Kunst und Spiritualität haben viel gemeinsam. Traditionell wird Künstler*innen eine außerordentliche Sensibilität der Wahrnehmung zugeschrieben. Bis heute verhandeln sie in ihren Werken große philosophische, psychologische oder spirituelle Fragen. Sie erforschen Innenwelten und experimentieren mit Entgrenzungserfahrungen. Oft entstehen Kunstwerke aus einem Zustand der Konzentration oder Kontemplation, welcher mit dem der Meditation vergleichbar ist.

Der Begriff „Spiritualität“ geht auf lateinisch spiritus zurück, was Seele, aber auch Atem, Geist oder Dichtergabe bedeutet. Atem und Seele stecken auch in Inspiration, auf die wir Kunst bis heute zurückführen. Die Neurowissenschaft geht davon aus, dass Spiritualität und Religion Grundbedürfnisse des Menschen sind. Vermutlich zählt auch die Kunst dazu. Beim Meditieren, davon berichten Angehörige unterschiedlicher spiritueller Traditionen, lösen sich Körpergrenzen auf. Es entsteht ein Gefühl von Verbundenheit mit dem Kosmos und den Menschen. Ähnliche Erfahrungen vermitteln die ausgestellten Arbeiten von vier Künstler*innen. Die Werke stammen aus der Sammlung der Berlinischen Galerie. Sie sind größtenteils erstmals in den Räumen des Museums zu sehen.


Künstler*innen:
Johannes Geccelli (Königsberg 1925 – 2011 Jühnsdorf) spricht mit Bezug auf seine Malerei von „rationaler Mystik“. Den Prozess der Entstehung beschreibt der Künstler wie in der Meditation als „große Zurücknahme des Ichs. Es ist sozusagen ein völliges Sichleer-machen in diesen Bildern.“ Aus vielen kleinen, abgestuften Farbfeldern erzeugt der Künstler einen vibrierenden Farbraum.
Auch Göta Tellesch (Duisburg 1932 – 2013 Berlin) interessiert sich in ihrer Malerei für Wirkungen von Immaterialität und Durchlässigkeit. Ihr Ziel ist es, einen Farbraum zu schaffen, „der atmet, wo es ‚durchweht‘.
“ Tellesch sprüht die Farbe mit einer Spritzpistole auf Gaze oder PVC, wolkig-dünn in horizontalen Streifen. Die Technik erfordert, so die Künstlerin, die Konzentration eines „Zenbogenschützen“.

Der Reiz des Übersinnlichen schleicht sich bei dem Gemälde von Eberhard Havekost (Dresden 1967 –2019 Berlin) durch die Hintertür ein. Der Künstler ist vieles, aber kein Mystiker. Er arbeitet kalkuliert und refektiert mit Material aus dem Internet, Magazinen oder eigenen Fotografien. In diesem Fall experimentierte er mit dem Verschwinden oder Erscheinen des Bildgegenstands.

Das Zentrum des Gemäldes von Zora Mann (*1979Amersham / Großbritannien), einer tempelartigen Architektur in leuchtenden Farben, bildet eine funkelnde Rosette aus Augen. Diese übt einen starken Sog aus und scheint den Übergang in eine andere Sphäre zu ermöglichen. Vorhang und Augenkissen dehnen dieses Bild auf humorvolle Weise in den realen Raum aus.

Zora Mann, The Daughter of the Easter Egg, 2017, © Zora Mann
03.06. - 12.10.2020

Wide Open. Seelenbilder – Seelenräume

Berlinische Galerie

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