Träume und Visionen faszinieren uns seit Anbeginn und sind prägend für Kunst und Kultur. Als essenzieller Bestandteil vieler Weltreligionen bilden sie die Brücke zu einem transzendenten Raum, den der Mensch braucht und sucht. Am Beispiel von 62 Gemälden, Skulpturen, Handschriften, Fotografien und Filmen aus der Sammlung Rau für UNICEF sowie hochkarätigen Leihgaben aus Museen und privaten Sammlungen offenbart sich Rätselhaftes, Visionäres, Inspirierendes. »Traum und Vision« ist Teil der fantastischen Welten, die das Arp Museum in diesem Jahr einnehmen. Es steht unter dem Motto »Total surreal« ganz im Zeichen Salvador Dalís, für den die Kunst der Alten Meister eine reiche Inspirationsquelle war.

»Traum und Vision« wird gleich mehrfach in diesem Jahr zu einem kuratorischen Bindeglied, zu einer inhaltlichen Triebfeder für das gesamte Museum. So zeigt sich die Kunstkammer Rau wieder einmal als veritable Herzkammer.« Dr. Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums Bahnhof Rolandseck

»Diese Ausstellung erzählt von den gemalten, in Holz und Stein gemeißelten Visionen und Träumen unserer Vergangenheit. Sie gewinnen Gestalt in der Kunst, die Gustav Rau sammelte – für die Kinder der Welt und mit einer Vision für ihre Zukunft, indem er sie UNICEF vermachte. Unsere Zukunft braucht unsere Träume, unsere Visionen.« Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland

»Frühchristliche Visionäre wie der hl. Hieronymus aus der Sammlung Rau gehörten nicht zu den Gewinnern des Lebens. Vielfach war ihr Leben geprägt von langer Einsamkeit, von Verzicht. Aus dieser Krise retteten sie sich in eine neue Innerlichkeit. Zum Teil haben wir das in den letzten Monaten auch ansatzweise erfahren. Was geben uns diese Visionäre der Vergangenheit noch? Sie zeigen uns, wie man aus einer Krise wieder aufsteht, wie man aus ihr sogar Kraft schöpft. In schwierigen Zeiten braucht es gerade diese Art von Kunst, die offenlegt ohne bloß zu stellen. Ich wünsche uns allen mit dieser Ausstellung, dass sie nicht nur die Vergangenheit schildert, sondern uns auch aus ihr heraus Wege in die Zukunft aufzeigt.« Dr. Denis Alt, Vorstandsvorsitzender der Landes-Stiftung Arp Museum Bahnhof Rolandseck und Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz

Traum | Kunstkammer Rau: rechter Raum
Die Ausstellung beginnt mit dem Thema Traum. In ihm ist alles möglich: Es wachsen einem Flügel oder man überquert Wunschbrücken in einen transzendenten Raum zu Geistern und Göttern. Im furchterregenden Blick der Medusa und in den großformatigen Masken und Fetischfiguren aus Afrika und Papua-Neuguinea gewinnen unsere Traumgestalten ein Gesicht. Sie bannen das Böse, vertreiben schlechte Träume oder lassen den Träger mit den Ahnengeistern, die sich in ihnen vergegenwärtigen, verschmelzen.

Träume offenbaren aber auch Ur-Ängste der Menschen. Sie lassen die Hölle auf Erden erstehen. Exemplarisch steht hierfür der Kampf des hl. Antonius mit seinen inneren Dämonen. Die unterschiedlichen Facetten der Qualen des Heiligen werden besonders in den Werken aus der Sammlung Kraft verdeutlicht, die aus unterschiedlichsten Epochen stammen. Mal ist es der Teufel, der dem asketisch lebenden Mann Trugbilder von schönen Frauen oder ein Leben in Wohlstand und Reichtum vorspiegelt, dann ist es die Misshandlung durch grausige Dämonen, die ihm unerträgliche Schmerzen zufügen. Seine Versuchungen und Peinigungen sind vor allem beliebte Bildmotive in der spätmittelalterlichen Kunst (u. a. hier bei Cranach, Dürer, Brueghel). Einer der Höhepunkte der Ausstellung ist die Darstellung des hl. Antonius von Jan Mandijn aus dem 16. Jahrhundert. Eine der jüngsten Arbeiten in diesem Themenbereich stammt von Antonius Höckelmann (1937 – 2000), der seinen letzten Bildzyklus kurz vor seinem Tod der »Versuchung des hl. Antonius« (1998 – 2000) gewidmet hat.

In der Moderne wird die Hölle zur Unterwelt: In durchsichtig dunklen Schlieren huschen geisterhafte Schatten durch die Vorhölle von Johannes Brus. Peter Gilles wirft seine inneren Dämonen mit seinem eigenen Blut auf die Leinwand zurück.

