Pantha rhei – alles fließt. So lautet die berühmte Formel des griechischen Philosophen Heraklit. Leben bedeutet Veränderung: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Was einen der klügsten, griechischen Köpfe noch vor der christlichen Zeitrechnung beschäftigt, transformiert der Brite Tony Cragg, einer der bedeutendsten Bildhauer weltweit, in seiner neuen Ausstellung in gegenwärtige Wirklichkeit. Points of View“ („Blickpunkte“) heißt die Präsentation, die vom 3. Juli bis 13. September 2020 im Schloss Museum Wolfenbüttel gezeigt wird.

„Wir freuen uns, dass wir dank der Curt Mast Jägermeister Stiftung wieder einen bedeutenden Künstler der Gegenwart in unseren Räumlichkeiten präsentieren können. Nach Günther Uecker und Markus Lüpertz fühlen wir uns geehrt, Arbeiten des weltbekannten Bildhauers Tony Cragg hier in Wolfenbüttel zu zeigen. Die Präsentation von zeitgenössischer Kunst in den barocken Räumen des Wolfenbütteler Schlosses schafft neue Perspektiven und Blickpunkte, sprich Points of View“, sagt Dr. Sandra Donner, Leiterin des Museums Wolfenbüttel.

Die Grundlage von allem, was ist, heißt Veränderung. Das haben Natur und Kultur gemein. Besonders spannend erscheint dieser Prozess, wenn man ihn beobachten oder mit allen Sinnen erleben kann. Über zwanzig Skulpturen aus den 1990er-Jahren bis heute bilden einen Schwerpunkt der Ausstellung, darunter unter anderem die titelgebende Arbeit „Points of View“. Die Werke erscheinen als abstrakte Vexierrätsel, die sich dynamisch im Raum entwickeln und statische Plastiken in spannende Erlebnisse verwandeln. Die Idee über ewiges Werden und Wandeln findet hier ihren zeitgenössischen Ausdruck.

Alles kommt aus der Materie
Schon als Kind war Tony Cragg fasziniert von Zeugnissen der Evolution. Mit seinem Bruder ging er auf Entdeckungstouren und sammelte Fossilien. Kleine Überreste von Lebewesen, die über Tausende von Jahren einen energetischen Prozess der Transformation überdauern, in dem die Form oft konserviert, das Material jedoch verändert wird. Solche Metamorphosen sind es, die den Künstler noch heute interessieren. Während die Natur hier das passende Material zur Erhaltung einer Form entwickelt, sucht Cragg die passende Form für ein Material. Nicht aber, um etwas zu bewahren, sondern um die Idee über betreffende Materie zu ändern und ihr einen neuen Ausdruck zu verleihen.

„Es gibt keine Form, die keinen Inhalt hat, und es gibt keinen Inhalt, der keine Form annimmt“, erklärt Prof. Cragg das Prinzip in einem Interview. „Mich interessieren Materialien, die mir die Möglichkeit geben, etwas über die Materie zu sagen.“ 

Neben organischen Materialien wie Stein oder Holz erhebt Cragg auch artifizielle Werkstoffe wie Bronze, Stahl, Edelstahl oder Glas zum Gegenstand seiner Untersuchungen. Sie bilden den Ausgangspunkt für einen künstlerischen Prozess, an dessen Ende Skulpturen unbändigen Formenreichtums stehen. Die Wildheit ihrer Bewegungen scheint in dynamischer Eleganz gebannt: alles eine Ansichtssache.

„Ich habe die Ausstellung gemacht, die ich machen wollte“
„Die historischen Räume hier im Museum sind etwas ganz Anderes und damit in den Dialog zu treten, ist sehr spannend“, so Prof. Cragg. „Ich habe die Ausstellung gemacht, die ich machen wollte. Ich möchte Arbeiten machen, die ein Dialog sind zwischen rationalem Denken und Gefühlen – so wie ich es auch im Leben gerne hätte. Die Kunst kratzt an dem Mysterium unserer Existenz. Kunst ist das, was allem einen Sinn gibt. Ein Kunstwerk ist nur ein Tor, das man mit dem Kopf öffnet.“ Prof. Cragg weiter: „Man gewöhnt sich sehr an sein Leben und dann passiert etwas wie Corona, das uns zwingt, diese Gewohnheiten abzulegen – und das sehe ich nicht immer negativ.“ 

„Wir sind alle ausgedurstet, deshalb passt es umso besser, Kultur ins Leben zu bringen und wieder einzutauchen. Kultur ist etwas, was wir leben und was uns am Herzen liegt“, erklärte Manja Puschnerus, Geschäftsführender Vorstand der Curt Mast Jägermeister Stiftung. „Ich kann die Wolfenbütteler Bürger nur animieren, herzukommen und sich diese Ausstellung anzusehen. Auch das ist Solidarität – dem Museum, der Stadt und auch dem Künstler gegenüber.“

„Ich bin von der Ausstellung begeistert. Die Besucher erwartet ein spannender Dialog zwischen den Objekten und den Räumen des Museums. Es ist eine große kulturelle Bereicherung, dass durch die Initiative der Curt Mast Jägermeister Stiftung und der Unternehmerfamilie Mast bedeutende, zeitgenössische Künstler in unserer Stadt zu erleben sind“, so Alexandra Hupp, Leiterin des Kulturbüros der Stadt Wolfenbüttel. „Schon die Außenskulptur ermöglicht eine erste Begegnung mit Tony Craggs Werk auch für diejenigen, die es vielleicht nicht in das Museum schaffen.“ 

„Ich würde mir wünschen, dass es eine Diskussion um die Skulptur gibt, aber das muss aus der Stadt kommen. Kunst muss nicht gefallen, sie soll anregen“, erklärte Florian Rehm, Sprecher der Unternehmerfamilie Mast, zur neben dem Schloss aufgestellten Bronzeskulptur „Stack“ aus dem Jahr 2018.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: schlosswolfenbuettel.de