"Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei."
(George Orwell)

Schauen wir auf die Uhr, schreitet die Zeit gleichmäßig voran. Aber fast jede Erfahrung von Zeit widerspricht diesem linearen Konstrukt. Sie verrinnt, wenn man den Moment festhalten möchte und scheint stillzustehen, wenn man auf etwas wartet. Auch der technische Fortschritt – von der gesteigerten Mobilität, über die globale Vernetzung bis hin zur virtuellen Realität – bringt selten nur Zeitersparnis mit sich, sondern auch immer neue Optionen und Informationen, die, wie die ‚Grauen Herren‘ in Michael Endes Kinderroman Momo, den Menschen ihre Zeit stehlen. Zeit ist bekanntermaßen Geld. Doch wenn das durchgeplante tägliche Leben plötzlich unterbrochen wird – wie durch die Zäsur der Corona-Pandemie –, verlieren wir uns geradezu in der Zeit und haben die Möglichkeit, den allgemeinen Konsens einer synchron ablaufenden und entsprechend taxierbaren Zeit zu überdenken.

Der Widerspruch zwischen der Beständigkeit der Uhrzeit und dem variablen und mehrschichtigen Erfahrungsraum von Zeit tritt auch dann zutage, wenn sich Künstler*innen mit der heutigen Komplexität von Zeitbegriffen und –erfahrungen auseinandersetzen. In der Ausstellung A Long Time Short reflektieren die Werke von Trisha Baga, Hicham Berrada, David Claerbout, David Horvitz, Lukas Marxt, Bahar Noorizadeh, Su Yu Hsin und Agustina Woodgate die technischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen, die unsere Wahrnehmung und Bewertung von Zeit beeinflussen. Gemeinsam ist den vorwiegend videobasierten Arbeiten eine offene, assoziative Erzählstruktur, die als Reaktion auf die unregelmäßige Taktung und mediale Verflechtung unserer Leben asynchron verläuft. Sie verabschieden das Konzept einer linearen, eindimensionalen und von ökonomischen Prozessen diktierten Zeiteinteilung, indem unterschiedlich schnell ablaufende Ereignisse kombiniert werden oder der physische Erfahrungsraum mit der virtuellen Realität überblendet wird. Bewegungsarme Aufnahmen veranschaulichen das poetische Potential einer entschleunigten Zeiterfahrung, während vielbeschworene Zukunftsszenarien sich in ökologischen Themen oder vergangenen Utopien spiegeln.


Öffentliche Führungen: 
Sonntag, 30.8.2020, 06.09.2020, 13.09.2020, 27.09.2020, 11.10.2020, 25.10.2020, 08.11.2020, 22.11.2020, 06.12.2020 jewils um 15:00 Uhr