Der Leipziger Maler Norbert Wagenbrett (*1954) setzt sich in seiner Malerei seit Anfang der 1980er Jahre ausschließlich mit dem menschlichen Antlitz auseinander. Ein Bildnis ist für ihn mehr als die Reproduktion einer Person, es ist die Visualisierung seines verborgenen Wesens, das er mit malerischen Mitteln erkennbar macht.

Die Wurzeln seiner hyperrealistischen Malerei liegen in der sozialkritischen, exakten Wahrheitssuche der Neuen Sachlichkeit und sind durch seinen Werdegang geprägt: Nach einer Lehre zum Offsetretuscheur studierte Wagenbrett an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Arno Rink, Wolfgang Peuker, Volker Stelzmann und Sighard Gille. Ausgestattet mit dem handwerklichen Rüstzeug entwickelte Wagenbrett einen unverwechselbaren Malstil. 

Es ist ein sonderbarer Verismus, der den Betrachter*innen in seinen Bildnissen entgegentritt und an dem sich das Auge nicht sattsehen kann. Die stilistischen Gründe hierfür sind vielfältig. Wagenbrett malt nicht wie ein Fotorealist, obgleich auch er konturlinienbetont und nicht formauflösend arbeitet. Der glatte und zugleich kräftig deckende Farbauftrag erinnert an die Pop-Art, eine typisierende Schablonenmalerei findet jedoch nicht statt. Wagenbrett hat einen Sonderweg eingeschlagen. Seine zumeist im ungewöhnlichen Format des Kniestücks angelegten Bildnisse sind nicht vor abstrakten Gründen, sondern in einen Innenraum oder in die Landschaft gesetzt. Modell und umgebender Raum bedingen sich gegenseitig und ermöglichen eine tiefergehende soziale Kontextualisierung. Der Künstler verzichtet bewusst auf eine wirklichkeitsgetreue Übereinstimmung mit dem Modell. Die perspektivischen Gesetze werden zugunsten der Bedeutungsperspektive unmerklich aufgeweicht. Die individuellen Merkmale von Händen, Nasen, Augen und Mündern, die vermeintlich den Charakter einer Person wiederspiegeln, werden betont.

Auch der Raum bleibt in diesem Zusammenhang nicht unangetastet. Abweichend von der Seherfahrung wird er im Verhältnis zum Modell verengt, als hochgeklapptes Phänomen ohne Tiefenwirkung oder genau umgekehrt mit extremer Sogwirkung durch stürzende Fluchtlinien dargestellt. Die Folgen dieser Überzeichnungseffekte sind eine Psychologisierung des Bildes. Nicht die Objektivierung der Dingwelt wird fixiert, vergleichbar mit den biometrischen Bildvorgaben zur Personenerkennung, sondern die dahinterliegenden Wesensmerkmale des Modells bzw. dessen Individualität wird mit malerischen Mitteln freigelegt. 

Seitdem er sich vor knapp vier Jahrzehnten für das Künstlertum mit all seinen gesellschaftlichen Freiheiten aber auch materiellen Risiken entschied, hat sich Norbert Wagenbrett mit all seiner kreativen Lebenskraft dem Humanismus verschrieben. Seit Anfang der 1980er Jahre setzt er sich in seiner Malerei ausschließlich mit dem menschlichen Antlitz auseinander. Ausgestattet mit dem handwerklichen Rüstzeug, das ihm die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig während seines 2-jährigen Grundstudiums von 1977 bis 1979 vermittelte, konnte Wagenbrett einen unverwechselbaren Malstil entwickeln, der bereits in seinen ersten Bildnissen von 1984, mit denen er in Ausstellungen bekannt wurde, nahezu vollständig entfaltet vorlag.

Die kunsthistorischen Vorbilder liegen für Wagenbrett in der Malerei der Neuen Sachlichkeit, allen voran Max Beckmann (1884–1950). Wichtiger als die Benennung der Vorbilder ist jedoch die Fragestellung, warum sich Wagenbrett zur Fortschreibung der Porträtmalerei gerade von dieser magisch-veristischen Stilrichtung inspirieren lässt. Wahrscheinlich, weil hier die maßgeblichen bildnerischen Möglichkeiten zu finden sind, um Individualität im Sinne von Einzelschicksal, welches durch das spezifisch soziale Umfeld nachhaltig geformt wird, festzuhalten. Mit Vexierbildern vergleichbar changieren Wagenbretts Bildnisse zwischen Einzelform und Typus, zwischen Zeitlosigkeit und Zeitgeist. Daher beinhalten auch die meisten Bildtitel nicht den vollständigen Namen der Porträtierten. Etwas Allgemeingültiges soll sich herausbilden: authentische Repräsentationsbilder einer modernen Gesellschaft.

Der Schwierigkeit dieser künstlerischen Aufgabe ist sich Wagenbrett bewusst, wenn er kritisch anmerkt: „Wir können uns nicht wirklich sehen, wir schauen uns an, wir können einander betrachten, einen Moment innehalten, näherkommen und im Anderen uns neu wiederfinden. So nimmt das Andere in mir Gestalt an, das andere Selbst.“

Die Retrospektive im MdbK vereint nahezu 50 Porträts aus allen Schaffensphasen und ist zugleich die erste institutionelle Ausstellung in seiner Heimatstadt.

KATALOG
Die Publikation zur Ausstellung erscheint im Juni 2020. Die ca. 80 Seiten enthalten Beiträge von Richard Hüttel und Marcus Andrew Hurttig sowie zahlreiche Farbabbildungen. Der Band wird im Buchhandel und im Museumsshop für ca. 20 € erhältlich sein.