Ein Gemeinschaftsprojekt der Katholischen Seelsorgeeinheit Baden-Baden mit dem
Museum Frieder Burda und der Stiftung Dieter Krieg.

Thermisches Wasser aus der Fettquelle spendet Energie und verspricht Heilung, am Boden liegende „Lichtquellen“ symbolisieren gleichermaßen physische wie geistige Erhellung, freudig tanzende Bären versprühen Lebensfreude: Mit der aktuellen Präsentation DIETER KRIEG. LICHT UND QUELL in der Stiftskirche in Baden-Baden bündeln die drei Institutionen Kirche, Museum und Künstlerstiftung ihre Kräfte in einem besonderen Ausstellungsprojekt. Dieter Krieg zählt zu den bedeutenden deutschen Malern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Krieg (geboren 1937 in Lindau, gestorben 2005 bei Köln) lebte in den 1970ern in Baden-Baden und war unter anderem auch für die Kunsthalle Baden-Baden als Aufsicht tätig, bevor seine Arbeiten dort gezeigt wurden. Mit seinen existentialistischen Themen, die von leisem, intellektuellem Humor durchdrungen sind, und einem expressiv figurativen Malstil gelingt Krieg ein persönlicher Gestus, der allein für sich steht, keiner Strömung unterliegt und somit immer zeitlos, spannend und unverbraucht bleibt. Dieter Krieg war Vertreter Deutschlands auf der Biennale Venedig 1978. Zahlreiche Auszeichnungen und seine über 25jährige Lehrtätigkeit an der traditionsreichen Düsseldorfer Kunstakademie zeugen von seiner Reputation. Viele seiner Schüler wurden später international bekannt. Im Zentrum der konzentrierten Baden-Badener Präsentation steht Kriegs monumentales mehrteiliges Gemälde „Fettquell“. Das Projekt setzt damit die bereits vor einigen Jahren begonnene Tradition der Zusammenarbeit zwischen Museum und Kirche fort, zuletzt waren Arnulf-Rainer-Werke aus der Sammlung Frieder Burdas gezeigt worden.

Die ursprünglich romanische, später mehrfach umgebaute Stiftskirche Liebfrauen, die am Fuß des Florentinerbergs erhöht die Altstadt von Baden-Baden überragt und deren Kirchturm weithin sichtbar ist, gehört zu den Wahrzeichen der Kurstadt. Der eindrucksvolle Bau mit seiner über 1000jährigen Geschichte strebt nicht nur gen Himmel, sondern ist auch in besonderer Weise geerdet. Er ist die Grablege der badischen Markgrafen. Schon Jahrhunderte zuvor stießen die Römer an diesem Ort auf thermisches Quellwasser, das später Baden-Baden seinen Namen gab. - Eine aufwendige Renovierung der Stiftskirche, allein aufgrund der hohen Bodenfeuchtigkeit, erfordert ab Juli 2020 die Freiräumung des Langhauses.

In dieser einmalig raumgreifenden Atmosphäre eines leeren Kirchenschiffes dürfen drei speziell für diesen sakralen Ort ausgewählte Arbeiten Dieter Kriegs für einen Monat ihre Wirkung entfalten. Wobei die sensibel zurückgenommene Inszenierung der Kunst die besondere Situation der leeren Kirche würdigt und unterstreicht und die Architektur des Gebäudes neu erleb- und erfahrbar macht. Die siebenteilige großformatige Arbeit „Fettquell“ Dieter Kriegs kehrt somit in die Nähe ihrer still in ihrer Grotte vor sich hin plätschernden Namenspatronin, der mineralischen Fettquelle am Friedrichsbad zurück, die zu den zwölf historischen Thermalquellen Baden-Badens gehört, die am Südosthang des Florentinerberges entspringen. Der Name Fettquelle rührt von der speziellen Mineralisierung her, die ihr Wasser wie Fett glänzen läßt.

Kriegs „Fettquell“ aus dem Jahr 1998 gehört zu seinen durchaus ironischen Verbeugungen vor der Stadt Baden-Baden, in der er einige Jahre lebte und wirkte. Sie ist Teil einer Reihe von Gemälden, in denen er sich an den eher versteckten oder auch skurrileren Besonderheiten der Kurstadt „abarbeitete“. Zumal ihn in seiner Liebe zur Sprache die Wortmalerei „Fettquelle“ sicher besonders reizte: Fett – als Nahrungsmittel wie als Wärmequelle, steckt voller Symbolik und eröffnet viele Referenzebenen, kunsthistorisch (vor allem seit Beuys), aber eben auch christlich-theologisch.
 
In seinem Werk holt Krieg immer wieder auch die Sprache aufs Tableau, gibt Wörtern, Buchstaben, aber auch banalen Alltags-Gegenständen einen eigenen, oft plastisch wirkenden Bild-Raum, geschaffen aus der überbordenden Materialdichte der verwendeten Acrylfarbe, die seine Arbeiten sinnlich werden lässt. Worte oder Buchstaben setzen Impulse für weite Assoziationsräume, sie fordern und stimulieren die Gefühlswelt und Phantasie des Betrachters. Dieter Krieg verbindet Anspruchsvolles, bewegt sich in einer der Literatur verschriebenen Intellektualität, hebt aber gleichzeitig die schlichte Einfachheit, besser: die uns umgebenden Banalitäten des Alltags hoch. In seinen Arbeiten bemüht er aus empathischer Lebenshaltung heraus auch immer wieder aufs Neue das Menschsein.

