Hans Haacke (*1936 in Köln) ist international bekannt für seine institutionskritischen Arbeiten, in denen er sozialpolitische Verflechtungen des Kunst(markt)systems aufdeckt und als kritischer Verfechter einer Kunst der ,Aufklärung‘ gesetzeswidrige, missliche und bedrohliche Realitäten thematisiert. Im Oktober 2019 wurde ihm der Arnold-Bode-Preis von der Stadt Kassel verliehen und eine Retrospektive (Hans Haacke. All Connected) im New Museum in New York eröffnet, wo der Künstler seit Mitte der 1960er-Jahre lebt. Im Herbst erhält er den Goslarer Kaiserring des Jahres 2020.

In seinem wenig bekannten Frühwerk (circa 1965-72) setzte Haacke Tiere und Pflanzen als Akteure in biologischen „Real-zeitlichen Systemen“ (Jack Burnham) ein und nannte diese humorvoll seine „Franziskanischen Arbeiten“. Der namensspendende Heilige galt als Tierfreund, Ökologe und Pazifist, der mit Tieren kommunizierte und sich ihrer annahm. Gerade diese Arbeiten thematisieren die Grenzen eines Werks in Bezug auf seine Umwelt und hinterfragen die Trennung zwischen Kultur und Natur, sind damit signifikant für die Gegenwartskunst. Die Ausstellung vereint einen frühen Künstlerfilm (1969) mit einer Auswahl von Fotografien dieser selten gezeigten biologischen, skulpturalen Systeme sowie für diese Themenfelder zentrale Publikationen: Beleuchtet werden Systemtheorie und Kybernetik, wichtig für Haackes Skulpturverständnis in jenen Jahren, sowie Ökologie und Umweltverschmutzung am Beispiel seiner bedeutenden Ausstellung in Krefeld im Jahr 1972, die die politischen Zusammenhänge von Haackes Arbeiten mit Natur hervorhebt. Seit dieser im Museum Haus Lange in Krefeld präsentierten Schau Demonstrationen der physikalischen Welt: biologische und gesellschaftliche Systeme prägt die Verwobenheit von Natur, Gesellschaft und Politik das Œuvre des Künstlers.

Haackes erweitertes Verständnis von Skulptur zeigt sich auch in seinen zeitbasierten, physikalischen Objekten, in denen Luft, Wasser und andere Flüssigkeiten zum Material und Bestandteil des Werks werden. In der Sammlung des Museums Abteiberg befindet sich ein solches frühes partizipatives Objekt Haackes aus dem Jahr 1965: Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, einen mit zwei unvermischbaren Flüssigkeiten gefüllten, etwa 30 cm hohen Zylinder aus Acrylglas zu wenden und dadurch den Inhalt in Bewegung zu versetzen. Diese Dauerleihgabe der Sammlung Etzold wird anlässlich der Ausstellung nach vielen Jahren erneut präsentiert.

Im Jahr 2000 realisierte Hans Haacke im nördlichen Lichthof des Reichstagsgebäudes in Berlin die kontrovers diskutierte Arbeit Der Bevölkerung. Bundestagsabgeordnete wurden und sind bis heute dazu eingeladen, Erde aus ihrem Wahlkreis nach Berlin zu bringen und dort um die auf dem Boden angebrachte Schrift zu platzieren. Das seit fast 20 Jahren wachsende Biotop bleibt sich selbst überlassen. Bereits 1970 hatte Haacke auf seinem Atelierdach einen Haufen Erde aufgeschüttet, der sich wild begrünte (Bowery Seeds).

Erstmals in Nordrhein-Westfalen zeigt das Museum Abteiberg die jeweils ortsspezifisch angepasste Arbeit Wir (alle) sind das Volk, die Haacke 2017 für die Documenta 14 in Kassel konzipiert hat. Das Banner mit den von  Regenbogenfarben umfangenen Schriftzügen in zwölf Sprachen wird in Mönchengladbach prominent sichtbar an dem von Hans Hollein erbauten Museum angebracht. Nach Stationen u.a. in Chemnitz (Kunstsammlungen), Dresden (Hochschule für Bildende Künste), Halle (Burg Giebichenstein Kunsthochschule), Leipzig (Hochschule für Grafik und Buchkunst), Weimar (Bauhaus Universität) und Zwickau (Markplatz) wurde das konzeptuelle Werk zuletzt am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München mit zwei Flaggen und einem Banner an der Fassade des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der NSDAP gezeigt. Nach dem 30-jährigen Jahrestag des Mauerfalls erinnert das Kunstwerk an den Slogan „Wir sind das Volk“ der Montagsdemonstrationen in Leipzig 1989/90, der auch zum Slogan der deutschen Wiedervereinigung wurde. Angesichts der politischen Situation in Europa behält diese Arbeit Haackes ihre Aktualität.

Die Forschungsausstellung zum Frühwerk Hans Haackes stellt in der Verschränkung von Kunst, Politik und Ökologie eine historische Ergänzung zur parallel am Museum Abteiberg laufenden Ausstellung GRIEF AND HOPE dar, die das künstlerische Werk von Andrea Bowers (*1965 in Wilmington, Ohio, USA) zeigt und von den Themen Ökologie, Ökofeminismus und den Aktivisten der heutigen Klimaschutzbewegungen handelt (15. März bis 25. Oktober 2020).

Die Ausstellung zu Hans Haacke wird gefördert von CONIVNCTA FLORESCIT, Verein der Freunde des Zentralinstituts für Kunstgeschichte e.V. (München) und dem Museumsverein Abteiberg e.V. (Mönchengladbach).


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 11:00 - 17:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
an jedem 3. Donnerstag im Monat: 11:00 - 22:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: museum-abteiberg.de

Hans Haacke, Goat Feeding In Woods, 1970 © Hans Haacke / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
21.06. - 25.10.2020

Hans Haacke: Kunst Natur Politik

Städtisches Museum Abteiberg

Abteistr. 27
41061 Mönchengladbach