Zwischenwelten | Kunstkammer Rau: Mittelraum
In den Zwischenwelten liegen Ekstase, Schlaf und Tod eng nebeneinander. Dort ruht der schlafende Jesusknabe auf einem Totenschädel, der visionär auf seine Endlichkeit hinweist. Daneben setzt Gustave Courbet eine klassische Schönheit, eine Bacchantin, in Szene. Deren rauschhafte Ekstase soll sie dem Gott des Weins näherbringen. Anderen Träumern wie dem biblischen Jakob, eröffnen sich in spätmittelalterlichen Handschriften Brücken in den Himmel. Im Zeitalter des Humanismus liegen diese Zwischenwelten im Hier und Jetzt. In ihnen nimmt der Mensch aktiv und dynamisch sein Schicksal selbst in die Hand. Die Federzeichnungen der spätmittelalterlichen »Pilgerfahrt des menschlichen Lebens« scheinen aus einem modernen Comic entsprungen zu sein. Laut, expressiv und satirisch überspitzt schildern sie die verschlungenen und oft irrigen Lebenswege, die den fehlbaren Helden vom rechten Weg abbringen.

Punktuell beleuchten einige Fotografien die spätere Entwicklung. Die Technik- und Wissenschaftsbegeisterung des 18. und 19. Jahrhunderts führt dank der rasanten Schnelllebigkeit ihrer Entwicklung zu einer Flucht aus der Vernunft ins »Sommerland der Geister«. Der Spiritismus ist um 1900 eine weltweite große Volksbewegung, an der auch eine ganze Künstlergeneration teilnimmt: Victor Hugo, Rainer Maria Rilke und zahlreiche Surrealisten lassen sich von Geisterhand führen, schreiben automatisch, entdecken das Unbewusste. Die Fotos in der Ausstellung wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von dem praktischen Arzt Schrenk-Notzing aus München gemacht. Wer damals in der Münchner Gesellschaft etwas auf sich hielt, ging zu ihm in seine spiritistischen Sitzungen. Im Zentrum dieser Séancen standen Medien, – meist junge Frauen wie Marthe Béraud – die angeblich übersinnliche Fähigkeiten hatten und imstande waren mit der Geisterwelt in Kontakt zu treten.

In wunderbaren Zwischenwelten spielen auch die frühen Stummfilme des Georges Méliès, einem der großen Pioniere seiner Zunft. Seine traumhaften Visionen waren bei Surrealisten wie Salvador Dalí oder Jean Cocteau sehr beliebt und ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Themenbereiche der Ausstellung.

Vision | Kunstkammer Rau: linker Raum
Der dritte Teil der Schau widmet sich dem Thema der Vision. Visionen sind Teil vieler Weltreligionen – sie sind identitätsstiftend für eine Gemeinschaft und formen ihre religiöse Basis. Bibel, Talmud und Koran leben von den Offenbarungen der Propheten und ihrer Nachfolger, die in direkter Zwiesprache mit dem Göttlichen oder mit seinen Boten erfolgen. Hoch dramatisch ist die Vision des Evangelisten Johannes von der Apokalypse, die das Ende der Welt voraussagt. Gemälde und Skulpturen vergegenwärtigen den Visionär, aber auch seine Vision. So wirkt die spätmittelalterliche Tafel eines unbekannten Kölner Meisters trotz ihres kleinen Formats geradezu monumental.

Auch der Visionär selbst gerät in den Fokus der Künstler. Ein beliebtes Bildmotiv in Renaissance und Barock ist der hl. Hieronymus. Er steht in Zeiten der Gegenreformation für eine neue religiöse Innerlichkeit. Dagegen zeichnen sich beim mittelalterlichen Ordensgeistlichen Franz von Assisi in seiner Sehnsucht, Christus nachfolgen zu wollen, dessen Wunden körperlich ab. In der modernen Kunst werden Visionen ebenso zum Ausdruck gebracht: Der deutsche Künstler Blalla Hallmann etwa weiß seine schizophrenen Halluzinationen und Visionen unter einem Vogelhut gut beschützt. Paul Jenkins verdichtet die Geister der Vergangenheit zu informellen Farbphänomen und Heiner Koch fängt Seelen in Gestalt bunter Schmetterlinge in einer kleinen Holzvitrine ein. Dort ruhen sie auf wächsernen Seelenbroten, die zu Allerseelen für die Verstorbenen gebacken wurden, um eine gute Ernte zu garantieren.

Katalog
Zur Ausstellung erscheint der von Oliver Kornhoff herausgegebene und von Oliver Baldes sowie Mick Vincenz gestaltete Katalog mit Texten von Susanne Blöcker, Peter Dinzelbacher, Oliver Kornhoff, Hartmut Kraft, Christian Schneider, Chiara Padilla und Christa Agnes Tuczay (28,90 Euro).