Einem Leinwand-T von F E T T setzt Krieg bildhaft ironisch einen Wurstzipfel sozusagen „aufs Dach“. Leicht gelblich, manchmal auch grünlich schimmert es auf den vier großen Leinwänden an den Rändern und im Hintergrund. Die Quelle – der Quell – steht für Wasser, Fließen, Leichtigkeit, Ursprung, rein und unverdorben dringt sie an die Oberfläche, Krieg verflüssigt sie amalgamierend auf transparentem Plexiglas.

Als plastisch agierender Maler entwickelt Dieter Krieg aber auch einige wenige Skulpturen. In die Taufkapelle der Stiftskirche ziehen die drei „Bären“ ein, die Krieg in Zusammenarbeit mit seinen Studenten 1979 original bei Steiff produzieren ließ. Die drei mannshohen Stoffbären stehen in ihrem geschlossen Energiekreis und halten sich fest. Sie sind ganz bei sich und wenden sich dennoch einander zu, als befänden sie sich in einer endlosen Meditation über Liebe, Freundschaft und Gemeinsamkeit und natürlich über das Kindsein – als eine der großen Antriebskräfte in der Kunst.

Vervollständigt wird die triadische Komposition der Ausstellung, die damit einen pointierten Überblick über wichtige Elemente im Werk Dieter Kriegs gibt, durch die Arbeit „4 Watt Lampen“. Dabei handelt es sich von der Form her um eine handelsübliche Größe von Neonröhren, 1,40 Meter lang, von Krieg selbst nachgeformt und aus Gummi gegossen, dann mit den Steckelementen versehen, so dass sie den Anschein einer 4 Watt Lampe, einer funktionierenden Neonröhre, gibt. Die insgesamt 50 skulpturalen, demonstrativ unprätentiösen Röhren-Elemente können frei auf dem Boden verteilt, auch zum Kreuz geformt werden.
 
Es ist vor allem eine symbolisierte Energie, die alle drei Werke verbindet - sei es das wärmende Fett, das lebensspendende Wasser, die positive Ausstrahlung der Bären oder die erhellende Energie des imaginären Lichts, das durch die Röhren der 4 Watt Lampen fließt. Ideelle Energien, denen die Besucher der Ausstellung in dem atmosphärischen Kirchenraum nachspüren können.

Zum theologischen Hintergrund:
Der Titel des Bildes „F e t t quell“ regt in diesem Raum auch theologisch an: In den fünf Büchern des Mose ist „Fett“ ausschließlich zur Opferung für den Herrn gedacht, was in dem Satz „Das ganze Fett gehört dem Herrn“ gipfelt (Lev 3,16). Fett oder in seiner flüssigen Form als Öl nimmt eine besondere Stellung im Verhältnis von Gott und Mensch ein. Wurden in der Bibel Könige gesalbt, so sind es heute Täuflinge, die durch das Chrisamöl gesalbt werden zu „König, Priester und Prophet“. Der zweite Wortteil „Quell“ des Bilderzyklus hat nicht nur in der Bibel die Bedeutung von Leben und Erfrischung. Für das Christentum bringt Jesus Christus das Wasser des Lebens – es wird im Kirchenraum zum Beispiel durch das Tauf- und Weihwasser oder durch das Vorlesen aus der Heiligen Schrift als Quelle der Weisheit erfahrbar.
„Es ist wunderbar, dass wir nun bereits zum dritten Mal ein gemeinsames Projekt mit dem Museum Frieder Burda in der Stiftskirche verwirklichen können, diesmal auch in Zusammenarbeit mit der Stiftung Dieter Krieg. Der ohne Bänke frei begehbare Kirchenraum ist für sich schon ein besonderer Eindruck, der den Kirchenraum mit den gotischen Säulen und dem Gewölbe in seiner Struktur erfahren lässt.“ So Pfarrer Michael Teipel, verantwortlich für das Projekt auf Seiten der Katholischen Seelsorgeeinheit Baden-Baden. Und weiter: „Die großformatigen Bilder „F e t t quell“, die nicht nebeneinander stehen, unterstützen das Kreuzen der Blicke im Raum und erschließen ihn und die Bilder neu. Spannend, wie sich auch bei diesem Projekt wieder Thema und Raum verbinden.“ 

Auch Elke Burda, Stiftung Frieder Burda, freut sich sehr über die Zusammenarbeit mit der Stiftskirche: „Es ist ganz im Sinne meines Mannes, dass wir die Idee der Kooperation zwischen Museum und dem auf viele Weise wertvollen Kirchenbau mit spannenden Kunstprojekten lebendig halten. Frieder Burda hat den Künstler Dieter Krieg und seine expressiven Werke immer sehr geschätzt, sie in ihrer Authentizität als zeitlos empfunden.“


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Samstag: 10:00 - 16:00 Uhr
Sonntag: 14:00 - 18:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen 

Der Besuch erfolgt gemäß den aktuellen Corona-Richtlinien, es besteht Maskenpflicht.