverträgen. Im Dienstleistungssektor teilen sich Arbeitgeber und Konsument zunehmend die arbeitgebende Funktion. Die Nähe des Produzenten zu den Launen der Konsumenten ist ausschlaggebend für die Betrachtung der Missstände und Missbräuche am Dienstleistungserbringer. Desweiteren schufen die instabilen Arbeitszeitbedingungen grob asymmetrische Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Um die fortdauernde Ausnutzung und schlechte Behandlung der Dienstleistungsarbeiter*innen zu verstehen, ist es unabdingbar, die geschlechts- und herkunftsspezifische Dimension sowie die sozial geformten Identitäten und Körper der im Dienstleistungssektor Angestellten mit einzubeziehen. Ausbeutung, Enteignung und Entrechtung der Dienstleistenden müssen auch in ein Verhältnis zu der ursprünglichen und fortdauernden Geschichte der Sklaverei, Leibeigenschaft und des Menschenhandels gesetzt werden. Als warenförmige Arbeitsform, welche ausschließlich auf Anfrage in Auftrag gegeben wird, hat die Bereitstellung von Dienstleistungen Unternehmen und Organisationen in Arbeitsvermittlungsagenturen verwandelt, welche Sozialabgaben, Rechtsschutz und Lohnsteuern auf den Arbeiter abwälzen. Diese rechtlich gültigen Ausnahmeregelungen für Arbeitgeber haben dafür gesorgt, dass die Beauftragung von Dienstleistungen zunehmende Verbreitung in der Weltwirtschaft gefunden hat.

Die Dienstleistungsforschung beschreibt einen wachsenden Arbeitssektor und ein oft kopiertes Modell des Arbeitsmanagements, welches erst noch in das Arbeitsrecht, die Gewerkschaftsarbeit und in die institutionellen Einstellungspraktiken Eingang finden muss. Es gibt viele Hürden für die Regulierung der Dienstleistungsarbeit. Da gibt es die Rechtsschwierigkeiten der Anwendung vertraglicher Teilhabe auf einzelne Dienstleistungen, welche auf schriftlichen oder mündlichen privaten Einzelverträgen beruhen, die oftmals lediglich einseitige Angebote darstellen, die jeglichen Verhandlungsspielraum zu den Geschäftsbedingungen, die dem Dienstleistungserbringer zum Vorteil sein könnten, entbehren. Darüber hinaus gibt es ideologische Hindernisse für die Implementierung von Arbeitsstandards im Dienstleistungssektor. Die Interaktion zwischen Produktion und Konsumption, sowie die variablen Arbeitszeiten, die die Dienstleistung kennzeichnen, werden oft als ideale Bedingungen und Beweis für die hohe individuelle Autonomie des Dienstleisters hochgehalten. Dienstleistungsarbeit und Selbstständigkeit im Allgemeinen werden mit Unabhängigkeit und dem höheren Maß an Kontrolle darüber wann, wo und für wen man arbeitet, beworben. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass beispielsweise die Bezeichnung „Freier Kurator“ lediglich einen Euphemismus für einen Beruf darstellt, der durch die wiederholte Betonung seiner Unabhängigkeit die tatsächlichen Abhängigkeiten, die am Werk sind, verleugnet. Selten kommt zum Vorschein, von wem welche Art von Abhängigkeit ausgeht, wenn von Unabhängigkeit die Rede ist. Die Arbeitsverhältnisse verstecken sich im dominanten Modell künstlerischer Produktion, zum Teil auch, weil die Behauptung der künstlerischen Unabhängigkeit von den bestimmenden Institutionen, Lieferketten und Fertigungssystemen oftmals die in diesen Zusammenhängen vorherrschenden Arbeitsverhältnisse verleugnet. Das Beharren auf künstlerischer Unabhängigkeit schließt einen kollektiven Prozess, in dem wir unsere Arbeitsbedingungen organisieren und gemeinsam die Bürden unserer arbeitenden Subjektivitäten aufarbeiten könnten, aus. Schließlich spalten, verneinen, widersprechen und übergehen Künstler*innen, Kurator*innen und andere Kulturarbeiter*innen durch ihre selbsterklärte Politik künstlerischer Unabhängigkeit nicht nur die materielle Politik ihrer Arbeitsverhältnisse, sie reißen auch eigentlich gemeinsame Kämpfe an sich.

Im Zuge der Arbeitsgruppe Services im Kunstraum Lüneburg diskutierten 1994 die Teilnehmer*innen offen ihre Arbeitserfahrungen und tauschten sich über ihre konkreten Kämpfe innerhalb sich gleichender Arbeitsbedingungen aus. Das Videodokument dieser zweitägigen Diskussion bietet einen umfassenden Einblick in diese gemeinsamen Kämpfe, chaotischen Interaktionen und komplexen Fragestellungen, die in einer Einführung sowie in vier thematischen Blöcken, einer Abschlusssitzung und einer öffentlichen Präsentation der Organisatoren und Teilnehmer*innen, verhandelt wurden. Die thematischen Sitzungen hießen: Institutionen Dienen (Serving Institutions), Dem Publikum Dienen (Serving Audiences), Gemeinschaften Dienen (Serving Communities), Künstlern und Kunst Dienen (Serving Art and Artists). Die Ausstellung Arbeitsgruppenam Künstlerhaus Stuttgart hebt diese Diskussionen der Arbeitsgruppe am Kunstraum Lüneburg hervor, um eine Geschichte der individuellen und kollektiven Zwangslagen, mit denen Arbeiter*innen im Kunstkontext konfrontiert sind, zu erzählen. Und durch die Übernahme der Arbeitsgruppenstruktur von Services strebt Arbeitsgruppen eine Aktualisierung der Geschichte der Ausstellung an. Diese Vergangenheit in die Gegenwart drängend, schlägt die Ausstellung ein Modell der intervenierenden Sinnbildung und kollektiven Organisation vor, das auf die gegenwärtige historische Konstellation der Arbeitsverhältnisse und Ordnungsstrukturen in der künstlerischen Produktion und jenseits derselben angewandt werden kann.

Im Kontext der Ausstellung Arbeitsgruppen entsteht eine neue Publikation The Services Working Group (1994 – 1995) in Zusammenarbeit mit dem Verlag Fillip, Vancouver. Dieses Buch greift die Geschichte der Arbeitsgruppe Services auf und stellt ihren politischen Imperativ in Bezug auf aktuelle Realitäten im Kunstbetrieb zur Disposition. Es enthält ein frisch produziertes englisch-deutsches Transkript der kompletten ursprünglichen Arbeitsgruppendiskussionen. Die vom Künstlerhaus Stuttgart und dem Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg koproduzierte Übersetzung dieses Transkripts übernahm Fiona Bryson. Brysons Übersetzung dient ebenfalls als Untertitel für das Videodokument der Arbeitsgruppe Services im Rahmen der Ausstellung Arbeitsgruppen.

Übersetzung: Anna Romanenko & Björn Kühn


Öffnungszeiten:
Samstag - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: kuenstlerhaus.de